Der Baum der Erkenntnis

 

Vor der alten Mauer steht ein immergrüner Friedhofsbaum mit Nadeln. An ihm hängen zwei verschiedene Sorten Beeren. Da gibt es einmal die grünen, schmalen, spitzen, wo der Kern noch ganz tief drin sitzt. Das sind die Bauern. Dann gibt es noch die roten, kurzen, dicken, wo die Spitze des Kerns wie eine Krone hervorguckt. Das sind die Königinnen. Im Herbst sind die Königinnen richtig schleimig. Dieser Baum heißt Tante Schomaker. Unter Tante Schomaker haben sich die Hühner Badewannen gebuddelt und die Kinder haben in ihr ein gutes Versteck entdeckt. Aber irgendwann sagt die Mutter, dass die Beeren giftig seien. Wenn die Kinder davon essen, werden sie sehr krank und sterben. Seitdem hat Tine einen ungestörten, ruhigen Aufenthalt in Tante Schomaker.
In der Schule hat Fräulein Dinkela die Geschichte von Adam und Eva erzählt, aber Tine kann es nicht so wirklich glauben. Gott führt die Menschen in Versuchung? Er, der den Menschen nach seinem Ebenbild geschaffen hat? Und was tat Gott, wenn die Menschen in Versuchung gefallen sind? Er straft sie. „Die kleine Tine sitzt in Tante Schomaker, sieht sich die Beeren ganz genau an und denkt, vielleicht gibt es verschiedene Götter und der, von dem Fräulein Dinkela da spricht, kommt aus Aurich." (S. 98)
Das ist nämlich auch die Heimat von dem strengen Kinderfräulein Atilde und dem jähzornigen Lehrer Frensen mit den roten Haaren! Aber Tines Gott  ist es bestimmt nicht. Nie hätte er sich mit Strafen abgegeben. Tines Gedanken kreisen sechs Monate um den Baum. Dann isst sie von den verbotenen Früchten - erst einige Bauern, - dann viele Königinnen und dann - um das Maß der Sünde voll zu machen, zerkaut sie langsam einen bitteren Kern nach dem anderen. Sie schließt die Augen und wartet auf den Tod. Aber er kommt nicht. „Und Tines Gott? Er lehnt es ab, sich mit solchen Dingen zu befassen. Bei Kleinigkeiten  rufe mich nicht, hat er gesagt, da hilf dir selbst. Dazu gab ich dir ein Herz und einen Kopf. Tante Schomaker war der Baum der Erkenntnis geworden. In ihm wohnt Gott. Es ist nicht der aus Aurich, er hat Anstand und Würde."
(S. 99)

Jana Siems