Edwin Koenemann



edwin koenemann


Biografie


Edwin Koenemann wurde am 20 April 1883 in Bonn als Jüngstes von sechs Geschwistern geboren. Sein Vater war Russe und erwarb später die deutsche Staatsangehörigkeit.

Seine Schulzeit bis zum Abschluss der Oberrealschule im Jahre 1900 verbrachte Koenemann ausschließlich außerhalb des Elternhauses in Göttingen. Der Grund dafür war, dass die nicht mehr jungen Eltern mit dem jüngsten und wohl auch schwierigsten Kind sich in der Erziehung überfordert sahen. Die angestrebte Ingenieur-Ausbildung am Technikum in Thüringen blieb nur eine kurze Episode, da Koenemann sich mehr der „literarischen Betätigung“, ersten Arbeiten für Zeitungen und Zeitschriften, und der Liebe zum Radsport widmete.

Gegen seinen Willen musste er auf Geheiß seines strengen Vaters eine Kaufmannslehre in Bremen absolvieren. Während dieser Zwangsjahre gelang es ihm nebenher, erste lyrische Gedichte in Zeitungen unterzubringen, vor allem aber, sportliche Erfolge als einer der befähigsten Amateurradrennfahrer zu erzielen. Allerdings nicht ohne Stürze, zum Teil mit schweren Kopfverletzungen.

1908 zog Edwin Koenemann mit seiner damaligen Freundin Sofie Friederike auf Rat eines Arztes aufs Land. Der Grund dafür waren finanzielle wie auch gesundheitliche Probleme und weitere Konflikte mit dem Vater. In seinem Falle hieß das: Umzug nach Worpswede, das er besuchsweise seit 1900 kannte. Der Vater bewilligte eine monatliche Zahlungsanweisung, diese finanzielle Unterstützung ermöglichte es Koenemann, die von dem Maler Georg Tappert (1880-1957) geleitete Kunstschule Worpswede zu besuchen. Seine berühmten Mitschüler waren Wilhelm Morgner und Heinrich Assmann. Beide fielen im Ersten Weltkrieg.

Doch diese Lehrzeit blieb nur von kurzer Dauer. Der Grund dafür waren die Schwangerschaft seiner Freundin und vor allem die Heirat. 1910 wurde seine Tochter Marion geboren. Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges verstarb sein Vater 1915, die erhofften Erbgewinne blieben bis auf die Beiträge zum Erwerb des Waldgrundstücks aus.

Koenemanns mehrfache Verhaftung als Spion (u. a. aufgrund einer Verwechslung mit einem Russen), die Einberufung 1915 und seine baldige, wohl unehrenhafte Entlassung waren für ihn ein grenzenloses Fiasko.

Die Ehe geriet in eine Krise, Streitereien und gegenseitige Vorwürfe führten dazu, dass Koenemann 1919 für einige Wochen in eine psychiatrische Klinik eingewiesen wurde.

Nach der Wiederkehr setzte sich die eheliche Krise fort, und es kam in der Folgezeit zu mehr oder weniger freiwilligen Klinikaufenthalten, wo Koenemann Grete Barleben kennen lernte.

1921 entschloss sich Koenemann die Scheidung einzureichen. Greta Barleben zog zu ihm nach Worpswede in die Waldhütte. Das Leben auf engstem Raum ohne eigene Wasserversorgung, sanitäre Einrichtungen und Strom wurde aber auf Dauer unerträglich. Den beiden war bewusst, dass sie nach einer Lösung suchen mussten. Mit Zielstrebigkeit und gebotener Zähigkeit gelang es Koenemann, das Vorhaben „Käseglocke“ nach seinem eigenen Entwurf zu bauen. Grete Barleben versuchte durch den Verkauf von Handarbeiten ihr Budget aufzubessern, und Koenemann veranstaltete Führungen durch Worpswede um die beiden über Wasser halten zu können. 1934 heiratete Edwin Koenemann Grete Barleben, die einige Jahre später an Tuberkulose verstarb.

Ein Jahr nach ihrem Tode lernte Koenemann seine spätere Frau Editha kennen, Koenemann wusste dass Editha aus einer wohlhabenden Familie stammt, und nachdem Tod von Grete Barleben wollte Koenemann unbedingt eine wohlhabende Frau kennen lernen. Editha zog zu Koenemann, und seine finanziellen Dauerprobleme waren daraufhin beseitigt. Nach dem Tod Konemanns am 25 Mai 1960 lebte Editha noch bis 1993 in der Käseglocke, mit 94 Jahren verstarb sie am 13 Februar 1993.


Käseglocke
Käseglocke in Worpswede


Dokument: Gerichtsakte (Landgericht Stade 1956)


Seit 1908 lebt der Kläger in Worpswede und gehört zu den Künstlerkreisen. Auf Grund der Zuwendungen aus dem Vermögen seines Vaters lebte der Kläger ohne Beruf und Erwerb und war in den Künstlerkreisen angesehen. Infolge der Inflation fiel der Kläger von 1924 an jedoch der öffentlichen Fürsorge anheim. Damit verlor er das Ansehen in den Künstlerkreisen und wurde, weil er sich der öffentlichen Fürsorge zur Last fiel, in der Gemeinde der bestgehasste Mann. Dank der tatkräftigen Hilfe des Zeugen Schröder (damals Ortsvorsteher in Worpswede) wurde der Kläger schließlich in die Lage gesetzt, auf seinem Grundstück ein Haus zu bauen. Der Rundbau, der zwar von Fremden vielfach gewürdigt wurde, aber von der einheimischen Bevölkerung abgelehnt wurde und von ihr die Bezeichnung Käseglocke erhielt.

Der Kläger eröffnete sich dadurch eine Einnahmequelle, dass er für die Besichtigung seines Hauses ein Eintrittsgeld von 0,30 RM erhob. Da er geistvoll und fesselnd über die Errichtung der Künstlerkolonie und über die Moorlandschaft zu plaudern wusste, erwarb er sich den Zuspruch der Fremdengäste. Da er zudem die Moorlandschaft wie kaum ein anderer kannte, was ihm zu dem Namen Moorläufer verhalf, veranstaltete er Fremdenführungen und Moorfahrten, die auch mehrtägig stattfanden. Für diese Fremdenführungen erhielt er von den Teilnehmern ein Entgelt. Ende der 20er Jahre hatte er auf diese Weise eine laufende Einnahmequelle gewonnen, die ihn von der Inanspruchnahme der öffentlichen Fürsorge unabhängig machte“.


Quelle: Teumer, Käseglocke


Werke


Gedruckte Werke Koenemanns in Buchform liegen nicht vor, weil es ihm nur gelegentlich gelang, kurze Texte in Zeitungen und Zeitschriften unterzubringen.

Einzelne Texte sind abgedruckt in:


Stelljes, Worpsweder Almanach

Teumer, Käseglocke

Schröder, „Stacheldraht-Ostern“



Gedichte

Im Moor


Manchmal, wenn eine Eule ruft

und der Mond hängt in den Zweigen

und ein Hund bellt im fernen Gehöft –

dann muss ich schauernd lauschen und schweigen.


Dann flieht meine Seele zurück,

wo vor tausend und tausend Jahren

der Vogel und der wehende Wind

mir ähnlich und meine Brüder waren...


Dann wird meine Seele ein Baum

und eine Tier und ein Wolkenweben!

Verwandelt und fremd kehrt sie zurück

und fragt mich. Wie soll ich ihr Antwort geben?

(aus: Stelljes)


Kurzinterpretation

Dies Gedicht besteht aus drei Strophen mit jeweils vier Versen, wobei sich jeweils nur der zweite und vierte Vers reimen. In diesem Gedicht geht es um Natur und Moorlandschaft. Manchmal, wenn das lyrische Ich Naturgeräusche im Moor hört oder den Mond zwischen den Zweigen beobachtet, dann erinnert sich seine Seele an uralte Zeiten und sie wird eins mit der Natur.

Das zeigt uns, dass sie sich in der Gegenwart fremd fühlt und sich in die Vergangenheit zurücksehnt. Zudem zeigt dieses Gedicht, dass Koenemann sich der Natur sehr verbunden fühlt. In der dritten Strophe sucht die Seele des lyrischen Ichs nach einer Antwort, warum sie in der Vergangenheit stecken geblieben ist.




Die alten Katen


Hingebückt in das weite Land schlummern Zeugen vergangener Zeit:

Trauern Hütten an Wassers Rand, neben Birken in wehendem Kleid.

Lehnen sich an der Wälder Saum, wie ein Vogel, der sich verirrt.

Sprechen in fremder Sprache Traum. Warten und sinnen in das,

das wird...

Klagt aus geborstenen Trümmern ein Chor einstiger Herzen sein Glück

und Leid

von den versunkenen Hütten im Moor, von der versunkenen Einsamkeit.

Drüber ziehen die Wolken fort. Regen und Hagel kämmen ihr Dach.

Aber die Hütten am stillen Ort murmeln den fliehenden Jahren nach...

Reden in ihrem zerzausten Kleid eine Sprache, die niemand versteht

wenn Frühling über die Lande schneit, wenn Herbstgold schlafen geht,

wenn Sommersonne die Moore küßt, scheu und warm

in die Büsche steigt.

Abend mit seinem kühlen Gelüst dunkler Rätsel voll schweigt...

Aber die alten Hütten im Moor reden in ihrem verwitterten Kleid

eine Sprache, die niemand versteht: Von versunkener Einsamkeit...


(aus: Teumer, Käseglocke)




Kurzinterpretation


In diesem Gedicht geht es um die alten, für das Teufelsmoor typischen Moorkaten. Edwin Koenemann schildert sie als Zeugen vergangener Zeit. Sie stehen für Einsamkeit und für alte, längst vergessene Zeiten. Wir denken, dass Edwin Koenemann damit eigene Gefühle verdeutlicht und ausdrückt, wie sehr er sich in die Vergangenheit zurücksehnt. In den letzten beiden Versen schreibt er, dass die alten Hütten im Moor eine Sprache sprechen, “die niemand versteht”. Unser Gedanke dazu ist, dass vielleicht niemand seine eigene Einsamkeit und die Sehnsüchte, die er vermitteln möchte, versteht, sodass er sich damit alleine auseinandersetzen muss.

Dieses Gedicht scheint nur aus einer Strophe mit 15 Versen zu bestehen. Das Reimschema ist Paarreim, aber es gibt zugleich einen Binnenreim, der ebenfalls in Paaren angeordnet ist.