Erziehung und Schule in den 1960er Jahren


Erziehung: Wie war ihr Zustand am Anfang der 60er Jahre?

Am Anfang der 60er Jahre waren die autoritären Strukturen noch vorhanden, und autoritäre Erziehungsmethoden wurden auch noch in vielen Familien angewendet.


Was hatte sich daran gegen Ende der 1960er Jahre geändert?

Die traditionelle Erziehung stand auf dem Prüfstand, und es wurde die Frage gestellt: „Geht es in dieser Debatte wirklich um die gegenwärtigen Probleme von Bildung und Erziehung?“ Dabei war das Weltbild der Rechten ganz klar und unverrückbar, sie meinten, man brauche ’’Mut zur Erziehung’’, d. h. Autorität, verlässliche Werte, klare Zielsetzungen, Gehorsam, Pflicht. Die Linken wollten die Arbeiterkinder, die Jugendlichen aus sozial schwachen, wenig vorgebildeten Elternhäusern, Menschen am Rande der Gesellschaft, mit Emanzipation und Aufklärung erreichen, nur ist ihnen dies nicht gelungen.

Die Studentenbewegung radikalisierte die antiautoritäre Gesellschaftskritik. In Form von Demonstrationen wurde sie in der Öffentlichkeit ausgetragen. Etwa 1967 entstand in Deutschland die antiautoritäre Bewegung. Viele waren sich darin einig, dass die autoritäre Erziehung überholt sei. Einige lehnten jegliche Autorität ab.

Die nunmehr moderne antiautoritäre Erziehung wurde als „freiheitliche Erziehung“ und „kon-sequent demokratische Erziehung“, aber auch als „unterdrückungsfreie“ oder „sexualfreund-liche“ Erziehung bezeichnet. Für einige war sie auch sehr identisch mit der „sozialistischen (linken) Erziehung“. Es bildeten sich zwei Hauptrichtungen heraus, die liberale und die sozia-listische Ausprägung. Dabei war die liberale Prägung eher individualistisch und privatistisch orientiert und ist am persönlichen Glück des einzelnen interessiert. Die sozialistische Prägung ist hingegen klassenkämpferisch und politisch ausgerichtet, und ihr Ziel ist es, die spätkapita-listische Gesellschaft revolutionär verändern. Dies ist jedoch eine sehr radikale Version.

Der erste, 1968 in Berlin-Neukölln gegründete Kinderladen - ein Beispiel für antiautoritäre Erziehung


Liberale Ausprägung

Auffassung von Jean Jacques Rousseau (1712 – 1778)

Jean Jacques Rousseau entwickelte in seinem Erziehungsroman die Idealvorstellung einer „natürlichen Erziehung“. Ihr liegt der Glaube an das von Natur aus gute Kind zugrunde. Der Erzieher sollte nicht direkt als Autorität eingreifen, sondern muss geduldig sein, denn das Kind muss frei und ungestört im Sinne eines natürlichen Entfaltungsprozess wachsen. Für Rousseau ist „die größte, wichtigste und nützlichste Regel jeglicher Erziehung…: Zeit verlie-ren und nicht gewinnen“. Auf jeder Erziehungsebene soll das Kind glücklich sein, und des-halb kommt es darauf an, „Vermögen und Willen in vollkommenes Gleichgewicht zu setzen“ (J.J. Rousseau). Dieses Ziel will Rousseau jedoch nicht durch direkte Erziehung erreichen, die durch Befehle, Drohungen, Versprechungen und andere Erziehungsmaßnahmen unmittelbar eingreift. Es geht ihm um die Ausschaltung jeglicher direkter, autoritativer Einwirkungen des Erziehers.

Auffassung von Alexander Sutherland Neill (1883 – 1973)

Neills oberste Leitvorstellung ist das individuelle Glück der Kinder, darunter versteht er deren Wohlbefinden und Ausgeglichenheit, ihre Lebenserfüllung, zu der es dort kommt, wo sie Inte-resse finden und sich spontan engagieren. Erziehung wird hier nicht als direkte und absichtli-che Führung bzw. Beeinflussung verstanden, sondern als Ermöglichung spontaner und freier Selbstverwirklichung. Neills gesamte Pädagogik ist einseitig am Kinde orientiert, da es für ihn entscheidend ist, dass die Kinder glücklich sind. Dazu kommt, dass Neill primär am Glück der Kinder, ihrer Freiheit, Lusterfüllung und Gefühlsauslebung interessiert ist, somit vertritt er auch eine sexualfreundliche Erziehung. Neill bekennt auch: „Ich sehe meine Aufgaben nicht in erster Linie ein der Änderung der Gesellschaft, sondern darin, wenigstens einige Kinder glücklich zu machen“. Dies blieb für Neill nicht nur eine Theorie, wie man es machen könnte, er machte sich mit seinen Mitarbeitern daran, wirklich eine Schule zu erschaffen. Er gründete also 1921 seine Internatsschule „Summerhill“ in England. Summerhill ist eine Art Landschul-heim, in dem Kinder im Alter von 5-17 Jahren lebten. Um die Verpflegung kümmerten sich einige Hausmütter. Die Klassen bestanden in Summerhill im Durchschnitt aus sechs Kindern.


Sozialistische Ausprägung

In der sozialistischen antiautoritären Erziehungsbewegung ging es um den Kampf gegen die bürgerliche Gesellschaft, die sie mit Hilfe der Erziehung revolutionär verändern wollte. Diese Erziehung ist davon überzeugt, dass sich das Glück aller Kinder nur verwirklichen lässt, wenn die spätbürgerliche Gesellschaft insgesamt revolutionär verändert wird. Die Linken berufen sich vor allem auf Siegfried Bernfeld (1892 – 1953). Er kam aus dem linken Flügel der Ju-gendbewegung und war ein bedeutender Vertreter der Psychoanalyse. „Psychoanalyse ist eine Methode zur Erkennung und Heilung seelischer Störungen“. In der Praxis versuchte er seine antiautoritäre Erziehung mit dem Kinderheim Baumgarten (erste jüdische Schulgemeinde) zu verwirklichen. Er nahm sich vor, 300 verwahrloste 3-16 jährige jüdische Kriegswaisen in Schule und Heim unterdrückungsfrei und sozialistisch zu erziehen. Dieser Versuch scheiterte jedoch wegen scharfer Konflikte zwischen „Pädagogik“ und „Verwaltung“, die sich nicht überbrücken ließen. Der 1967 wieder aufgelegte Erfahrungsbericht Bernfelds „Sisyphos oder die Grenzen der Erziehung“ (Wien 1925) hat auf die neue antiautoritäre Erziehung starken Einfluss ausgeübt.


Schule und Schulwandel seit den 1960er Jahren

Der Heidelberger Professor Georg Picht und der Soziologe Ralf Dahrendorf haben in den frühen 1960er Jahren auf den so genannten „Bildungsnotstand“ hingewiesen. In der Folge sollte Bildung für alle ermöglicht werden. Im Film „Ich bin ein Elefant, Madame“ weist Billa auf den Notstand hin. Sie führt an, dass nur 6,8 % des Geburtsjahrgangs 1950 das Abitur erreichen werden, während es in Skandinavien 22 % und in Frankreich 19 % seien.

Die Anzahl der Schüler, die ein Gymnasium besuchen, ist seitdem gestiegen. Ein Grund hier-für war, dass das Schulgeld in den 1960er Jahren entfallen ist. In Baden-Württemberg gab es z. B. seit 1964 Schulentwicklungspläne.

1966 wurde an Volksschulen (Hauptschulen) die Schulpflicht um ein Jahr aufgestockt, sodass die Hauptschüler bis heute statt acht Pflichtschuljahren neun absolvieren müssen. Eine Begleiterscheinung der Schulreform war die Abschaffung der lateinischen Klassenbe-zeichnungen an den Gymnasien. Die Klassen wurden seit der Reform mit Ziffern bezeichnet; dies vereinheitlichte das Jahrgangsprinzip.

Die Studentenrevolte Ende der 1960 Jahre führte zur Aufweichung der autoritären Strukturen in den Schulen. Im Jahre 1972 beschlossen die Kultusminister der Länder, in der gymnasialen Oberstufe das Kurssystem einzuführen. Umgesetzt wurde das neue System seit dem Schuljahr 1977/78. Jedoch unterlag es in den vergangenen Jahren zahlreichen Veränderungen. Im Jahr 2011 bzw. 2012 werden in Niedersachsen und Bremen erstmals Gymnasialjahrgänge nach nur zwölf statt 13 Schuljahren das so genannte Turboabitur erreichen, da das bisher neunjährige Gymnasium um ein Jahr verkürzt wurde.


Der Spielort: „Altes Gymnasium“ Bremen

Dieses Gymnasium wurde 1528 gegründet. Das erste Fach, welches hier unterrichtet wurde, war Latein. Es ist das älteste Gymnasium Bremens und wurde zunächst nur von Jungen be-sucht. Der Gegenpart war das Kippenberg-Gymnasium, dies ist früher ein Mädchengymnasi-um gewesen. Seit 1955 legten vereinzelt auch Mädchen das Abitur am Alten Gymnasium (AG) ab. Die volle Koedukation wurde wohl 1959 eingeführt, jedenfalls erreichte 1968 erst-mals ein gemischter Jahrgang den Abschluss (48 Abiturienten, davon 11 weiblich). Das Schwerpunktfach des Alten Gymnasiums ist Latein und ist für alle Schüler von Klasse sechs bis neun Pflicht! Ab der achten Klasse müssen sich alle Schüler zwischen Altgriechisch und Französisch als dritte Fremdsprache entscheiden.

Nachdem das AG das Gebäude 1987 verlassen musste, zog es in die „Kleine Helle“ um, und die Hochschule für Künste zog in das altehrwürdige Gebäude in der Innenstadt ein. Das AG wurde von prominenten Personen wie zum Beispiel Karl Carstens (Bundespräsident von 1979 bis 1984) besucht.

Das ehemalige Schulgebäude ist der Hauptschauplatz des Films: „Ich bin ein Elefant, Mada-me“. Peter Zadek und Robert Muller saßen wochenlang in den Unterrichtsstunden, um das Drehbuch zu diesem Film zu schreiben. Aus diesen Hospitationen erhielten sie viele Anre-gungen für Szenen und Figuren.