Die Sonnenuhr


Die kleine Tine ist sich sicher. Der fremde Mann, der da mit aufgestützten Armen am Zaun lehnt, ist der liebe Gott. Interessiert beobachtet er die Sonnenuhr, die bei Tine im Garten steht. So gerne würde sie ihm erklären wie die Sonnenuhr funktioniert, wäre da nicht die Mutter. Denn ihre Mutter würde ihn nicht erkennen, sie würde ihn beschimpfen und davon jagen, so war die Mutter. Aber Tine erkennt, dass es der liebe Gott ist. Sie weiß aus der Schule, wie er es macht. Wie er es liebt gerade als verkleideter, unscheinbarer Bettler über Landstraßen zu gehen! Vorbei an Reichen und Armen. Gott hat eine blaue Schirmmütze auf, er hat blaue Augen, er hat Zeit, er steht da so sicher, weil ihm ja die Erde gehört. Absichtlich hat er Stoppeln im Gesicht und absichtlich hat er schmutzige Hände (S. 8). Aber die Mutter wird es nicht bemerken, sie wird ihn nicht hineinbitten. Und Gott wird ein Haus weitergehen zu Irtz, wo ihn alle freundlich aufnehmen werden. Die ganze Familie wird mit ihm lachen, schwatzen und echten Kaffee trinken und abends werden sie ihm das Alkovenbett frisch beziehen. Das täten sie sogar, wenn er nur ein armer Wanderer wäre.

„Sie ist kaputt, der Pfeil fehlt, der den Schatten werfen muss." Der liebe Gott hält den Kopf schräg: „Ich könnte sie euch wieder in Ordnung bringen."
Tine sieht ihn andächtig an. Wie klug er ist. Er meint, Tine solle ihre Mutter fragen, doch sie schüttelt den Kopf und wird ganz blass. „Meine Mutter würde dich nicht erkennen", murmelt sie. Als Gott die kleine Tine nach einer feinen Blume fragt, findet sie eine wunderbar gebogene Rispe voller Herzen und reicht sie ihm hinauf.

Dielytra Spectabilis", meint er gedankenvoll. „Amen", flüstert sie und sieht ihm nach, wie Gott seines Weges geht. (S. 9)

Jana Siems