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Klaus Modick: Der Mann im Mast, carpe librum -- rezension
Eva Leipprand (erschienen in: Stuttgarter Zeitung)

Der Mann im Mast

Ein Autor auf Urlaub, das ist ein Problem für sich. In seinem neuen Roman gönnt Klaus Modick einem deutschen Schriftsteller zwei Wochen Ferien in Bay Head, USA, an der Atlantikküste. Der Mann benimmt sich zwar wie alle andern, er lümmelt mit der Familie im Sand und seufzt dem knackigen Aupair-Girl Fanny hinterher, er läßt die Bierdosen zischen, kauft den Kindern ein Boogie Board und handelt sich wegen unbotmäßigen Verhaltens eine Rüge der Life Guards ein.

Aber das Schreiberhirn läßt sich nicht einfach auf Urlaub schicken, es arbeitet wie gewohnt und spinnt seine Hirngespinste aus scheinbar disparaten Kleinigkeiten. Das Meer und alles, was dazugehört, Muscheln und Möwen, die nautische Einrichtung des Ferienhauses, das Restaurant RANDERS' LOBSTER SHANTY, ein Bild mit dem Schiff FANNY an der Wand, ein Strandspaziergang bei Nacht und Badeverbot wegen Hurrikangefahr; all dies verknüpft sich ohne des Schriftstellers Zutun zum Stoff für einen Seefahrerroman, wie er ihn immer schon einmal schreiben wollte. So nehmen selbst Fischstäbchen in der Pfanne Hinweischarakter an. Im Hurrikan wird ein Surfer durch seinen eigenen Bruder gerettet. Dumpfe Erinnerungen werden wach an ein in früher Schulzeit gelerntes Gedicht: Nis Randers, eine Ballade, von der eigentlich nur eine Zeile zum Bildungsgut gehört: Sagt Mutter, s'ist Uwe! Das ist der Startschuß für den Stapellauf des Romans im Roman. Sein Held ist Uwe Randers (der aus der Ballade), dessen Schicksal der Autor portionsweise der cornflakeskauenden Familie vorliest: wie Uwe unter höchst dramatischen Umständen (Mord und Totschlag und viel Blut) sein heimisches Friesland verläßt und zielsicher, wenn auch auf die unwahrscheinlichste Weise, Amerika und Bay Head erreicht, wo er, durch Auffinden eines Schatzes zu Geld gekommen, RANDERS' LOBSTER SHANTY errichtet und seine geliebte Fanny heiratet, dann aber (die Ballade will es so) von Heimweh getrieben nach Friesland aufbricht, um dort, als letzter Mann im Mast hängend, seinem rettenden Bruder Nis Anlaß zu dem oben genannten Zitat zu geben. Die kleinen aber höchst pfiffigen Autorentöchter Laura und Miriam kommentieren den Vortrag des Vaters gnadenlos wie ein griechischer Chor. Sie treten als Stichwortgeber in den Schaffensprozeß mit ein und setzen als Co-Autoren ihre eigenen Highlights. Sobald der Leser gemerkt hat, daß die mit so leichter Hand und intelligentem Witz geschriebene Rahmengeschichte die eigentliche Ebene des Romans ist, beginnt das Lesevergnügen: ein Röntgenblick ins Autorenhirn und seine assoziative Arbeit, das Schlingern zwischen Realität und Fiktion. Vor unseren Augen wird die Randers-Story zu Seemannsgarn gesponnen, stellenweise als gelungene Parodie auf einschlägige Romane. Seinen aus früheren Büchern bekannten fatalen Hang zu lyrischen Ergüssen und Bildern von schiefer Dramatik (die Kälte des Wassers durchzuckte alle Knochen) stellt Modick hier in schöner Selbstironie neben den mißglückten hohen Ton der Nis-Randers-Ballade und läßt beides durch den unbestechlichen Mund der Töchter als realitätsuntauglich verwerfen. Trotzdem kann Modick hier einmal richtig die Sau rauslassen bei der lustvollen Beschreibung wind- und wettergegerbter Fischer, die sich, obwohl notorisch wortkarg und allenfalls etwas Platt absondernd, in sturmgepeitschter See unter knatternder Takellage gern Makrelenarsch und Hummerschwanz nennen, oder auch, wenn es ganz hart kommt, Buttpimmel und Krabbenkacker.

Quelle: carpe librum - rezensionen

 

  letzte Aktualisierung: Juli 2005    Impressum