Filmstil


Wir haben einige Filmsequenzen ausgewählt und zunächst einmal die darin
verwendeten Mittel der Filmsprache (Einstellungsgrößen, Kamerasicht und Schnitte)
so gut es ging ausgezählt sowie tabellarisch erfasst. In einem zweiten Schritt
beschreiben und interpretieren wir die Sequenzen.


Sequenz Einstellungsgrößen Kamerasicht Anzahl der Schnitte
„Schüler im Klassenraum und Lehrer stirbt“ Detailaufnahmen 2
Nahaufnahmen 3
Großaufnahmen 7
Amerikanische Einstellungen 0
Halbnahaufnahmen 4
Halbtotale 25
Totale 7
Untersicht: 1
Normalsicht: 51
Aufsicht: 5
Bauchsicht: 0

58

„Indianertanz“ Detailaufnahmen 0
Nahaufnahmen 5
Großaufnahmen 0
Amerikanische Einstellungen 0
Halbnahaufnahmen 0
Halbtotale 14
Totale 15
Untersicht: 0
Normalsicht: 14
Aufsicht: 6
Bauchsicht: 0

32

„Billa, Worpswede“ Detailaufnahmen 4
Nahaufnahmen 3
Großaufnahmen 1
Amerikanische Einstellungen 1
Halbnahaufnahmen 0
Halbtotale 2
Totale 5
Untersicht: 1
Normalsicht: 7
Aufsicht: 0
Bauchsicht: 0

8

„Raucherstunde“ Detailaufnahmen 0
Nahaufnahmen 21
Großaufnahmen 6
Amerikanische Einstellungen 0
Halbnahaufnahmen 0
Halbtotale 7
Totale 0
Untersicht: 0
Normalsicht: 18
Aufsicht: 0
Bauchsicht: 0

27

„Lehrergespräch auf Balkon“ Detailaufnahmen 0
Nahaufnahmen 7
Großaufnahmen 2
Amerikanische Einstellungen 0
Halbnahaufnahmen 0
Halbtotale 12
Totale 6
Untersicht: 0
Normalsicht: 12
Aufsicht: 1
Bauchsicht: 0

27

„Straßenbahnblockade“ Detailaufnahmen 2
Nahaufnahmen 4
Großaufnahmen 1
Amerikanische Einstellungen 0
Halbnahaufnahmen 0
Halbtotale 6
Totale 6
Untersicht: 0
Normalsicht: 14
Aufsicht: 6
Bauchsicht: 0

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Straßenbahnblockade
In der ersten und zweiten Einstellung sieht man eine Straßenbahn von vorne, in der Dritten einen
Schüler, der sich alleine auf die Straßenbahnschienen setzt. In den folgenden kurzen Einstellungen
kommen immer mehr Schüler hinzu. Ungefähr alle fünf Sekunden werden in Parallelmontage die Lehrer
auf dem repräsentativen Schulbalkon gezeigt. Zadek spielt in diesem Abschnitt des Films auf die
Demonstrationen der Schüler gegen die erhöhten Straßenbahnpreise im Januar 1968 an. Der schnelle
Wechsel zwischen den Einstellungen auf dem Schulbalkon und den Schülern auf den Straßenbahnschienen
in dieser Sequenz veranschaulicht nicht nur den Protest gegen die Straßenbahnpreise,
sondern auch einen Streik der Schüler. Dies wird mit Äußerungen der Lehrer wie:
„Und in sechs Wochen ist Abitur, Spielregeln gibt es nicht mehr“ belegt.


Lehrergespräch auf dem Balkon über Rull
Peter Zadek will mit dieser Sequenz auf übertriebene Art und Weise zeigen, wie die Lehrer damals zu den
Schülern standen oder in diesem Fall eben nicht standen. Die Anfangsmontage lässt erkennen, dass der
Regisseur von seiner Theaterarbeit geprägt war, da alle sechs Lehrer auf dem Balkon frontal zu der
Kamera stehen und jeder einzelne nacheinander seinen Part aufsagt. Mit vielen harten Schnitten und
kurzen Einblendungen von Ausschnitten aus der vorausgegangenen Filmsequenz, die reale Reaktionen
auf Rulls Hakenkreuzschmiererei wiederholen, möchte Zadek zeigen, wie sehr die Lehrer damals noch
von der Nazizeit geprägt waren. Äußerungen zweier Lehrer lassen dies deutlich erkennen:
„Es ist eine biologische Tatsache, dass Fremdkörper ausgesondert werden“ (Dr. Wieland)
oder „Ein Partisan wie Rull gehört abgeschossen, und damit basta!“ (Dr. Mueller-Frank).
Außerdem merkt man an diesen Reaktionen, dass einige Lehrer Rull hassen.
(=interner Link zur Seite „Vergleich mit Frühlings Erwachen …“)


Indianertanz auf dem Bremer Marktplatz
In dieser Sequenz wird vom häufig die Technik des Cross cuttings verwendet.
Durch die harten Schnitte und das Überblenden von der Halbtotalen zur Totalen und dann wieder
in die Nahaufnahme wird der Zuschauende zum genauen Hinsehen animiert. Gleichzeitig zeigt das
Set nur zwei sich gegenüberstehende Gruppen. Auf der einen Seite die Polizisten, auf der anderen
Seite die Schüler, darunter Rull als Indianer verkleidet, der versucht, durch Tanz und Gesang die
Polizisten zu provozieren. Die Schüler bilden Ketten und laufen, indem sie rhythmisch
„HO-HO-HO-Tschi-Minh!“ rufen, stets vor und zurück. Damit demonstrieren
sie ihren Zusammenhalt rotz aller Widerstände.
(=interner Link zur Seite „Protestbewegung von 1968“)


Billa, Worpswede
In dieser Sequenz, die ziemlich am Anfang des Filmes spielt, läuft Billa eine von Birken
gesäumte Straße nahe Worpswede entlang. Verwendet wird größtenteils die Normalsicht.
Am Anfang sieht man ihren ganzen Körper, dort wird die Halbtotale verwendet und später,
wenn sie kurz vor der Kamera angekommen ist, nur noch ihren Kopf, also die Großaufnahme.
Die Sequenz soll die Freiheit ausdrücken, die die Schüler fordern. Billa hat viel Platz
und läuft fröhlich, springend, lachend auf die Kamera zu. Sie spielt in dem Film eine
wichtige Rolle, weil sie die Freundin von Rull ist und er sich nur von ihr etwas sagen lässt.
Sie muss sehr stark sein, weil er oft auch sie provoziert.
Wahrscheinlich dauert die Sequenz deshalb so lange an.
(=interner Link zur Seite „Worpswede im Film“)


Schüler im Klassenzimmer und Lehrer stirbt im Schulkorridor
In der Sequenz wird häufig zwischen den Schülern hinter ihren Bänken und dem Lehrer vor
der Tafel hin und her gewechselt. Dies geschieht jedoch nie durch das einfache Schwenken d
er Kamera, sondern ausschließlich durch Schnitt und Gegenschnitt. Das soll den Konflikt,
der zwischen Lehrern und Schülern besteht, drastisch zum Ausdruck bringen. Dazwischen
wird häufig ein weißer Hintergrund eingeblendet, wobei der Zuschauer das laute Klingeln
der Schulglocke hört. Das wirkt zunächst wahrscheinlich ziemlich verwirrend, ist aber
eine extreme Art des harten Schnittes, die zeigen soll, wie kurz die Pausen für die Schüler
waren. Danach wird in der Sequenz immer zwischen dem langsamen Sterben eines älteren Lehrers
auf dem Flur und der Klasse hin und her gesprungen. Als der Lehrer dann tot ist, interessiert
das nur wenige Schüler, und verwundert ist auch niemand. Der Direktor findet in dem Jackett
des Toten dessen roten Lehrerkalender, in dem Schüler ausschließlich mit Sechsen bewertet wurden.


Raucherstunde
In dieser Sequenz diskutieren die Schüler mit ihrem Lehrer über einen Brief, der Rull betrifft.
Er soll von der Schule geworfen werden, und seine Mitschüler sind bereit zu protestieren.
Dieses „Privatschreiben“ des Schulleiters an Rulls Vater wird von einem Schüler vorgelesen.
Währenddessen sitzt der Deutschlehrer Dr. Nemitz vorne, liest seine Zeitung und raucht.
Danach gibt er zum Besten, dass er darüber nicht diskutieren wolle. Die Kamera bewegt sich nur,
während vorgelesen wird, in den Reihen der Schüler, um den Zusammenhalt zwischen ihnen zu zeigen.
Danach werden immer wieder der Lehrer und die Schüler in einander abwechselnden Einstellungen gezeigt.
Auffällig ist, dass nur während dieser Sequenz im Klassenraum geraucht wird. Der Lehrer macht es zur
Beruhigung. Indem ein Mitschüler Rulls dann dazu aufruft, zu protestieren und sich gegen den
Rauswurf zu wehren, demonstriert er anschaulich den Aufstand der Schüler gegen das Verhalten der Lehrer.