Ein Gespräch mit der Biografin Ursel Habermann

 

Ein Besuch bei Ursel Habermann am 23. November 2005 in Heilshorn

Ursel Habermann ist Schriftstellerin, Pädagogin und Herausgeberin von zwei Büchern über und von Tami Oelfken. Sie berichtet uns, dass sie den etwas zerfledderten und in Pappe eingebundenen Gedichtsband „Zauber der Artemis" erhielt. Sie bekam das Buch geschenkt, doch da sie noch nicht lesen konnte, geriet es erst einmal in Vergessenheit. Ein paar Jahre später las sie den Band dann und fand ihn interessant. Ihr gefielen Sprache und formale Gestaltung, besonders aber die inhaltlichen Aussagen, die den Kontrast der Kriegserfahrung gegen die Poesie setzten. „Ich war mir nicht sicher, ob das Büchlein von einem Mann oder einer Frau geschrieben wurde." Sie versuchte über den Namen des Autors herauszufinden, ob der Verfasser ein Mann oder eine Frau sei. Aber in literarischen Nachschlagewerken fand sich nichts. Jahre später in einer Bibliothek reagierte eine Bibliothekarin abwertend und erklärte, die Schriftstellerin Tami Oelfken sei eine Sozialistin und Kommunistin, aber schriftstellerisch völlig bedeutungslos.

Durch den Bremer Architekten Jens Wulf, dessen Mutter den Wulf-Verlag geführt hatte, erhielt sie bei der Verlagsauflösung die Möglichkeit, die alten Bücher und Unterlagen durchzusehen. Hier stieß sie auf Tami Oelfken als Verlagsautorin und Freundin der Familie. Ihr wurde angeboten, die alten Bücher und Unterlagen durchzusehen. Was sie davon gebrauchen könne, dürfe sie verwenden. Auf diese Weise fand sie Bücher und Unterlagen von und über Tami Oelfken. Frau Habermann fand auch Briefe, die sie zu Tamis 100. Geburtstag in dem Buch „Noch ist es Zeit. Briefe nach Bremen" herausgab. Ebenso als „Jubiläumsgeschenk" brachte Ursel Habermann den Roman „Maddo Klüver" erneut heraus. Damit wollte sie die Menschen auf die ihrer Zeit weit voraus gewesene Autorin und Reformpädagogin aufmerksam machen.

Zwischendurch erzählte sie uns von schwierigen Zeiten in Tamis Leben. Im 1. Weltkrieg kam ihr Verlobter mit Frau und Kind aus Polen auf Urlaub zurück. Ein weiterer Freund war 1916 im Krieg gefallen. Es ist nicht bekannt, ob sie je wieder eine enge Beziehung zu einem Mann fand. Man munkelte, dass sie lesbisch sein könnte, da ihre sehr gute Freundin, die Zeichnerin der Kinderbuchillustrationen Fe Adriani Spemann in einer lesbischen Beziehung mit ihrer Freundin Anita lebte. Diese Vermutung konnte aber nie bestätigt werden.

Tami Oelfken arbeitete nach ihrem Studium an einer Schule in Grohn und kannte zu diesem Zeitpunkt auch schon die Künstler auf dem Barkenhoff, wurde dann aber nach Tarmstedt versetzt, da sie sich der alten Schulordnung nicht fügte, z.B. damit anfing weite Hosen zu tragen, sich die Haare kurz schnitt und einen anderen Unterrichtsstil verfolgte als die konservativen Lehrer. Als Tami dann 1928 ihre Schule in Berlin aufbaute, musste sie ihr Erbteil verpfänden, und machte sich damit bei ihrer Familie unbeliebt. Die Schule war stets in finanziellen Schwierigkeiten. Ihre Schule sollte Kindern helfen, durch Auswahl von Angeboten zu lernen, ihre eigenen Bedürfnisse dabei zu berücksichtigen, die Eltern verantwortlich mit einzubeziehen und reformpädagogische Prinzipien zu verwirklichen. Es gab keine Schläge, keine 45- Minuten-Stunden und auch keinen festen Stundenplan. Die Schüler waren im Alter gemischt, und es gab keine festen Klassen oder Ähnliches.

Die Gestapo wurde auf Tami aufmerksam. Sie erhielt nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten Unterrichtsverbot und ihre Schule wurde geschlossen. Als Schriftstellerin erhielt sie Schreib- und Veröffentlichungsverbot wegen ihrer „polenfreundlichen Haltung" in dem Roman „Maddo Clüver". Sie floh nach Frankreich und versuchte in Paris eine Schule neu zu gründen, doch mangels Geldes scheiterte das Vorhaben.

Danach kam sie wieder nach Deutschland zurück, doch zog sie dort alle vier Wochen um, da man sich nach dieser Frist melden musste und somit die Gestapo sie unter Überwachung hatte. Sie blieb dann am Bodensee in Überlingen und lernte dort die Familie Wulf kennen. Nach dem Zweiten Weltkrieg unterstützten die Wulfs Tami dabei, wieder an ihre Karriere als Schriftstellerin anzuknüpfen, denn sie besaßen einen Verlag, doch es gab wieder Schwierigkeiten. Dr. Werner Wien, der im Zweiten Weltkrieg für die Gestapo gearbeitet hatte, war nun Chefredakteur des Weser-Kuriers. Er hatte seinerzeit in der Reichsschrifttumskammer als Gesinnungsprüfer und Lektor dafür gesorgt, dass Tami Oelfken und andere Schriftsteller Berufsverbot durch die Nazis erhalten hatten. Außerdem hatte sie sich bei einer Schriftstellertagung in einem Almanach für die Wiedervereinigung mit der kommunistischen DDR ausgesprochen. „Die Zeit" unter dem Chefredakteur Hühnerfeld hatte diese Schriftsteller daraufhin zu Unpersonen in der kulturellen Landschaft der Bundesrepublik erklärt. Als sie nicht mehr wusste, wovon sie leben sollte, sorgte Werner Arthur Kreye dafür, dass sie ein paar Arbeiten für den Rundfunk bekam und sich so über Wasser halten konnte.

Tami starb verarmt und vereinsamt mit nur einem Freund an ihrer Seite in München. Es war ihr schon seit längerem gesundheitlich nicht gut gegangen, da sie ein Hüftleiden und auch Probleme mit dem Herzen und der Leber bzw. der Gallenblase hatte.

Auf unsere Frage, ob sie Tami Oelfken jemals persönlich getroffen habe, antwortete Ursel Habermann nur, dass sie es nicht genau wüsste. Sie erzählte uns von einer Begegnung mit einer großen, hinkenden Frau mit kurzem Haar und weiten Hosen, als sie ca. 14 Jahre alt war. Sie half ihr eine Treppe in ein Café hinauf. Die Beschreibung dieser Person und Tamis Besuchsdatum in Bremen passte laut Aussage von Jens Wulf perfekt auf Tami Oelfken. Daher weiß Ursel Habermann bis heute nicht genau, ob es die Schriftstellerin war oder nicht.