Das Nachtigallenviertel in Farge

 

Es ist März. Zwei Jungen sitzen in der Sonne. Es ist eine richtig hitzige Märzsonne, die Fietes Gesicht schon mit Sommersprossen übersät hat. Der Junge neben ihm, Kalli, sieht aus wie ein Krebs, so rot hat ihn die Sonne nun schon gebrannt. Kalli ist begeistert, endlich kann er trällern wie eine Nachtigall. Fiete macht ihm einen Vorschlag, wenn Kalli es schafft, eine ganze Stunde so schön wie eine Nachtigall im Juni zu pfeifen, wird Fiete ihm dafür einen Thaler geben. `Ob sich Fiete wohl ärgert, wenn sie ihn immer mit den Sommersprossen neckt?`, fragt sich Tine. Aber das tut sie jedes Jahr, so lange sie schon denken kann. Seit einiger Zeit benimmt er sich so erwachsen. Aber sechzehn Jahr, da kann er sich nun wirklich nichts drauf einbilden, tut sie ja auch nicht!`

Am nächsten Tag fährt Fiete mit Tine auf einem Boot ans andere Ende der Bucht. Unter einer Weide breitet er seine Schafsdecke aus und sie machen es sich darauf bequem. Langsam legt Fiete seinen Arm um Tine. Der Mond scheint, das Wasser plätschert leise, alles ist ganz still. Wie gut ihm die Sommersprossen stehen, denkt sie sich ganz heimlich, aber das wird sie ihm nie sagen, ihr ganzes langes Leben lang nicht!
Er sagt ihr ja auch nie so etwas.
(S. 17)
Plötzlich fängt Kalli hinter ihnen im Gebüsch an zu trällern. Damit hat Tine nicht gerechnet. Eigentlich gibt es im März doch noch gar keine Nachtigallen.

Am Ostermontag geht Fiete wieder zu Tine und fragt sie, ob sie nicht wieder am Abend mit ihm in die Bucht fahren möchte. Doch sie antwortet, dass sie dort nicht wieder wegen der Nachtigall hinzufahren brauchen, weil seit Kurzem eine Nachtigall direkt unter ihrem Kammerfenster trällert. Plötzlich schreit Fiete Kalli furchtbar an: „Du infamigten Swinegel!". Eine ganze Weile drischt Fiete mit aller Wucht auf seinen besten Freund los. Tine wird rot: „Albernes Tüg!", sagt sie ärgerlich und verschwindet. Sie dreht sich nicht ein einziges Mal noch um. Selbst die Pforte zieht sie abgewandten Gesichtes zu. Was für ein Glück, dass sie Fiete nicht gesagt hat, wie ihm die Sommersprossen stehen!

Jana Siems