Lebenssituation während des „Dritten Reichs"

 

Die damals fünfzigjährige Pädagogin und Schriftstellerin Tami Oelfken kehrte 1939 nach Jahren im Ausland nach Berlin zurück. Sie beschreibt eine Fahrt nach Deutschland als grauenhaft. Sie fühlte sich bereits bei der Überquerung der Grenze eingeengt und fand die Atmosphäre in Deutschland beklemmend. Nachdem ihre Schule kurz nach Beginn der „Nazidiktatur" wegen „judenfreundlicher, pazifistischer und kommunistischer Tendenzen" geschlossen worden war, bekam sie Berufsverbot als Pädagogin auf Lebenszeit. Um sich trotzdem noch ihre „Brötchen" verdienen zu können, schrieb sie Bücher.

Doch 1942 wurden ihre Romane auch verboten. Sie sollte ihre Bücher handfest und klar im Aufbau schreiben. Denn Hitler wollte mit seinem Buch „Mein Kampf" neue Maßstäbe setzen und forderte u.a. einen nationalistischen Standpunkt. Doch Tami wollte sich nicht an diese Norm halten. Sie war eine leidenschaftliche Gegnerin der Nationalsozialisten und schrieb heimlich weiter. So fiel sie durch ihre literarischen Texte mit ihrer politischen Meinung auf und wurde wie viele andere auch von der Gestapo verhört.

Sie hat ein solches Verhör selbst beschrieben:

„Er bohrt langsam, Wort für Wort, in ein vorgedrucktes Formular.[...] Am meisten ärgert ihn, dass ich etliche Male den Staatsdienst gekündigt habe. Er sieht dann jedes Mal von seinem Schriftstück hoch und sagt mit der bösen Stimme eines Großinquisitors: ‚Sie wollen behaupten, Sie haben den Staatsdienst 1920 aufgekündigt?’ ‚Ja’, sagte ich sanft, ‚ich will es nicht nur behaupten, es steht vor Ihnen in den Akten.’ [...] Auch der, der nun vor mir sitzt, ist ein stämmiger, kleiner Mann mit einem dichten Schnurrbart und fettigen schwarzen Haaren, die gescheitelt sind. Er hat das bärbeißige Gesicht eines Nussknackers mit zu kleinen Augen. Er ist aufgestanden und streckt zum Hitlergruß den rechten Arm vor. Ich bin aufgeregt. Da er kleiner ist als ich, ist seine ausgestreckte Hand sehr tief. In meiner Verwirrung ergreife ich diese Hand und schüttle sie, so dass selbst der braune Arm mitschwingt. Soviel Frechheit hat er wohl nicht erwartet. Er setzt sich wortlos hin und fängt an, in den Akten zu blättern. Dabei murmelt er: ‚Also - es handelt sich um Ihr Buch!’ [...] Aber selbst für einen Idioten ist es doch deutlich genug, dass es sich um Begebenheiten aus dem Jahre 1890 handelt. Die Entwicklung des Romans geht gar nicht bis heute. ‚So, so, - deshalb sagen die Leute in Ihrem Buch auch nicht > Heil Hitler<!’ ‚Haben Sie das Buch gelesen, Herr Kommissar?’ Nein er hat es nicht gelesen. Es ist ihm erst vor einer Stunde gebracht worden."

Das folgende Zitat aus ihrem Buch „Fahrt durch das Chaos" vermittelt einen Eindruck davon, wie Tami Oelfken gedacht hat: „Den moralischen Kredit, den diese kapitalistischen Kreise, die gesamte Großindustrie Europas, Hitler gewährt haben, werden wir alle schwer zu büßen haben." Trotz vieler Rückschläge fasste sie immer wieder Mut. Sie wollte den Glauben an Moral und Menschenwürde nicht aufgeben.

Vor dem Beginn des Nationalsozialismus hatte sie in einer gemütlich eingerichteten Eigentumswohnung gelebt. Später wechselte Tami des Öfteren ihren Wohnort. Sie lebte in Berlin, Bremen, Straßburg, Zell am See und Laufen. Meist waren diese Wohnungen klein und bescheiden. Ab 1944 wohnt sie in einem kleinen Haus am Bodensee in Überlingen.

Bedrängte und verfolgte Menschen konnten zu der Zeit mit Tami Oelfkens Hilfe rechnen. Sie beherbergte SS-Verfolgte und Juden und verhalf ihnen zur Flucht und zu den notwendigen Papieren.

Tami Oelfken selbst sehnte sich immer nach einem ruhigen, friedlichen Ort, wo man seine Meinung sowohl schriftlich als auch mündlich in Freiheit hätte äußern können und wo Platz für ihre ausgewanderten Freunde gewesen wäre.

Alle Informationen zu diesem Text ermittelten wir aus Tami Oelfkens Buch „Fahrt durch das Chaos".