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Die Kunst des Schreibens
Interview: Katharina Wantoch (Brigitte.de)

Alles eine Sache des Talents oder kann man kreatives Schreiben lernen? Antworten auf diese und andere Fragen im Interview mit dem Schriftsteller Klaus Modick.

Klaus Modick

Im Juli ist sein neuestes Buch erschienen: "Der kretische Gast" ist der zwölfte Roman von Klaus Modick. Doch der gebürtige Oldenburger ist nicht nur Schriftsteller, sondern unterricht sein Handwerk auch. So leitete er 2000 die BRIGITTE-Schreibwerkstatt, war 10 Jahre lang Dozent für kreatives Schreiben an der Uni Bielefeld und hat an Colleges in den USA Schreib-Seminare gegeben.

Brigitte.de: Kann man kreatives Schreiben lernen?
Klaus Modick: Ja, vorausgesetzt man hat Talent. Das kann man nämlich nicht lernen. Für das kreative Schreiben gibt es keine Formeln oder Merksätze, keine Grammatik und keine Didaktik, die sagt, so geht's. Wenn es die gäbe, dann hätten wir es nur mit kommenden Nobelpreisträgern zu tun. Eine künstlerische Tätigkeit - in diesem Fall das Schreiben - ist die subjektive Sache des Einzelnen. Jeder muss seine eigene Sache entdecken und entwickeln. Deshalb lässt sich das nicht verallgemeinern. Und wenn man etwas nicht verallgemeinern kann, kann man es auch nicht lehren.
Brigitte.de: Aber Sie geben doch Schreibseminare. Wie laufen die denn dann ab?
Klaus Modick: Dort beschäftige ich mich immer ganz konkret mit dem Einzelfall, ich rede und diskutiere mit den Leuten über ihre vorhandenen Texte. Am konkreten Beispiel lässt sich dann zeigen, ob und wie man Texte besser machen kann, angefangen - im schlimmsten Fall - bei der Grammatik bis hin zur Konstruktion für eine längere Erzählung oder einen Roman. Ich halte es nicht für sinnvoll, die Teilnehmer in so einem Kurs mit bestimmten Übungen zu konfrontieren, wie zum Beispiel: "Jetzt beschreiben Sie alle mal eine Tankstelle". Leute, die wirklich schreiben wollen und Talent mitbringen, wollen schreiben, was sie möchten, und das halte ich auch für richtig. Man muss die Leute in dem motivieren und stützen, was aus ihnen selbst kommt und ihnen nichts vorsetzen, was nicht ihrem eigenen Empfinden entspricht.
Brigitte.de: Gibt es denn trotzdem ein paar allgemein gültige Tipps?
Klaus Modick: Am wichtigsten ist die Fähigkeit zur Selbstkritik, zu erkennen, dass das, was man geschrieben hat, nicht automatisch der Weisheit letzter Schluss ist. Das klingt jetzt so simpel, aber diese Fähigkeit ist meistens nicht gut entwickelt, ein Problem, das übrigens auch professionelle Autoren haben. Wer etwas schreibt, neigt dazu, das für gut zu halten - sonst hätte er es so auch nicht geschrieben. Wenn dann die Lektoren kommen und sagen, hier muss etwas gestrichen oder überarbeitet werden, trifft das auf Widerstand.
Brigitte.de: Wie kann ich diese Fähigkeit lernen?
Klaus Modick: Indem ich mich mit anderen Leuten über meine eigenen Texte auseinander setze und Kritik oder Verbesserungsvorschlägen auch annehme. Natürlich muss ich das nicht in jedem Fall tun. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass nicht alles, was mir der Lektor vorschlägt, auch gut und richtig ist. Aber dafür sind das eben auch immer nur Vorschläge. Entscheiden muss der Autor oder die Autorin am Ende selbst.
Brigitte.de: Was ist außerdem hilfreich für Leute, die schreiben wollen?
Klaus Modick: Eine zweite wichtige Bedingung ist, dass man selber viel liest. Sonst entdeckt man nämlich den Nordpol zum zweiten Mal, merkt das aber gar nicht. Ich erlebe in Schreibseminaren immer wieder Leute, die sagen: Ich habe von Literatur überhaupt keine Ahnung. Wenn ich zu denen sage, ihr Text erinnert mich an XY, dann kennen die den gar nicht. Oder sie haben den Namen zwar schon mal gehört, aber noch nie etwas von ihm gelesen. Viel Lesen und genaues Lesen sind eine sehr gute Schule, vor allem, wenn man sich dabei immer fragt: Wie ist das eigentlich gemacht? Diese Lektürehaltung gegenüber fremden Texten, bei der man sich nicht von der Geschichte mitreißen und bestechen lässt, sondern auf die Machart guckt, vermittle ich auch in meinen Kursen.
Brigitte.de: Fähigkeit zur Selbstkritik, viel Lesen, worauf kommt es sonst noch an?
Klaus Modick: Selbstkritik ist eine Sache, zu viele Selbstskrupel sind allerdings auch nicht gut. Die blockieren einen. Wenn es läuft und fließt, dann sollte man ruhig hemmungslos sein und dem vertrauen, was man schreibt. Natürlich immer mit dem Wissen, dass das so noch nicht in Stein gemeißelt ist. Aber man hat dann etwas, mit dem man arbeiten kann. Vor allem bei Prosa sollte man nicht am einzelnen Wort brüten, weil man dann nicht weiterkommt. Denn wie heißt es so schön: Je länger man ein Wort ansieht, desto fremder schaut es zurück. Die Inspiration und die Ideen kommen ohnehin mit der Arbeit. Viele Leute sagen zu mir: Ich habe da zwar Ideen, aber ich weiß nicht, wie ich sie hinschreiben soll. Aber man kann eben nur schreiben, indem man schreibt. Natürlich brauche ich vorher Ideen und lange Texte erfordern auch eine strukturelle Vorarbeit, aber wirklich gut wird ein Text immer erst dadurch, dass ich während des Schreibens und der Arbeit selbst merke, wie das Ganze eigentlich sein soll.
Brigitte.de: Was ist bei der Themenwahl zu beachten?
Klaus Modick: Man sollte sich keine Themen suchen, nach dem Motto: Stand nicht neulich in der Zeitung, dass der große Berlin-Roman noch fehlt, den könnte ich jetzt doch mal schreiben. So etwas geht schief, nicht wegen des Themas, sondern weil ich, wenn ich Literatur schaffen will, nur über etwas schreiben kann, bei dem mir selber das Herz ein bisschen aufgeht.
Brigitte.de: Und was tue ich, wenn eine Schreibblockade auftritt?
Klaus Modick: Da gibt es einen ganz konkreten Tipp: Einfach das, was man zuletzt geschrieben hat, noch mal abschreiben. Dann merkt man erstens, dass ein Text durchaus noch veränderbar ist, und durch den zweiten Anlauf bekommt man häufig einen Schwung, der einen über die Blockade hinweg trägt. Ein gutes Mittel, dass ich auch selber praktiziere.
Brigitte.de: Wenn mein Werk fertig ist, wie bringe ich es dann am besten an einen Verlag?
Klaus Modick: Die klassische Methode ist: Sie machen von ihrem Manuskript eine Kopie oder besser gleich zehn oder zwanzig, und dann schicken Sie es an verschiedene Verlage. Diese Methode gilt ja im Allgemeinen als hoffnungslos. Aber ich habe genauso angefangen, habe zehn Verlage umsonst angeschrieben, aber beim elften oder zwölften dann eben doch eine Zusage bekommen. Das war damals in den 80ern, da gab es die Literatur-Agenten-Tätigkeit noch kaum. Die ist heute eine Alternative zur klassischen Methode.
Brigitte.de: Und an Agenten kann ich mich auch als Debütant wenden?
Klaus Modick: Ja. Der Vorteil ist, dass die Agenten den Markt genau im Blick haben und beurteilen können, in welches Verlagsprogramm der eigene Titel passen könnte. Natürlich sind die auch kritisch und nehmen nicht jeden, aber wenn sie daran interessiert sind, ein Buch zu vermitteln, können sie das natürlich sehr viel gezielter tun als ein unerfahrener Debütant. Generell ist es sehr wichtig, die Verlage und deren Ausrichtung zu kennen. Es passiert häufig, dass Leute sich einfach irgendwelche Verlagsnamen und Adressen herausschreiben, das Manuskript dort hinschicken und mit ihrem Kochbuch dann leider bei einem Krimi-Verlag landen. Um zu wissen, ob man in das Umfeld eines Verlages passt, sollte man schon das eine oder andere gelesen haben der sich zumindest die Verlagsprogramme angucken.
Brigitte.de: Gibt es denn noch andere Möglichkeiten, ein Manuskript unterzubringen?
Klaus Modick: Versuchen Sie, so viel wie möglich in Literaturzeitschriften zu publizieren, auch wenn es dafür nicht immer ein Honorar gibt. Erstens ist für die Autoren selber die Tatsache, überhaupt publiziert zu werden, sehr motivierend. Zweitens lesen Lektoren diese Zeitschriften und vielleicht fällt man dann dem einen oder anderen auf. Außerdem sind Verlage meistens nicht nur an einem einzelnen Manuskript interessiert, sondern daran, einen Autor aufzubauen. Um das abschätzen zu können, wollen sie häufig mehr sehen als nur dieses eine Manuskript. Wenn es dann noch andere Texte gibt, die schon veröffentlicht sind, und sei es in noch so abseitigen, kleinen Medien, ist das immer gut.
Brigitte.de: Und dann sind da auch noch die Literaturwettbewerbe ...
Klaus Modick: Ja, davon gibt's eine ganze Menge. Wenn der jeweilige Wettbewerb das eigene Werk trifft, sollte man sich auf jeden Fall daran beteiligen. Aber auch hier gilt: Gut informieren, was eigentlich gefragt ist. Wer zu einem Wettbewerb für satirische Literatur ein Trauerspiel einschickt, wird nicht weit kommen.

Quelle: Brigitte.de

 

  letzte Aktualisierung: Juli 2005    Impressum