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Das Stück

Hier geben wir zunächst einen Überblick über das gesamte Stück, um danach die unserer Meinung nach wichtigsten Charaktere vorzustellen. Schließlich interpretieren wir drei ausgewählte Szenenausschnitte ausführlicher.

1. Inhalt
2. Charaktere
3. Interpretation ausgewählter Szenen

1. Inhalt

In dem Schauspiel "Kolonne Hund", das 1926 von Friedrich Wolf verfasst wurde, geht es um eine Siedlung im Moor in Norddeutschland zwischen 1920 und 1921, die von Kommunisten bewirtschaftet wird, und um deren Überlebenskampf gegen die Regierung sowie den habgierigen Nachbarn, der mit allen Mitteln versucht, an das Land des Hofes zu kommen. Das Drama gliedert sich in neun "Bilder".

I

Zu Beginn des Stückes kommt ein Passant, der sich später als Venten Skuf vorstellt, auf dem Moorhof an. Er ist auf der Suche nach dem Oberhaupt der Kolonne Jost Hund. Wie sich später herausstellt, ist er ein früherer Kriegskamerad Josts aus dem Ersten Weltkrieg. Er beabsichtigt, sich nach Jahren als Repräsentationschef eines Welthotels der Kolonne Hund anzuschließen. Zur gleichen Zeit befindet sich auch der Nachbar Flint auf dem Hof um Jost zwei Pferde zu schenken. Jost nimmt das großzügige Angebot nach anfänglicher Skepsis schließlich an. Nachdem Josts Frau Sabe Venten und Flint einander vorgestellt hat, erzählt sie Flint von ihrer kranken Tochter, um die sie sich große Sorgen macht. Schließlich trifft auch Jost auf seinen ehemaligen Kriegskameraden und ist sehr erfreut, diesen wieder zu sehen. Kurz darauf erscheint Nell, ein Kolonist auf dem Moorhof, und überbringt Jost die Nachricht, dass eine Regierungskommission den Hof begutachten wolle um zu entscheiden, ob dieser staatliche Zuschüsse erhalten soll. Diese Neuigkeit wird mit großer Freude aufgenommen, da der Hof zurzeit in einer Versorgungskrise steckt.

II

Wenig später stellen die Hofbewohner fest, dass auf dem Hof kein Wasser mehr zur Verfügung steht. Der Brunnen zieht nicht mehr, und wegen der Hitze ist auch das Wasser des Teiches so weit abgesunken, dass sich darin nur noch Schlamm befindet. Der Kolonist Seeräuber wird ausgesandt, um zu klären, ob Flint etwas mit der Sache zu tun hat. Als Jost gerade das Haus verlassen will, um weiter zu arbeiten, taucht Sabe auf und bittet ihn, nach dem gemeinsamen Kind zu sehen, dem es immer schlechter geht. Zuerst scheint er nachzugeben und mit ihr mitgehen zu wollen, doch dann teilt Seeräuber ihm mit, dass Flint von seinem Grundstück aus die Wasserquelle des Hofes anzapft. Daraufhin beschließt Jost, dass im Teich tiefer gegraben werden muss und lässt die besorgte Sabe betrübt zurück. Wenig später trifft ein Brief von der Regierung ein, der den Besuch der Untersuchungskommission in drei Tragen ankündigt.

III

Inzwischen entdeckt Flint, dass das von ihm geförderte Wasser Arsen enthält und entwickelt daraufhin die Idee, Heilbäder und Grandhotels zu errichten. Da der Moorhof über dem Zentrum der Quelle liegt, denkt er sich ein Angebot aus, um die Kolonne dazu zu bewegen, sich an einem anderen Ort anzusiedeln. Als Venten Skuf bei ihm erscheint, legt Flint ihm das Angebot vor, den schwer zu bewirtschaftenden Hof zu verlassen und an anderer Stelle das fünffache Areal auf fruchtbaren Boden zu erhalten. Venten ist von diesem Angebot sehr angetan und verspricht, Jost diese Nachricht zu überbringen. Flints Betriebsleiter Wuttke erscheint mit den gefesselten Kolonisten Nell und Amme, die Flints Schwellen und Holz gestohlen haben sollen. Flint jedoch lässt die beiden Übeltäter gehen und weist Venten an, Sabe und das Kind - falls nötig - zu ihm zu holen.
IV

Als Jost von dem Angebot erfahren hat, kommt es zwischen ihm und einigen anderen Kolonisten zu einem heftigen Streit, da er das Angebot strikt ablehnt. Hinner hingegen ist der Meinung, das Angebot solle angenommen werden. Die Auseinandersetzung erreicht ihren Höhepunkt, als Jost die Beherrschung verliert und Hinner einen Faustschlag aufs Auge verpasst. Nach dem Streit erfahren Seeräuber, Nell und ein anderer Kolonist von Mirandeus, dass Flint ihn angehalten hatte, den Brunnen auf dem Moorhof zu sprengen. Wütend darüber machen sie sich auf den Weg, um sich an Flint zu rächen.

V

An dem Tag, als die Regierungskommission auf dem Hof eintreffen soll, lädt Jost Flint und dessen Freundin Thordis ein, die zugleich Sabes Schwester ist. Hinner informiert Flint über das Vorhaben seiner Kameraden, dessen Bohrturm zu sprengen. Dieser befiehlt seinem Betriebsleiter Wuttke den Schuldigen nach der Sprengung festzunehmen. Sabe berichtet Jost, dass es dem Kind immer schlechter gehe und wird wenig später von Venten Skuf dazu gedrängt, dem Kind zuliebe den Hof zu verlassen. Schließlich treffen die Ministerialbeamten Köckeritz und Kukei zur Besichtigung des Hofes ein und sind von der Arbeitsweise des Moorhofes so begeistert, dass sie einen Zuschuss von 10 000 Mark genehmigen unter der Bedingung, dass der Regierung ein Mitverfügungsrecht eingeräumt werde. Jost lehnt dies ab, erhält jedoch von den neu eingetroffenen Arbeitern einen Betrag von 5000 Mark. Seeräuber sprengt unterdessen Flints Bohrturm, wird von Wuttke abgeführt und auf den Hof gebracht. Daraufhin wendet sich Jost von Seeräuber ab. Doch die anderen Kolonisten feiern ihn als Helden. Flint kann inzwischen das Chaos nutzen und die durch den Vorfall skeptisch gewordenen Regierungsräte von seinem Projekt überzeugen. Als die Gendarmerie alarmiert wird, will Jost seinen Leuten helfen. Vorher teilt Sabe ihm den Tod ihres Kindes mit und ihren Entschluss, ihn zu verlassen und bei Flint zu leben.

VI

Nachdem Sabe sich bei Flint und ihrer Schwester Thordis einquartiert hat, hofft sie, Flint möge Jost das Leben auf dem Moorhof so schwer machen, dass dieser sich entschließt, ihn aufzugeben. Doch zunächst beweist Jost Widerstandskraft und kämpft weiter ums Überleben. Als die Situation auf dem Moorhof immer auswegloser erscheint, begibt sich Jost zu Sabe, um sie zurückzuholen. Sie blockt zunächst ab, doch dann lässt sie sich von ihm überzeugen, stellt aber die Bedingung, dass er den Hof verlassen müsse. Als Jost und Sabe einander langsam wieder näher kommen, tritt Flint, der das Gespräch der beiden mit angehört hat, hervor und die Situation eskaliert. Jost, der die beiden verdächtigt, ein Verhältnis miteinander zu haben, stürzt sich in blinder Wut auf Flint. Sabe, die Flint schützen will, zieht den Revolver und feuert, trifft dabei jedoch Flint, der durch einen Kopfschuss verwundet wird. Hinner, Thordis und der Betriebsleiter Wuttke stürzen hinzu, erblicken Jost und verdächtigen ihn, auf Flint geschossen zu haben. Sabe hatte den Revolver kurz zuvor fallen gelassen. Daraufhin versucht Wuttke, ihn festzunehmen, doch die Arbeiter Flints stellen sich auf Jost Seite und verlassen mit ihm aufgrund der gefährlichen Arbeitsbedingungen bei Flint das Anwesen, um auf dem Moorhof mitzuhelfen.

VII

Einige Zeit später haben die Ministerialbeamten Köckeritz und Kukei entschieden, dem Moorhof aufgrund der Brunnensprengung die bereits versprochenen Zuschüsse doch nicht zu gewähren. Vor dem Arbeitsministerium findet inzwischen eine von Jost angeführte Demonstration statt. Sabe und Flint, der nun erblindet ist, betreten das Büro und raten Köckeritz, mit Jost zu verhandeln und unter der Bedingung, dass die Kommunisten wieder abziehen, die Demonstration nicht zerschlagen zu lassen. Außerdem behaupten sie, dass Jost Flint seine Schussverletzung zugefügt habe. Während die beiden sich in einem Nebenzimmer versteckt halten, betritt Jost mit zwei Arbeitern den Raum und fordert Köckeritz auf, die zugesagten Unterstützungen zu bewilligen, dann würden die Demonstranten den Platz verlassen. Köckeritz lässt sich auf diesen Handel allerdings nicht ein und lässt ihn stattdessen zusammen mit einigen seiner Kameraden festnehmen.

VIII

Im Gefängnis versuchen bürgerliche Damen, die Gefangene betreuen, Jost von der Sinnlosigkeit seines Kampfes zu überzeugen und scheitern dabei. Nachdem die Gefangenen in den Hungerstreik getreten sind und immer mehr Proletarier vor dem Gefängnis protestieren, werden Jost und seine Leute schließlich begnadigt und wieder freigelassen.

IX

Die Freigelassenen ziehen sich wieder ins Moor zurück, wo sie sich bei einer Baracke verschanzen. Thordis, die Flint zuvor verlassen hat, schließt sich ihnen an und warnt sie vor den Polizeitruppen, die zum Stützpunkt vordringen. Die Kolonne liefert sich daraufhin ein Feuergefecht mit den Truppen, bei dem etliche Kommunisten, unter ihnen Jost, schwer verwundet werden und schließlich sterben. Die aus den Fabriken der Stadt zur Hilfe gerufene Verstärkung der Arbeiter kann die Soldaten zurückschlagen, und es ziehen immer mehr Arbeiter ins Moor, um sich der Kolonne anzuschließen.

2. Charaktere

Jost Kielmannsegg, jetzt Jost Hund
Jost ist Gründer und Anführer der "Kolonne Hund". Er ist mit Sabe verheiratet und hat mit ihr eine kleine Tochter. Er ist etwa 35 Jahre alt, hager, aber kräftig. Im Ersten Weltkrieg war der ehemalige Oberleutnant als tollkühner, aber auch brutaler Draufgänger berühmt. Als Anführer der Siedler auf dem Moorhof stellt er seine privaten Interessen, besonders seine Frau und sein Kind in den Hintergrund. Erst als Sabe zu Flint flüchtet, merkt er, dass er sich mehr um sie hätte kümmern müssen. Jost ist zielstrebig und möchte mit der Kolonne ein unabhängiges kommunistisches Kollektiv schaffen. Als der Staat finanzielle Unterstützung für den Moorhof anbietet, ist er von der Idee begeistert, als er jedoch erfährt, dass sich die Regierung damit auch ein Mitspracherecht an der Kolonne einräumen möchte, lehnt er ab, da er seine Unabhängigkeit nicht verlieren will. Seine Vernarrtheit in den Hof geht soweit, dass er später immer noch versucht, ihn zu retten, obwohl es weder Wasser noch eine richtige Ernte gibt.

Flint Ebbinghaus
Flint ist etwas jünger als Jost, hager und gut gekleidet. Er ist Unternehmer und Ingenieur und möchte oberhalb des Moorhofs ein Heilbad errichten, nachdem er Arsen im Grundwasser entdeckt hat. Um sein Ziel zu erreichen, schreckt er auch nicht vor der Sabotage des Moorhofs zurück, um die Kolonne Hund zu vertreiben. Nachdem Jost die Unterstützung des Staates abgelehnt hat, versucht Flint die Regierung auf seine Seite zu ziehen und für seine egoistischen und Gewinn bringenden Ziele einzusetzen. Als Venten Skuf auf seine Seite wechselt, setzt Flint ihn für seine Zwecke ein. Dieser wird von Flint versorgt, wenn er dafür mithilft, den Moorhof zu zerschlagen.

Sabe
Sabe ist eine große gepflegte junge Frau. Sie teilt zwar die politischen Ansichten ihres Mannes Jost, wünscht sich jedoch, er würde mehr Interesse für sie und ihr gemeinsames Kind zeigen. Als Jost immer weniger Zeit für sie übrig hat und sie und das Kind vernachlässigt, weiß sie nicht mehr weiter und stellt ihn vor die Wahl: Entweder der Hof oder seine Familie. Jost entscheidet sich zunächst für den Hof, und Sabe wird von Venten Skuf zu Flint und ihrer Schwester Thordis gebracht, um dort unterzukommen. Ihre inzwischen verstorbene Tochter "Lütting" nimmt sie mit. Daran erkennt man, dass Sabes Liebe zu Jost sich immer mehr in Hass verwandelt, denn schließlich geht sie zu Flint, seinem größten Feind. Als Jost sie in dessen Haus aufsucht um sie zurückzugewinnen, ist sie hin- und hergerissen, denn sie hat immer noch Gefühle für Jost. Als sie einander wieder näher kommen, taucht Flint aus seinen Versteck auf und die Situation eskaliert. Die Schussverletzung, die Sabe Flint dabei unbeabsichtigt zufügt, schiebt sie ihrem Ex-Ehemann in die Schuhe. Daran erkennt man, dass ihre Liebe zu Jost nun endgültig in Hass umgeschlagen ist. Josts Festnahme ist für sie anscheinend ein Racheakt dafür, dass er sie und sein Kind so sehr vernachlässigt hat. Sie scheint es als Genugtuung zu empfinden, dass er endlich eine Strafe für sein Verhalten bekommt.

Thordis
Thordis ist eine junge, schlanke Frau mit blonden Haaren, die um die 20 Jahre alt ist. Sie ist die Schwester von Sabe und wohnt bei Flint, dem Nachbarn des Moorhofs. Früher hat Thordis mit Sabe und Jost gemeinsam auf dem Moorhof gelebt, doch sie hat sich von Flint angezogen gefühlt. Sie achtet und respektiert ihn, sie ist zunächst auch von seiner Idee, den Moorhof zu Grunde zu richten, begeistert, was vielleicht ein Racheakt ist, da Jost sie nicht wollte. Thordis hasst es mit Sabe verglichen zu werden. Als diese bei Flint auftaucht, will Thordis, dass sie wieder geht, damit sie ihr nicht auch noch Flint wegnehmen kann oder weil sie für Sabe nur das Beste will. Zum Schluss wechselt Thordis die Seiten und geht zu Jost, um ihn bei seinem Kampf gegen die Regierung zu unterstützen und vielleicht auch, weil sie Flint an Sabe verloren hat.

Venten Skuf
Venten Skuf ist ein anfangs gut gekleideter, sehr gut genährter Mann, der bislang als Repräsentationschef eines Welthotels gearbeitet hat. Er ist ein alter Kriegskamerad von Jost und will nun auf dem Moorhof mitarbeiten. Venten hofft dabei abzunehmen, beschwert sich dann aber über das wenige Essen, das dem Moorhof zu Verfügung steht. Er kann Josts "Liebe" für den Hof nicht verstehen, die so weit geht, dass dieser sich mehr darum als um sein eigenes Kind kümmert. Als Flint der Siedlerkolonie ein größeres Ersatzareal für die Überlassung des Moorhofs anbietet, versucht er Jost zu überreden, das Angebot anzunehmen. Venten kümmert sich jetzt auch intensiver um Sabe, denn er will, dass es ihr wieder besser geht. Venten handelt aber auch in seinen eigenen Interesse, denn so kann er bei Flint seinen Hunger stillen. Zum Schluss wird dem Leser erst richtig bewusst, dass Venten die Seite gewechselt hat, denn er führt den Trupp an, der den Moorhof angreifen soll und er schießt Thordis an, die Jost warnen will.

3. Interpretation ausgewählter Szenen

3.1 Dialog zwischen Sabe und Jost im 3. Bild (S. 290 - 292), weitere Beteiligte: Venten Skuf und Seeräuber; Spielort: Küche des Moorhofs

Zu Beginn der Szene befindet sich der Moorhof in einer Notsituation, da das Wasser auf dem Hof knapp ist. Grund dafür ist, dass Flint auf seinem Anwesen einen motorbetriebenen Bohrturm errichtet hat und auf diese Weise das gesamte Wasser für sich beansprucht. Jost will gerade hinaus, als Sabe auftaucht und ihn bittet, sich um sein krankes Kind zu kümmern, dem es immer schlechter geht. Somit befindet sich Jost in einer Art Zwickmühle und muss nun entscheiden, was ihm wichtiger ist - sein Kind oder sein Hof. Der nur kurze Dialog lässt sich in zwei Hauptteile gliedern: Im ersten Teil bis zum Erscheinen Seeräubers fleht Sabe ihren Mann an, nach seinem Kind zu sehen, das inzwischen so krank ist, dass es kaum noch schlucken kann. Zunächst versucht Jost, Sabe auf einen späteren Zeitpunkt zu vertrösten ("Bin im Sprung zurück!"), doch nach weiteren Bitten und einer Ermunterung durch Venten Skuf entschließt er sich, zu dem Kind hinaufzugehen. In genau diesem Moment taucht Seeräuber auf und berichtet Jost von dem Vorhaben Flints, mit einem Bohrturm die Wasserquelle anzuzapfen. Daraufhin ändert Jost seine Meinung, weist Sabes Anliegen erneut mit einer schroffen Begründung ab ("Mein Kind! Mein Kind! Auch der Hof ist mein Kind! Wer das nicht löffelt, gehört nicht zu mir!") und verlässt mit Seeräuber das Haus. Sabe ist aufgrund dessen zunächst vor den Kopf geschlagen, verteidigt das Handeln Josts aber wenig später sogar noch gegen Venten Skufs Kritik ("Schweigen Sie, Venten! Er muss hart sein! Wie kann ein Riff sich sonst halten im Meer, umbrandet, umfeindet, einsam... er muss hart sein, Venten, sein Werk zu halten!"). Der Wortwechsel weist ein hohes Tempo auf und ist abwechslungsreich. Jeweils nur wenige Sätze, oft nur Wortfetzen wechseln einander im Dialog ab. Zu Beginn der Szene befindet sich Sabe in der Offensive, da sie Jost drängt, endlich nach seinem Kind zu sehen, während er in die Defensive gerät und versuchen muss, sein gleichgültiges Verhalten seiner Familie gegenüber zu rechtfertigen. Diese Rollenverteilung hält bis zum Ende des ersten Hauptteils an, nachdem Seeräuber seine Neuigkeit überbracht hat, rückt Jost mehr in die Offensive. Sabe und Jost sehen sich in dieser Szene und auch während des ganzen Stücks in der klassischen Rollenverteilung von Frau und Mann, was sicherlich auch auf die Zeit, in der das Stück spielt, zurückzuführen ist. Jost muss als Führer des Hofes schwere körperliche Arbeit verrichten, um seine Familie und die restlichen Mitbewohner zu ernähren, während Sabe größtenteils die Führung des Haushalts übernimmt und sich um das gemeinsame Kind kümmert. Darüber hinaus ist Sabe in gewisser Weise von Jost abhängig, da sie für ihn ihre Familie verlassen hat und er seine Familie auf den Moorhof gebracht hat. Somit hat er für sie Verantwortung übernommen, was sie ihm auch während des Dialogs in Erinnerung ruft ("Du hast uns hierher gepflanzt auf diesen harten Boden; wenn unsre Wurzel nicht Grund gefasst..."). Die Charaktere sind und deren Handlungen sind sehr glaubhaft und nachvollziehbar dargestellt. Die Szene nimmt innerhalb des Stücks einen großen Stellenwert ein, da sie Jost nicht nur als starken Führer des Barkenhoffs darstellt, sondern deutlich macht, dass er auch eine eigene Familie besitzt und es schwierig für ihn ist, die vielen ihm auferlegten Aufgaben zu erledigen. Dies führt zur Vernachlässigung seines Kindes, was wiederum Spannungen zwischen ihm und Sabe hervorruft. Die Szene macht aber auch deutlich, wie sehr Sabe Jost liebt und ihn verehrt, da sie ihn nach ihrer Abfuhr nicht etwa verflucht oder sich von ihm abwendet, sondern im Gegenteil noch versucht, ihn zu verstehen und sein Handeln zu rechtfertigen. Ohne diese Szene würde dieses Verhältnis im Rest des Stücks nicht richtig zur Geltung kommen. Der Inhalt dieser Szene ist insofern noch aktuell, als auch heutzutage viele Elternteile ihre Kinder aufgrund ihrer Arbeit vernachlässigen. Zwar handelt es sich aktuell in den seltensten Fällen noch um die Arbeit auf einem Bauernhof oder gar in einem revolutionären Siedlungsprojekt, jedoch leiden die Familien nicht weniger unter solch einer Situation.

3.2 Szene mit Sabe, Flint und Jost im 6. Bild (S. 322 - 327), weitere Beteiligte: Hinner, Thordis, Wuttke, zwei von Flints Arbeitern; Spielort: Raum in Flints "Betonburg"

Die Ausgangssituation besteht darin, dass "Lütting", das gemeinsame Kind von Sabe und Jost, verstorben ist und Sabe daraufhin den Moorhof verlassen hat, um bei ihrer Schwester Thordis und Flint zu leben. Sie hegt die Hoffnung, dass Jost endlich zur Vernunft kommt und den Hof für sie verlässt, doch zunächst zeigt er sich stur und macht keine Anstalten, ihrem Wunsch nachzukommen. Die Szene - ein längerer Ausschnitt aus dem 6. Bild - lässt sich in mehrere Teile untergliedern. Anfangs warnt Sabe Flint vor Jost, der sich dem Anwesen nähert, und bittet ihn, sie unerkannt gehen zu lassen ("Doch meinen Rat, Flint, doch meinen Notruf: Lass mich fort, sogleich, unkenntlich, in Thordis Jacke, in des Verwalters Mantel, sogleich, Flint!! Es ist Wut in ihm, die bête canaille der Sturmkolonne Hund!"), doch Flint will seinem Rivalen selbstbewusst entgegentreten und sie nicht fortschicken ("Er fällt!"; "(...) bin ich dir nicht genug `männlich´, muskulös wie der Sturmkolonnenführer; mein Mut ist nicht schwächer!"). Sabe lässt jedoch nicht nach und drängt ihn in den Alkoven als Versteck. Kurz darauf erscheint Jost und sie tritt ihm entgegen, wobei sie einen Revolver hinter dem Rücken versteckt hält. Hier beginnt nun der zweite Teil der Szene. Jost versucht verzweifelt, Sabe zurückzugewinnen und fleht sie an, zu ihm zurückzukehren, da ihn vor allem wegen des Todes des Kindes schreckliche Schuldgefühle plagen ("Sabe, es zernagt, zerhöhlt mich, es trinkt mein Blut, ruft in den Nächten nach dir und mir ... das Tote, sie blickt mich an aus diesem Busch, aus jenem Kraut, meine Pusteblume"; "Ich bin zerscheucht, zermergelt, verzehrt, jede Arbeit lahmt!"). Sabe blockt zunächst ab, doch im Laufe des Dialogs lässt sie sich doch von Jost überzeugen, wieder zu ihm zurückzukehren ("Man könnte dir ... fast helfen!"). Allerdings stellt sie die Bedingung, dass Jost den Hof verlässt ("Verlaß den Hof !!"). Als die beiden einander langsam wieder näher kommen, tritt Flint, der das Gespräch vom Alkoven aus mit angehört hat, hervor, und die Situation beginnt zu eskalieren. Hier beginnt nun der nächste Szenenabschnitt. Jost ist völlig außer sich und beschuldigt Flint, mit Sabe ein Verhältnis zu haben ("Bettmarder?!"). Als Sabe Josts Frage nicht eindeutig beantwortet ("Privatgefühle!"), sieht dieser seine Vermutung bestätigt und stürzt sich in blinder Wut auf seinen Rivalen. Die verängstigte Sabe will Flint vor Jost schützen, zieht den Revolver und feuert. Sie trifft jedoch nicht Jost, sondern Flint, der durch einen Kopfschuss verwundet wird. Nach dem Schuss folgt der nächste Teil der Szene. Die völlig geschockte Sabe stürzt hervor und lässt den Revolver fallen. Auch Jost springt hervor und muss feststellen, dass er selbst das eigentliche Ziel war ("Der Schuß galt nicht... dem Flint?"). Kurz darauf stürzen Hinner, Thordis und der Betriebsleiter Wuttke hinzu. Nachdem Thordis sich um den verletzten Flint gekümmert hat, ergreift sie die Waffe und richtet sie auf Jost, in dem Glauben, er habe geschossen ("Mordbiest!"). Jost entreißt ihr den Revolver, doch auch Wuttke ist der Meinung, dass Jost der Schuldige sei, und auch Sabe gesteht den anderen nicht etwa, was sich wirklich abgespielt hat, sondern belastet Jost ("Wer trägt hier... den Revolver?"). Dieser verrät sie zwar nicht, bestreitet aber auch, selbst geschossen zu haben, als Wuttke versucht, ihn festzunehmen ("Ich schoß ihn nicht; doch hätte ich ihn schießen können!"). Daraufhin stellen sich Flints ohnehin unzufriedene Arbeiter auf Josts Seite und gehen auf seinen Vorschlag ein, mit auf den Moorhof zu kommen und dort zu helfen ("Wir sind dabei!"). Hier folgt nun der letzte Part der Szene. Flint, der inzwischen das Sehvermögen verloren hat, will nicht zum Arzt, sondern lässt Thordis zunächst ein Schreiben aufsetzen, mit dem er neue Bauarbeiter suchen lässt.

Alle Gespräche finden ausschließlich unter den Personen des Stücks statt, es existiert also keine Öffnung zum Publikum. In der gesamten Szene und vor allen Dingen nach dem Schuss ist das Tempo der Wortwechsel relativ hoch, nur im Dialog zwischen Jost und Sabe gibt es längere bekenntnishafte Aussagen, als er ihr sein Leid klagt und versucht, sie zurückzugewinnen. Die Figuren wechseln sich in der Offensive und Defensive relativ häufig ab. Sabe ist zunächst in der Offensive und Flint in der Defensive, als sie versucht ihn zu überzeugen, sie gehen zu lassen. Jost rückt mit seinem Erscheinen sofort in die Offensive und bedrängt Sabe, wieder zu ihm zurückzukehren. Sie dagegen nutzt ihre starke Position aus, indem sie zunächst abblockt, dann aber dazu übergeht, ihrem verlassenen Ehemann Hoffnungen zu machen. Als schließlich der Streit zwischen Jost und Flint ausbricht, sind beide aggressiv und weisen sich gegenseitig die Schuld zu. Nachdem der Schuss gefallen ist und Jost der Tat verdächtigt wird, wird er ganz klar in die Defensive gedrängt. In der vorliegenden Szene gibt es zwei verschiedene Konstellationen bzw. zwei Männer, zwischen denen Sabe hin und her gerissen zu sein scheint. Auf der einen Seite steht Flint, der als Ingenieur ein gebildeter Mann ist und ein kultiviertes Verhalten zeigt. Seine Beweggründe liegen vor allem im Profit, und er hält sich aufgrund seiner Ausbildung und seines Reichtums gegenüber Jost für überlegen. Auf der anderen Seite steht Jost, der extrem stark und "männlich ist", als harter Arbeiter weiterhin das schwierige Leben auf dem Hof in Kauf nimmt und nur von seinen Idealen angetrieben wird. Diese beiden Charaktere und ihre Lebensweisen stellen einen starken Gegensatz für Sabe dar, was sie in einen Konflikt treibt und sie zögern lässt, für wen sie sich entscheiden soll. Dies wird besonders deutlich, als Jost sie auffordert, das Verhältnis zu Flint abzustreiten und sie trotzdem zögert und ihm keine Antwort geben kann. Als Jost seinen Rivalen aufs Bett geworfen hat und ihn würgt, zieht sie den Revolver und entscheidet sich instinktiv für den Unterlegenen. Sie schießt auf Jost, um Flint zu schützen. Dies muss auch Jost kurz darauf einsehen, und somit schließt er innerlich mit seiner Beziehung zu Sabe ab. Außerdem wird in dieser Szene auch die innere Abhängigkeit Josts von Sabe herausgestellt. Als er zu ihr kommt und sie anfleht, zu ihm zurückzukehren, wird deutlich, dass eigentlich nicht - dem traditionellen Klischee entsprechend - Sabe von ihrem Mann abhängig ist, sondern umgekehrt. Jost hat nicht damit gerechnet, dass Sabe ihre Drohung wahr machen und ihn verlassen würde, und als er allein ist, muss er feststellen, dass er sie an seiner Seite braucht. Dies bewegt ihn dazu, auf Flints Anwesen zu erscheinen und mit ihr zu reden. Im Großen und Ganzen sind alle Charaktere glaubhaft dargestellt, nur Sabe scheint etwas zu sprunghaft in ihren Entscheidungen zu sein, was sich allerdings mit ihrer labilen Verfassung aufgrund des Todes von Lütting erklären lässt. Innerhalb der Handlung stellt die Szene einen Wendepunkt dar und kann somit als Schlüsselszene gelten. Bei einer Inszenierung sollte sie daher auf keinen Fall gestrichen werden. Der Inhalt der Szene - eine Frau zwischen zwei Männern bzw. die Konkurrenz von zwei Männern um eine Frau - ist auch heute noch hochaktuell und wird es vermutlich auch bleiben, da sexuelle und Paarbeziehungen ein wesentlicher Bestandteil des Zusammenlebens von Menschen sind.

3.3 Achtes Bild mit Nell, Mirandeus, Seeräuber und Jost als politischen Häftlin- gen, jungem und altem Wärter, Inspektor, Friseur, junger und älterer Dame (S. 336 - 345); Spielort: Gefängniskorridor mit Blick auf die Zellen Nr. 21, 22 und z.T. 23

Diese Szene führt dem Leser bzw. Zuschauer die verschiedenen Reaktionen Außenstehender auf die Mitglieder der Moor-Kolonne vor Augen. Sie spielt im Gefängnis, wo ein alter und ein junger Wärter die politischen Gefangenen Nell, Seeräuber und Mirandeus versorgen. Letztere halten schon seit zehn Tagen Hungerstreik, eine Aktion, die ihnen Unmut, aber auch widerwilligen Respekt einbringt. An diesem Tag erwartet man Damen von der Wohlfahrt, die von Zeit zu Zeit die Gefangenen besuchen, um ihnen Lieder vorzusingen und Zigarren, Esswaren und Bücher zu verteilen, eine Aktion, von der sich der alte im Gegensatz zu dem jungen Wärter wenig beeindruckt zeigt. Dem Anlass gemäß werden die Gefangenen aus den Zellen geholt, um von einem Friseur ordentlich rasiert zu werden. Nell lässt die Prozedur ruhig über sich ergehen, während Mirandeus sich nicht rasieren lässt. Er sträubt sich gegen jegliche Behandlung und hält sich auch nicht zurück, als die Damen der Wohlfahrt kommen und versuchen die "missleitete, verirrte Herde" der politischen Gefangenen zu friedlichen Menschen zu bekehren. Zwischen Mirandeus und der älteren der beiden Damen bricht eine hitzige Diskussion aus, wobei sie ihre Aussagen jeweils mit Bibelzitaten untermauern und rechtfertigen. So fordert die Dame Friedfertigkeit und selbstlose Liebe und führt als Beispiel Jesus an. Mirandeus sieht in Jesus aber eher eine Art Freiheitskämpfer und sieht nicht ein, seinen persönlichen Kampf für ein "Reich der Gerechtigkeit dieser Erde" aufgeben zu sollen. Seeräuber kippt nach einiger Zeit entkräftet vom Stuhl, wehrt sich jedoch, als die ältere Dame versucht, ihm Wein einzuflößen. Nachdem er ihr das Glas Wein aus der Hand geschlagen hat, ist sie empört und zieht schnaubend von dannen. Plötzlich kommt Jost, seiner Einzelzelle entwichen, benommen den Gang hinunter. Er trägt Zeichen einer gewaltsamen Rasur und ist auch sonst übel zugerichtet. Mirandeus ist über seine Erscheinung erschrocken, aber Seeräuber ist der Meinung, dass nun, da Jost wieder da ist, sich alles zum Besten entwickeln wird. Die Genossen werden allerdings sofort in die Zellen zurückgebracht, und Jost muss sich an die Wärter wenden. An dieser Stelle wird sehr deutlich, welch starken Eindruck die Gefangenen auf ihr Umfeld machen: Der junge Wärter beharrt streng auf die Einhaltung der Regeln, die ihm Ordnung und Sicherheit vermitteln. Der Hungerstreik der Gefangenen bedeutet ihm nur zusätzlichen Ärger, ihre politische Einstellung kann er nicht nachvollziehen. Niemals würde er es wagen, Partei für sie zu ergreifen, oder ihnen gar zur Freiheit zu verhelfen. Der alte Wärter hingegen zeigt sich nachdenklich. Wenn er sich auch nicht traut, öffentlich für die Politischen Partei zu ergreifen, ist er doch insgeheim auf ihrer Seite ("Hans, die Kerle drin sind richtig!"). Diese verschiedenen Ansichten werden besonders deutlich, als Jost die beiden im Zellengang anspricht: Der junge Wärter fordert ihn auf, sofort zu seiner Zelle zurückzukehren, während der Ältere ihn nur anstarrt. Jost redet nun auf den Älteren ein, erzählt von der Bewegung, die er mit einem "aufschäumenden Meer, Millionen Wellen" vergleicht. Der alte Wärter lauscht wie gebannt und ist kurz davor, die Zellen aufzuschließen und die Gefangenen freizulassen. Der jüngere Wärter befindet sich nun in einer Zwickmühle. Soll er sich von der Bewegung mitreißen lassen oder auf der sicheren Seite von Recht und Ordnung bleiben? Schließlich packt er Jost, ruft erregt: "…ick kann dir nich helfen, ick hab dir nich jerufen, … wat jehen uns die Sachen da draußen an? Jarnischt, fort...!", und sperrt ihn in eine Zelle. Nun sinkt der alte Wärter in sich zusammen und wiederholt, ins Leere starrend "Jarnischt, jarnischt…", denn auch er schafft es letztendlich nicht, sich dem Gesetz entgegenzustellen.

Durch die Szene erfährt der Leser bzw. Zuschauer, wie das Verhalten und die Einstellung der Kolonne nach außen hin gewirkt haben und welche Wellen die Aktion geschlagen hat. Zumeist versteht man die Politischen und ihre Ziele wohl nicht. In der bürgerlichen Gesellschaft werden sie zumindest als verrückt und bemitleidenswert, wenn nicht sogar als gefährlich eingestuft. Früher oder später, nachdem jeder Versuch, aus ihnen wieder angepasste, stille Bürger zu machen, fehlgeschlagen ist, werden sie als hoffnungslos starrköpfig abgeschrieben. Man hat sich ja Mühe mit ihnen gegeben, aber wer sich nicht anpassen will, bleibt eben Stein des Anstoßes. Der Inspektor, auf den hier im Übrigen nicht näher eingegangen werden soll, formuliert dies auch: "Meine Freunde, wie ich sehe, beharrt ihr noch auf Hungerstreik und Renitenz; ich bedaure das! Man hat sich bemüht, (...) ihr habt es abgelehnt! Ich habe euch Krankenkost zugebilligt, ihr habt sie verweigert!". Die Platzierung der Szene gegen Ende des Stückes ist sinnvoll, weil der Leser mit den Charakteren und der vorangegangenen Handlung bereits vertraut ist und deshalb die Position der Gefangenen zumindest nachvollziehen kann, wenn nicht sogar unterstützt. Tatsächlich steigt die Spannung zwischen Staatsorganen und Kolonne in der Szene weiter an. Sie bietet somit die nötige Grundlage zum Verständnis der verhärteten Fronten, wie wir sie in der Abschluss-Szene erleben. Der Inhalt der Gefängnis-Szene ist auch heute noch aktuell, wenn man die radikalen, autonomen Strömungen in der Jugendszene beobachtet. Auch wenn der politische Hintergrund sich gewandelt hat und Demonstrationen heute nicht mehr in dem Maße aus Gründen wirtschaftlicher Not wie zur Zeit der Moorkolonne stattfinden, erinnern manche Straßenschlachten mit der Polizei in ihrer Verbissenheit doch an Charaktere aus dem Stück.
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