Fietje Böning

 

Und nun war es so weit, ganz plötzlich muss der Rechtsanwalt, Dr. Sebaldus Hinrich Böning, seine gute, alte Amme beerdigen. Seine Luise, die er damals schon von seiner Mutter geerbt hat, die nun schon dreißig Jahre bei ihm gearbeitet hat, ist aus heiterem Himmel einfach so gestorben. „Und dann fällt ihm auch noch ein, dass heute doch Waschtag gewesen wäre, an dem es Erbsensuppe mit Snuten und Poten gegeben hätte - und gerade an einem solchen Tag muss er sie beerdigen." (S. 75)

Wer wird ihm nun immer diesen guten braunen Kohl mit Pinkel machen? Oder freitags den Schellfisch, den er doch so gewohnt ist? Wer wird ihn denn ab jetzt überhaupt versorgen und sich um ihn kümmern? Aber da ist ja auch noch die andere Amme Anna, die Luise vorsorglich vor einem halben Jahr eingearbeitet hat. So sehr Böning sich auch anstrengt, er findet einfach keinen Fehler in ihren Arbeiten. Sie ist ein gutes, fröhliches Mädel. Aber eines Tages ist Amme Anna gar nicht mehr so fröhlich wie sonst immer, ihre Mundwinkel hängen traurig herunter. Sebaldus Böning ist sauer und mault, dass sie doch nun endlich sagen solle, was sie bedrückt. Es kommt heraus, dass Anne von einem Matrosen, der aus Holland kommt und Fietje heißt, ein Kind erwartet, das etwa in vier Monaten da sein wird. Sie verspricht Sebaldus aber, ihm eine neue Amme zu besorgen, die durchaus genauso gut arbeitet wie sie selber.
Doch Dr. Sebaldus Böning lässt sich von seinen Rechtsanwaltskollegen überreden und hält es für eine bessere Idee, dass Anna mit ihrem Kind im Haus wohnen bleibt, es kann ja im hinteren Teil des Hauses, wo die Küche ist, aufwachsen. Als die Zeit vergeht und Anna wieder schlank ist, macht sich Sebaldus doch ein wenig Sorge, weil das hintere Fenster nur noch geschlossen ist und er noch nie ein Tönchen von dem Kleinen gehört hat. „Nun, ich möchte sie nicht mit seinem Geschrei belästigen", „So ein Unfug, der Junge muss doch Luft bekommen". Seit dem Tage steht das Fenster immer auf. Amme Anna beschließt den Kleinen auf dem Namen Fietje Sebaldus Böning zu taufen, weil sich Sebaldus Böning immer so reizend um den Kleinen kümmert und sein richtiger Vater sowieso nicht mehr auffindbar ist. Eines Tages hört Sebaldus fürchterliches Geschrei aus einer Kammer. Besorgt ruft er Anna. Sie beruhigt ihn und meint, dass sie Fietje bloß dort eingeschlossen habe, weil er ihn sonst nur bei der Arbeit stören würde, weil sie ihn nicht aufhalten könne, im vorderen Teil des Hauses zu spielen. Seit dem Tage an darf Fietje Sebaldus Böning spielen, wo er möchte. Bald darauf kommt Anna zu Sebaldus und sagt ihm, dass sie bald einen Mann heiraten wird und Fietje mitnehmen muss. „Fietje bleibt lieber bei mir. Ihr Verlobter wäre sichtlich erleichtert, würden sie kein Kind mit in die Ehe nehmen." Genauso ist es auch. Der junge Maler Bernhard Ebberfeld zeigt eine deutliche Erleichterung, als er von der Neuigkeit erfährt. Anna zieht aus, doch Fietje bleibt. Fietje ist Dr. Sebaldus Böning ans Herz gewachsen und Sebaldus kümmert sich rührend um den Kleinen. Und obwohl Anna all den Leuten jedes Mal von Neuem klar machen muss, dass der Sohn eines holländischem Matrosen und nicht von Dr. Sebaldus Böning ist, schmunzeln die Leute - genauso wie Fietje und Sebaldus.

Jana Siems