Frau Dämmerung

 

Unter dem grünen Ripssofa wohnt Frau Dämmerung. Tagsüber macht sie sich ganz, ganz dünn. Da liegt sie dicht an der Wand zusammengepresst und schläft. Wenn Tine spielt und zufällig ihr Ball unter das Sofa rollt, kann sie ihren Ball ruhig wiederholen. Denn wenn Frau Dämmerung schläft, lässt sie sich nicht aus ihrem Schlafe stören. Aber am Nachmittag kommt langsam ihre Zeit. Eben haben die drei Mädchen und Atilde vor dem Fenster gesessen. Da ist Frau Dämmerung aufgewacht. „Als Fräulein Atilde abdeckt und die Kinder sich dem Zimmer zu drehen, hat sich Frau Dämmerung schon breit gemacht. Überall hat sie sich hingeschlichen, hinter Vaters Aktenschrank, hinter die Nähmaschine, unter den Spiegelschrank. Nur Else merkt nichts von der dicken, unheimlichen Frau. Frau Dämmerung wird immer dicker und dicker, sie sitzt jetzt überall, nur noch nicht bei den drei Mädchen und Atilde." (S. 122). Endlich nimmt das Fräulein die Zündhölzer vom Schrank und zündet den Docht von der großen Hängelampe an. Das Zimmer ist jetzt wunderbar hell. Schnell rutscht Frau Dämmerung wieder hinter das Sofa, ganz eng an die Wand. Da liegt sie und wartet bis zum nächsten Tag.

Jana Siems