Die Lehrerkonferenzen in „Frühlings Erwachen“, „Die Unberatenen“ und dem Film – ein Vergleich


Sowohl in „Die Unberatenen“ (1963 von Thomas Valentin) als auch in „Frühlings Erwachen“ (1891 von Frank Wedekind) spielt sich eine Lehrerkonferenz ab, in der über den Schulverweis eines negativ aufgefallenen Schülers diskutiert wird. Aufgrund dessen haben wir diese beiden Konferenzen mit einander verglichen.

Interessant ist auch, dass Peter Zadek „Frühlings Erwachen“ bereits 1965 im Bremer Theater inszeniert hatte. In „My Way“ schildert er seine Erfahrung mit Wedekinds Stück: „Es hatte mich damals ungeheuer beeindruckt, die Art von Unschuld und das Verderben der Unschuld liegt mir erotisch sehr nahe. Das Pornographische dabei interessiert mich heute immer noch. Zur Jugend kam dann noch die Schule hinzu […]. Es war für das Bremer Theater das ideale Stück, weil wir die jungen Leute wirklich hatten, die so etwas spielen konnten.“


Kurze Inhaltsangabe zu „Frühlings Erwachen“:

In „Frühlings Erwachen“ geht es in erster Linie um sexuelle Aufklärung. Am Ende des 19. Jahrhunderts waren die meisten Schüler zu der Zeit nicht aufgeklärt und dazu erzogen, das Thema Sex zu vermeiden. Der Schüler Moritz ist Klassenschlechtester, und seinem einzigen wahren Freund Melchior vertraut er seine Probleme mit der Sexualität an. Melchior ist darüber aufgeklärt und entwirft für Moritz einige Seiten, die ausführlich alles über Sex berichten. Dieser zieht allerdings nur wenige Vorteile daraus. Ihn belasten die Probleme mit der Schule und dem Liebesleben immer mehr, bis er sich schließlich das Leben nimmt. Inzwischen hat die Schule von Melchiors Entwurf erfahren und beschuldigt ihn, für Moritz´ Tod verantwortlich zu sein. Nach einer Lehrerkonferenz wird Melchior schlussendlich der Schule verwiesen.

In seinem gesellschaftskritisch-satirischen Drama gab Frank Wedekind den Gymnasiallehrern und weiteren „Respektpersonen“ so genannte „sprechende Namen“, z. B. Rektor Sonnenstich, Knochenbruch, Affenschmalz, Knüppeldick und Fliegentod.


Beim Vergleichen der beiden Konferenzen sind uns folgende Parallelen und Unterschiede aufgefallen:

Konferenz in "Frühlings Erwachen" Konferenz in "Die Unberatenen"
  • Rektor Sonnenstich leitet die Sitzung
  • Pedell Habebald assistiert
  • Rektor hält lange Ansprachen
  • lässt Melchior nicht zu Wort kommen,
    stattdessen nur mit „ja“ und „nein“ antworten
  • behält die Fassung
  • ist fest entschlossen, Melchior der Schule
    zu verweisen
  • dramatisiert die Situation
  • Sprachgebrauch erinnert an die Kaiserzeit
  • anwesende Lehrer beschäftigen sich mehr mit
    Nebensächlichkeiten, die Situation verliert
    an Ernsthaftigkeit
  • die Situation wird konservativ angegangen
  • scheinbar einziger Lösungsweg des Rektors:
    Das Problem muss beseitigt werden
  • Rektor Gnutz leitet die Sitzung
  • Sekretärin Chrobock assistiert
  • Rektor hält lange Ansprachen
  • hört Rull an, beachtet seine Meinung aber
    kaum
  • zeigt aggressives Verhalten
  • ist fest entschlossen, Rull der Schule
    zu verweisen
  • dramatisiert die Situation
  • Sprachgebrauch erinnert an die NS-Zeit
  • Rektor Gnutz sowie alle anderen Anwesenden
    nehmen die Situation sehr ernst
  • die Situation wird konservativ angegangen
  • scheinbar einziger Lösungsweg des Rektors:
    Das Problem muss beseitigt werden

Mit dem konservativen Verhalten der Lehrer haben wir uns näher beschäftigt. Hierzu ist uns aufgefallen, dass beide Rektoren die Meinungen ihrer Schüler wenig bis gar nicht ernst nehmen. Rull kommt zwar mehr zu Wort als Melchior, dennoch trägt seine Meinung kaum etwas zur Entscheidung bei. Die Rektoren vertreten die Ansicht, dass der Schüler unterrangig ist und unterdrückt werden muss, eine Einstellung die seinerzeit häufig vertreten wurde. Damit gehen sie an die Konferenz heran, und die Schüler werden entsprechend behandelt, der Rektor nimmt eine Machtposition ein. Diese wird den Schülern deutlich gemacht. („Die Unberatenen“, S. 236: „Gnutz schlug mit beiden Händen jäh und flach auf die Schreibtischplatte. Es klatschte.“) Auch die Unterstützung der beiden Assistenten lässt die Rektoren hochrangiger und mächtiger wirken („Die Unberatenen“, S. 235: „Soll ich mitstenografieren“ fragte Fräulein Chrobock dazwischen?“ […] „ Fräulein Chrobock – zu welchem Zweck habe ich Sie sonst wohl hierher gesetzt?“ Dennoch tragen sie nicht viel zur Konferenz bei. Sie sollen lediglich verdeutlichen, dass man sich dem Rektor gegenüber ehrerbietig verhalten sollte. Nationalsozialistisches Gedankengut in den Köpfen der Lehrkräfte in Valentins Roman lässt sich darauf zurückführen, dass sie im „Dritten Reich“ aufgewachsen waren oder Karriere gemacht hatten. Sie vertreten die alten Ansichten immer noch, nur dies dürfen sie diese in der Schule der Bundesrepublik Deutschland nicht mehr offen preisgeben.

Da bei diesem Projekt unser Hauptobjekt der Film „Ich bin ein Elefant, Madame“ von Peter Zadek ist, haben wir uns außerdem mit Parallelen zwischen dem Film einerseits und „Frühlings Erwachen“ sowie der Romanvorlage andererseits beschäftigt. Auch im Film wird die Lehrerkonferenz gezeigt, allerdings stark verkürzt und auf eine parodierende Weise: Auf der großzügigen Dachterrasse des Alten Gymnasiums stehen Lehrer gereiht nebeneinander an der Balustrade, jeweils mit einer Teetasse in der einen und der Untertasse in der anderen Hand. Die Parodie dieser Szene besteht darin, dass die die Lehrer fast synchron ihre Tasse zum Munde führen. Im Vergleich zu den Lehrerkonferenzen bei Wedekind und Valentin ist das Meinungsspektrum der Lehrer deutlich breiter. Es fallen verschiedene Äußerungen verschiedener Charaktere mit unterschiedlichen Ansichten. Die wohl am meisten erschreckende Aussage kommt von Dr. Mueller-Frank: Fest überzeugt bezeichnet er den Schüler Rull als Partisanen, der – wie er sich ausdrückt – „abgeschossen“ werden müsse, und hinterlässt damit einen bleibenden Eindruck. Diese Aussage haben die Drehbuchautoren jedoch nahezu wortwörtlich aus dem Roman „Die Unberatenen“ übernommen. Dort äußert der Lehrer Jottgrimm, ein ehemaliger U-Boot-Kommandant, während der Konferenz: „[…] was ich fordere, ist eine liebevolle, aber gesunde Härte: ein Partisan wie Rull muss abgeschossen werden!“ (S. 269)