Interview



Am 15. November 2006 kam Heinrich Hannover zu uns in die Klasse. Wir hatten uns über mehrere Wochen mit seinen Kinderbüchern und seinen Lebensstationen beschäftigt und wollten ihn jetzt persönlich kennen lernen und befragen.
Zu Beginn des Interviews waren wir sehr nervös und aufgeregt, aber mit dem Gefühl waren wir nicht alleine. Auch Heinrich Hannover war aufgeregt, wie er uns mitteilte.
Als wir endlich den Begrüßungskaffee fertig hatten und wir alle um 10.00 Uhr versammelt waren, konnte das Interview beginnen.

Wir stellten Fragen zu seinem Leben:
• seiner Kindheit
• seiner Jugend im und unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg
• seinen Erfahrungen im 2. Weltkrieg
• seinem beruflichen Werdegang
• seiner schriftstellerischen Tätigkeit als Autor von Kinder- und politischen Büchern

Über seine Kindheit berichtete er, dass er als sehr verwöhntes Einzelkind aufgewachsen sei. Die ersten vier Jahre sei er in einer ärmlicheren Umgebung groß geworden und dann mit seiner Familie in eine andere Gegend, in ein großes Haus mit einem tollen Garten gezogen. Auf seine Kindheit blicke er mit einem guten Gefühl zurück. Doch traurig mache ihn, dass die Familie selten Besuch bekam, weil sein Vater dagegen war.
Mit acht Jahren sei er freiwillig in das Jungvolk eingetreten und habe eine besondere Vorliebe für das Tragen von Uniformen gehabt. Doch schnell habe er gemerkt, dass das Jungvolk nicht zu ihm passe und er schwänzte den Dienst.
Die Schule konfrontierte ihn mit Einstellungen zu Hitler und er sei damals aufgrund dessen zu der Überzeugung gelangt, dass Nazis gute Leute seien.
In seiner Jugend prägte Heinrich Hannover die negative Meinung seines Vaters zu Kommunisten, der sie als Feinde ansah.
Mit 18 Jahren sei er in den Krieg gezogen, um für sein Vaterland zu kämpfen. Bei einem Fronteinsatz in Italien verletzte ihn ein Granatsplitter im Schulterbereich.
In den letzten Kriegstagen geriet er in amerikanische Kriegsgefangenschaft.
Im Wortlaut teile er uns mit: „Für die Verpflegung der Deutschen fühlten sich die Amerikaner nicht verantwortlich, da der Krieg mit der Kapitulation zu Ende war und somit gab es nur wenige Lebensmittel im Lager, die sich die Gefangenen aus Not gegenseitig klauten.
Als dann das Gerücht herum ging, dass die Russen das Gefangenenlager übernehmen wollten, herrschte große Unruhe unter den Gefangenen.
Ich wurde bereits nach 14 Tagen aus dem Gefangenenlager entlassen, denn ich wusste, dass man zur Freilassung eine Adresse in der amerikanischen Besatzungszone angeben musste. Ich nannte Kassel, was damals in der amerikanischen Besatzungszone lag. Alle Gefangenen, welche in der sog. Ostzone wohnten, wurden nämlich nicht freigelassen. Durch die Adressenangabe meiner Verwandten in Kassel und reiste ich wie auch 50 weitere Soldaten auf einem Ladewagen dorthin. Nach einer 12 stündigen Fahrt kamen wir im zerstörten Kassel an. Meine Verwandten nahmen mich auf, erwarteten aber ihren Sohn, der in den letzten Kriegstagen gefallen war. Aus diesem Grund waren meine Verwandten sehr traurig und behandelten mich deshalb nicht immer gut.“
Nach dem Krieg habe er erfahren, dass sich seine Eltern das Leben genommen hatten. Daraufhin sei er Ende Oktober 1945 in seinen Geburtsort Anklam gereist. Am Elternhaus angekommen, habe er einen ehemaligen Kollegen seines Vaters getroffen, der mittlerweile das Elternhaus in Besitz genommen hatte. Im Wortlaut sagte uns Heinrich Hannover: „Ich hatte keine Chance, das Haus zurück zu bekommen, aber ich kaufte mir von meinem geerbten Geld einige, mir sehr wichtige private Gegenstände zurück.“
Die örtliche Besatzungsmacht hatte seinen Vater als Kriegsverbrecher enteignet. Nach Heinrich Hannovers Auffassung sei er keiner; zum Zeitpunkt der Enteignung sei er bereits tot gewesen. So sehe sich Heinrich Hannover als junger Kriegsheimkehrer um den Anspruch seines rechtmäßigen Erbes betrogen. Bei der Regelung der Erbschaft und Eigentumsverhältnisse erwachte wohl der Wunsch Jurist zu werden.

Er holte in Kassel das Abitur nach und bemühte sich vergeblich um die Übernahme in den hessischen Forstdienst. Stattdessen nahm er das Jura Studium an der Universität in Göttingen auf.*
Nach erfolgreichem Studium und ebenso erfolgreicher Referendarzeit ließ er sich 1954 als Rechtsanwalt in Bremen nieder. Durch seinen Beruf wollte er bei der hanseatischen Kaufmannschaft Anerkennung finden, doch sein Berufseinstieg kam ganz anders.
Er sagte: „Man kann es angesichts meiner damaligen politischen Einstellung als Ironie des Schicksals oder als Zumutung betrachten, dass die Bremer Justiz mir als einer der ersten meiner anwaltlichen Aufgaben die Verteidigung eines Kommunisten zudachte.“*
Diese Pflichtverteidigung prägte sein weiteres Leben, beruflich wie auch privat.
Er verteidigte Kriegsverweigerer, verfolgte Kommunisten und trat für das Recht der freien Meinungsäußerung ein.
Sein Engagement wirkte sich negativ auf seine Familie aus. Seine Kinder hatten darunter in der Schulzeit zu leiden, denn sie wurden deshalb gehänselt und verachtet.
Durch seine direkte Art der Meinungsäußerung, auch als Verteidiger bedurfte er selbst eines Rechtsbeistands und wählte Otto Schily.
Als „Gegenleistung“ wählte Otto Schily später Heinrich Hannover ebenfalls als Verteidiger. Heinrich Hannover verteidigte auch andere namhafte Personen wie Günter Wallraff oder Daniel Cohn-Bendit.
Er setzte sich dafür ein, die Justizverbrechen der Nazizeit an die Öffentlichkeit zu bringen und nachträglich zu verurteilen.
Durch die Klärung des Mordes an Ernst Thälmann erhielt Heinrich Hannover die Ehrendoktorwürde der Humboldt-Universität Berlin, was ihn in der DDR sehr populär machte. Jahre später erhielt er ebenfalls den Ehrendoktor der Universität Bremen.
1995 ging Heinrich Hannover aufgrund gesundheitlicher Probleme in den Ruhestand und befasste sich intensiv mit dem Schreiben von politischen Büchern und Kinderbüchern.
Wir stellten ihm die Frage wie er zum Schreiben von Kinderbüchern gekommen sei. Er berichtete, dass er früher seinen eigenen Kindern ausgedachte Geschichten erzählt habe, da er selber in seiner Kindheit vor Märchen wie Hänsel und Gretel oder Schneewittchen Angst gehabt habe. Seine Kinder hätten ihm Stichwörter gegeben, die er dann zu einer Geschichte zusammensetzte. Gelungene Geschichten habe er im Nachhinein aufgeschrieben. Diese fänden sich in den zahlreich veröffentlichten Kinderbüchern wieder.
Einige Bücher wie „Das Pferd Huppdiwupp“ und „Der Hase Puschelschwanz“ sind uns aus unserer eigenen Kindheit bekannt.
Seine politischen Bücher verfasste er, um sich eine Last von der Seele zu schreiben.
Ebenfalls wollte er die Menschen über das informieren, was sich in Wirklichkeit in den Gerichtssälen abgespielt habe, da er es als einer von wenigen wusste.
Nach 1 ½ Stunden Interview bedankten wir uns bei Heinrich Hannover, der sich für uns die Zeit genommen hatte uns offen aus seinem Leben zu berichten.
Seine Kriegserlebnisse fanden wir besonders bewegend.


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