Rezensionen

Basler Zeitung vom 4. Juli 1979: „Schwierigkeiten mit dem Träumen“ (Manfred Bosch)

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Nach dem Rezensenten Manfred Bosch ist „Nördliche der Liebe und südlich des Hasses“ von Guntram Vesper ein unaufgeräumtes Buch. Es enthalte keine durchgehende Handlung, viel mehr eine Ineinanderschachtelung von Geschichten und Anekdoten, Notizen, Reflexionen und erinnerten Fragmenten. Bei aller kompositorischen Anarchie jedoch sei diese Prosa an einem roten Faden entlang geschrieben, der die Verbindungslinie zwischen Vespers Biographie, und allem von ihm als sinnvoll und notwendig Erkannten darstelle. Seinen vielschichtigen Beschreibungen der bundesdeutschen Realität gebe er einen regionalen Rahmen, in dem er von seinen persönlichen, familiären und sozialgeschichtlichen Erfahrungen in der Heimat berichte. Der Begriff Heimat spiele so auch das ganze Buch hindurch eine herausragende Rolle. Die kindlichen Erinnerungen in der Provinz, die nicht nur Perspektive, sondern Etikett einer Gesellschaft seien, in der Konkurrenz wichtiger sei als Solidarität. Die ständige Verbindung zur Vergangenheit, die Bedrücktheit des Autors, die aus die unsichtbaren Erwartungen der Gesellschaft resultiere, all das komme in „Nördlich der Liebe und südlich des Hasses“ zum Ausdruck. Die Entdeckung des eigenen „Ich“ bedeute bei Vesper aber nicht zwanghaft den Rückzug ins Private, wie er sich in der gesamten Gesellschaft vollziehe. Trotzdem verspüre er, so Bosch, manchmal das Bedürfnis den Ort und die Zeit zu wechseln und vielleicht einmal jemand ganz anderes zu sein.

Janne Groth


Süddeutsche Zeitung vom 23.5.79: (Lothar Baier)

Baier äußert sich wohlwollend über "Nördlich der Liebe und südlich des Hasses und hebt besonders die literarische Leistung des Autors hervor, die in dem Wechsel von " der reportagehaften Deskription zur Erkundung des sozialen und des psychischen Untergrundes" bestehe. Zentrale Elemente der Alltagsbeschreibung seien der schon bald verschwimmende Kontrast zwischen Stadtrandsiedlung in Göttingen und nordhessischem Dorf, das Motiv der Flucht und private Katastrophen, von denen Vesper in vielen "Geschichten mit tödlichem Ausgang" erzähle. Dies alles begründe eine neue "Bodenlosigkeit". Aus alledem trete deutlich die Angst hervor, die der Rezensent als alles beherrschendes Moment unter den "wuchernden Affekte" und "schrumpfenden Gefühle" hervortreten sieht. Vesper habe mit der in der zeitgenössischen Literatur verbreiteten "Angstsprache" umzugehen gelernt und ein "Angstbuch" geschrieben, das "unverwechselbar von den Angstzuständen und den heutigen Zuständen" handle.

Simon Hanusch


Rheinische Post vom 26. 01. 1980: "Eine Landschaft voller Katastrophen" (Peter Jokostra)

Jokostra beschreibt Vespers Werk „Nördlich der Liebe und südlich des Hasses“ als „eine Landschaft voller Katastrophen“, in der das Wort „Angst“ eine vorherrschende Rolle spiele. Die beschriebenen Ereignisse, Geschichten und Legenden dienten der Selbstfindung des sensiblen Erzählers. Die Realität des Autors bestehe aus den Geschichten, die ihn beschäftigen.
Guntram Vesper wehre sich gegen „eine zunehmende Institutionalisierung“ des Lebens, da diese Freiräume beseitigen würden.

Moritz Heil


Frankfurter Rundschau vom 23. Juni 1979: „Angst, die einem immer vertrauter wird" (Wolfram Schütte)

Für Schütte war „Nördlich der Liebe und südlich des Hasses“ des ihm vorher unbekannten Autors Guntram Vesper eine ganz besondere Entdeckung:
Der Prosatext erzähle in vielen kleinen Geschichten aus der Wirklichkeit und reflektiere darüber – „tastend, fragend und dennoch entschieden und kraftvoll“. Das Werk sei dabei „autobiographisch fundiert“, und dringe in die tiefsten Schichten unserer Gesellschaft ein, ohne nur „von dem Gewicht der Welt zu sprechen, das sich auf seiner Psyche im Laufe der Jahre abgesetzt und angelagert hat.“ Guntram Vesper nehme uns mit auf eine Reise in eine „verhangene Landschaft voll Katastrophen“, beschreibe, träume und frage.
Das Buch setze sich laut Vesper aus einem „Katalog von Stichworten“ zusammen, den er sich in alltäglichen Anlässen zusammengetragen habe. „Er vergleicht das Buch mit einem Kaleidoskop“, so Schütte, „das eine annähernd unendliche Reihe von Bildern erzeugt, die aber aus immer gleichen Teilen bestehen und deshalb ähnlich sind.“ Zwar ließen sich einzelne Geschichten, wie die Eduards isolieren, aber keine stehe für sich und alle verwiesen aufeinander. So entstehe aus dem Zusammenspiel zeitlich zum Teil weit zurückliegender Geschichten ein „Labyrinth“, welches zu begehen Vesper einlade und in dem Vesper sein Empfinden der deutschen Gegenwart wiedergebe.
Obwohl ohne Ausrufe- und Fragezeichen, womit sich Schütte auf die eigentümliche Interpunktion Vespers bezieht, sei das Buch doch ein Werk, das ausruft und fragt wie nur je eines der letzten Zeit".
Weniges, was in letzter Zeit erschienen sei, sei näher an den Ängsten und Albträumen des Alltages. „Nördlich der Liebe und südlich des Hasses lesen, heißt, zu erfahren, warum uns die Angst immer vertrauter wird. Und woher das kommt.“

Christoph Hetsch


Die Zeit vom 16.November 1979: „Geschichten aus stillstehender Zeit“ (Heinz Ludwig Arnold)

Arnold stellt Guntram Vespers Werk als "ein außergewöhnliches Buch" vor, in dem Geschichte in Bezug zu gegenwärtigen Erlebnissen gesetzt werde. Das Buch habe keine romanhafte Handlung, der Rezensent bemerkt aber, dass, obwohl in diesem Buch "nicht viel" geschehe, es durchaus spannend sei. Es erschaffe viel mehr ein Bild von der jetztigen Zeit voller "Angst und Verschrecktheit" und der heutigen, bis in die jetzige Zeit gekommenen, unverbesserlichen Gesellschaft mit Hilfe von einer Ansammlung von Geschichten. Die Angst in Vergangenheit und Gegenwart spiegele sich in Vespers Buch auch als "sinnliche Erfahrung" wieder.
Eine besondere Rolle spiele Eduard, eine fiktive Perönlichkeit der Vergangenheit. Sie diene nicht nur zur Darstellung der eigenen Geschichte und Erfahrung zu früheren Zeiten, sondern sei auch stellvertretend für Menschen, die durch äußere Umstände oder aufgrund gesellschaftlicher Vorurteile das Verbrechen als einzigen Ausweg sahen.
Obwohl eine Parallele Eduards zu einem RAF-Terroristen einleuchtend scheine, ist für den Rezensent das Buch keinesfalls eine Darstellung des Terrorismus, vielmehr komme nach "alter schwarzer Romantik" eine außergewöhnliche Darstellung der allgemeinen Unsicherheit und den damit verbundenen Ängsten der heutigen Zeit zum Vorschein. Und diese baue nicht auf Behauptungen, sondern auf der Charakterisierung "der wohl schon verlorenen Sehnsucht nach menschlichem Vertrauen" auf.

Erik Knauer


Stuttgarter Zeitung vom 14.7.1979: „Mit gesenktem Blick" (Uwe Schultz)

Nach Schultz betreibe Guntram Vesper in seinem Roman „Nördlich der Liebe und südlich des Hasses“ von den Orten Steinheim und Göttingen aus nicht „fiktive Welterkundung“, sondern „realistische Selbsterkenntnis“; wobei er „fragwürdige Abhängigkeiten“ aufdecke. Er schreibe nicht eine fortlaufende Erzählung, sondern setze Momentaufnahmen bitterer Schicksale in einem Mosaik zusammen. Guntram Vesper sei auch den kurzen Sätzen, dem schnellen Bildwechsel und den engen geographischen Grenzen zwischen Frohburg und Göttingen verhaftet geblieben. Durch den technischen Fortschritt und die Betonierung der Landschaft habe man sich in einem Nivellierungsprozess gefangen, der die Gefühlsfähigkeit zu alltäglichen Ritualen schrumpfe. Gegen die „tödliche Norm“ dieses Lebens werde die Kunstfigur Eduard gesetzt: „Ein Idealist, der mit der Humanität Hölderlins aufbricht, die Reinheit der Liebe Diotimas sucht, dann aber gegen die Barrieren der Welt rennt.“ Da der Autor selbst von dieser Degradierung betroffen sei, könne er nur diesen Zustand permanenter Angst protokollieren. Dies sei ein Dilemma, das engagierte Autoren wie Vesper zur „emotionalen Wehleidigkeit“ und Resignation treibe. Er sei ein Autor, der mit verschiedenen Kunstgriffen die Deformationen des Zeitalters der Angst beschreibe. Diese Angst sei ein Merkmal eines Autors, der den Verlust fragwürdiger Illusionen beklage und nicht ohne letzte Ideale leben könne.

Philipp Schmale


Der Tagesspiegel vom 18.11.1979: „Wissen wollen, wer man ist“ (Jürgen P. Wallmann)

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Wallmann bezeichnet Guntram Vespers Buch als das „wichtigste Buch“ des Jahres, in dem Vesper ein Bild von der heutigen Wirklichkeit mache, um zu zeigen, wie sie sich in der Verhaltensweise der Menschen spiegele.
Guntram Vesper beziehe sich selber mit in die Beobachtungen ein und reflektiere sein Handeln. Der Schriftsteller sei sich bewusst, bemerkt der Rezensent, dass die Gegenwart und sein Handeln Ursachen in der Vergangenheit hätten und dass die Vergangenheit in die Gegenwart hineinreiche, was bereits der Satz von Balzac, den Vesper an den Anfang des Buches gestellt habe, deutlich mache: „Das Heute ist nur der jüngere Bruder von Gestern.“. Um zu wissen, „wer man ist“, müsse man sein Umgebung beobachten und die Wirklichkeit um sich erkennen. Vesper habe „sich selbst [..] scharf“ beobachtet, genau wie seine Umwelt, und „so hat er ein Bild der Wirklichkeit zeichnen können“.
Für den Rezensenten ist das Buch eine „Selbstbefragung eines Mannes Ende Dreißig, der mit Schrecken sieht, wie die Zeit verrinnt“ und der sich frage, ob in seinem Leben nicht irgendetwas fehle oder ob er etwas hätte anders machen sollen. Guntram Vesper konstatiere, dass unsere Gefühle immer kleiner werden, weil wir immer „kleiner werden [..] und hineinschrumpfen in Rituale“. Die Antwort, die Guntram Vesper gebe, auf die Frage, wie man sich dagegen währen könne, sei, dass man versuchen müsse seine Erinnerungen, Erfahrungen und Wünsche nachzuerzählen[..]und das Kaleidoskop in Bewegung zu setzen“.

Lars Wenzel


Frankfurter Hefte vom Februar 1980: "Angst in der Provinz" (Josef Quack)

Quack beschreibt "Nördlich der Liebe südlich des Hasses" als Vespers Bewältigung der Probleme, die ihn nach seiner bewegten Zeit in der Studentenbewegung , im Zwielicht zwischen Terrorismus und Terrorismusbekämpfung, in den Alltag zurückholten. Vespers sozialkritische Beleuchtung einer Vorstadt am göttinger Beispiel empfindet der Rezensent zwar als treffend aber unnötig, da dies alles lange bekannte Fakten seien. Besser gefallen dem Rezensent die kleinen in den Kontext eingebetteten Kriminalfälle. Nur bemängelt er, dass Vesper die Wirkung nur durch die Ungeheuerlichkeit der Erzählung erreiche, aber ein physiologischer Hintergrund zu vermissen sei. Vesper versuche im ganzen Buch von längst vergangenen Geschichten auf Heute zu schließen, wobei ihm der Bogen nicht so ganz gelinge und "von heute dagegen weiß Vesper gar keine Geschichte zu erzählen."

Michael Zahnow


Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 07.Juli.1979: "Die Zerstörung der letzten Idyllen" (Michael Zeller)

Nach Zeller taste sich der Autor in gekonnter Form erinnernd und vergegenwärtigend durch die Provinz als „die bestimmte Sozialform seines Lebens“, wobei er sich radikal der „Wahrheitssuche“ verpflichtet fühle. Es sei ein Buch, bei dem man das Erschrecken lernen könne, über die Welt als Dorf, da eben diese Welt des Dorfes im Zentrum von Guntram Vespers Erzählungen stehe. Dabei gelinge es Guntram Vesper, der in diesem Buch stilistisch den „ruhigeren, gedankenreicheren Gang des Epischen“ gewählt habe, durch den Grad der „Sprachhelle“, der Bereitschaft, das Zurückliegende „intellektuell zu durchdringen“, Distanz zu dem Geschehen einzunehmen, welches nach Zeller, die besondere Qualität dieses Buches darstelle.
Anstatt, dass er dem Glauben verfalle, nur aus sich heraus Erklärungen zu finden, borge Vesper sich sein „alter ego“ aus erlebten Geschichten, die bis weit über die eigene Biographie hinausreichten. Durch historische Rückblenden sei Vesper stets bemüht, das „Heute als jüngeren Bruder vom Gestern“ und den Sinn, der so hoffentlich zurückgelassen werde, zu erkennen. Einer der so entstandenen Charaktere sei Eduard.
Erst in dieser Rolle gelinge Vesper eine „Identifizierung". Eduard, der Dorfschullehrer von Steinheim um 1860, der desillusioniert die Enge durchbreche, in die Fremde gehe und einen Sinn für sein Leben nur noch im Königsmord erkennen könne. Doch statt den König zu ermorden, würde er zu einem „wahllosen Menschenschlächter“ werden - „die Tat, die Tat, aber ein Zusammenhang war ihm verloren gegangen“.
Über den Umweg über die Geschichte der Provinz erreiche Vesper ein Leseerlebnis, bei dem die Ferne zur bedrängensten Nähe werde. So sitze man da, in einer „verhangenen Landschaft voller Katastrophen.“

Patrik Tabatabai


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