Zehn Jahre ist es her, daß ich vor der Eingangstür des Verlages in der Prinzenstraße gestanden habe. Vom Nabel bis zu Wiederholdt war alles voller Studenten. Wir kannten die Schlagzeilen auswendig, mit denen das Tageblatt nach dem Dritten Reich gerufen hatte. Schon 1924 ganz schrill. Eine Abordnung verlangte von den Besitzern eine Seite je Ausgabe nur für uns. Angenommen, riefen die drei vorn Balkon herunter. Der Jubel. Wie stark man war, einfach dadurch, daß man mit tausend anderen dastand. Gleichzeitig halb unterdrückte Ahnungen, die Vollversammlungen, in die wir gingen wie ins Kino, könnten auch von den fünf, sechs Dauerrednern nur einberufen werden, um eine Arena zum Kampf um den längsten Beifall zu haben. Morgens zwischen vier und fünf kamen wir nach Hause, brieten in der Gemeinschaftsküche Eier mit Speck und vergegenwärtigten uns, auf den harten Hockern vor Riesenportionen sitzend, mit heiseren Stimmen die Höhepunkte der Nacht. Das Haus schlief noch, aber wir waren hellwach. Wir sahen die Sonne über Nikolausberg aufgehen und hörten den besonders eindrucksvollen Frühgesang der Vögel. Die ersten Leute ließen ihre Autos an und fuhren zur Arbeit. So aufgekratzt, so ausgelassen waren wir. Alles klar. Dagegen das Zwielicht heute.

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