Lebenseinstellungen von Heinrich Hannover



Das Unterrichtsfach Pädagogik/Psychologie ist ein Schwerpunkt an unserem Fachgymnasium. Wir beschäftigen uns mit Themen wie Entwicklungsprozesse des Menschen wahrnehmen, Persönlichkeit im sozialen Kontext begreifen, Sozialisation unter erschwerten Bedingungen analysieren.

Durch diese Ausrichtung angeregt, interessierte uns, wie Heinrich Hannover wohl zu seinen sozialen Einstellungen gekommen sein mochte und warum er sie im Laufe seines Lebens verändert hat. Bemerkenswert fanden wir, dass er als junger Mensch den Nationalsozialismus befürwortete, den Kommunismus ablehnte und im Laufe seines Lebens zu anderen Einstellungen kam.

Als Kind trat er mit acht Jahren freiwillig in die Hitlerjugend ein. Er war als Jugendlicher zunächst nicht gegen den Krieg und zog mit 18 Jahren an die Front, um für sein Vaterland – als Kriegsbefürworter - zu kämpfen.

Durch seine persönlichen Erlebnisse: seine Kriegsverletzung und der Freitod seiner Eltern - wurde er zum Kriegsgegner.

Wie er seine Einstellung auch zu einem anderen Thema verändert hat, zeigt folgendes Beispiel, das wir jetzt mit unseren Kenntnissen aus dem Psychologie/Pädagogik-Unterricht belegen wollen.

Wir fragten uns: Wie baut jemand überhaupt seine Einstellung oder Meinung zu einem bestimmten Objekt oder Thema auf?

Beim Aufbau von sozialen Einstellungen gibt es drei Aspekte:

Das ist zum Ersten die kognitive Einstellungskomponente, d.h. man nimmt erst einmal ein Objekt wahr oder hat z.B. bestimmte Vorstellungen von einem Objekt. Im Falle von Heinrich Hannover bezüglich der Einstellung gegenüber Kommunisten, nahm er in seiner Kindheit schon von seinen Eltern und Lehrern wahr, dass Kommunisten Feinde waren.

Der zweite Aspekt ist die affektive Einstellungskomponente. Das bedeutet, dass man ein bestimmtes Gefühl gegenüber dem „Einstellungsobjekt“ hat. Wir denken, dass Heinrich Hannover, als er von seiner ersten Pflichtverteidigung erfuhr, ein Gefühl der Abneigung empfand.

Die konative Einstellungskomponente schließlich: Dabei hat man ein bestimmtes Verhalten dem Objekt gegenüber. Wir glauben, dass Heinrich Hannover in seiner Kindheit den Kommunisten gegenüber eine Art Ablehnung empfand und den Kontakt zu ihnen vermied.

Wenn Einstellungen sich verändern, hängt dies von verschiedenen Bedingungen ab:
Vom Zeitpunkt des Erwerbs einer Einstellung (gerade in der Kindheit erworbene Einstellungen sind schwer veränderbar), von bereits vorhandenen Einstellungen, von der persönlichen Einschätzung der Wichtigkeit einer Einstellung, von der Beziehung verschiedener Einstellungen untereinander, von den Persönlichkeitsmerkmalen des Individuums und von den Wert- und Normvorstellungen, die in einer Gesellschaft bestehen.

Nach der Theorie von Daniel Katz verändert sich die Einstellung auf der Grundlage von Einstellungsfunktionen (funktionale Einstellungstheorie). *

Ein Individuum ändert danach seine Einstellung, weil „diese ihren Funktionen der Anpassung, der Selbstverwirklichung, des Wissens bzw. der Orientierung und/oder der Verteidigung des eigenen Ichs nicht bzw. nicht mehr gerecht wird oder es von der neu erworbenen Einstellung eine effektivere Befriedigung der oben genannten Bedürfnisse bekommt bzw. sich erhofft.“ (Hobmair, Hermann (Hrsg.). Psychologie. 2. Auflage. Köln 1997, S. 402)

Welche Aspekte bei Heinrich Hannover zusammengewirkt haben und zutreffen, können wir nicht eindeutig beantworten. Auf jeden Fall musste er sich durch den Auftrag der Pflichtverteidigung eines Kommunisten mehr und mehr mit dem Thema des Kommunismus auf der Ebene des Wissens auseinander setzen. Seine erfolgreiche Pflichtverteidigung verschaffte ihm ein sehr hohes Ansehen bei den Kommunisten. Während er jetzt von der Springerpresse (Bild-Zeitung), als Kommunisten- und Terroristenverteidiger beschimpft wurde.

In diesem Zusammenhang appellierte Heinrich Hannover an uns, dass wir nicht alles glauben sollen, was in der Presse steht und was die Politiker zu uns sagen. Er forderte uns auf, alles zu hinterfragen und nicht unkritisch Meinungen und Einstellung zu übernehmen.


* Hobmair, Hermann: Psychologie. Troisdorf 2003, S. 392