Die blaue Scherbe


Es ist Freitag vor Pfingsten und die kleine Tine sitzt auf den Stufen einer alten Treppe. Es ist ein schöner Tag, die Sonne scheint. Heute hätte sie Lust angeln zu gehen. Aber eigentlich ist es ihr verboten angeln zu gehen, doch sie denkt sich, „Wenn man fragt kommt man nie zu etwas. Es heißt einfach überlegen, was einem das Unternehmen wert ist. Danach allein soll der Mensch handeln". (S. 10)
Tine setzt sich zum Fleet unten am Berge und beobachtet die Fische. Als sie sich wieder auf den Heimweg macht, sieht sie aufmerksam auf den Boden vor ihren Füßen.
Es gibt doch so viele herrliche Dinge auf der Welt, die gelegentlich verloren gehen. Irgendwo müssen doch all diese verlorenen Schätze sein, sie können ja nicht einfach so verschwinden. Wenn einmal ein Mensch kommt, der ganz genau aufpasst, der einfach überall hinguckt, der muss sie, die Schätze dieser Welt, ja finden. Tine ist verzweifelt. Sie ist doch immer aufmerksam genug. Bunte Scherben, glaubt sie, wird sie nie mehr finden. In ganz Blumenthal nicht. Dazu passt sie schon viel zu lange auf. Als Tine zu Hause ankommt, ist sie noch immer nicht auf einen neuen Schatz gestoßen. „Das hätte sie sich aber schon vorher denken können. Wenn jemand so gierig nach etwas sucht, dann wird es ihm nicht einfach so vor die Füße gelegt." (S. 13)
Tine geht rauf in ihr Zimmer, nimmt sich ihren kleine Schatzbeutel, wo alle bunten Scherben drin sind, die sie je gefunden hat und sucht sich die schönste heraus. Es ist eine große, blaue Scherbe. Sie heißt „Auge Gottes". Behutsam wischt Tine die Scherbe ab, lehnt sich zurück und betrachtet sich mit dem Auge Gottes die Welt.

Jana Siems