"Nördlich der Liebe und südlich des Hasses"
im Spiegel der Kritik

Patrik Tabatabai und Katharina Ort

Das Buch „Nördlich der Liebe und südlich des Hasses“ von Guntram Vesper wurde 1979 veröffentlicht. Nach seinem Erscheinen wurde es in vielen deutschen Zeitungen vorgestellt, wobei sehr unterschiedliche Meinungen und Beurteilungen aufeinander treffen.
So äußert sich Lothar Baier in der Süddeutschen Zeitung vom 25.05.1979 sehr wohlwollend, wobei er alsbesondere literarische Leistung die „reportagehafte Deskription zur Erkundung des sozialen und des psychischen Untergrundes“ hervorhebt. Hierbei bediene sich Vesper gekonnt der sogenannten „Angstsprache“ der moderneren Literatur, wodurch sein Buch alle Kriterien eines sogenannten „Angstbuches“ erfülle.
Eine Atmosphäre der Angst und der „Enge“ konstatiert auch Uwe Schultz in der Stuttgarter Zeitung vom 14.06.1979. In seiner „wie aus Mosaiksteinchen einer bitteren Bestandsaufnahme“ zusammengetragenen Collage protokolliere Vesper einen Zustand „permanenter Angst in der zertrümmerten Form eines gestörten Bewusstseinsstroms“. Stilistisch betrachtet, ordnet Schultz Vespers Sprache in den Bereich des „Goethischen“ ein.
Sehr ähnlich auch Michael Zeller. Er beschreibt in seinem FAZ-Artikel vom 07.07.1979 den Stil Vespers als den „ruhigeren, gedankenreichen Gang des Epischen“. Dabei schaffe er es durch den Grad der „Sprachhelle“ und der Bereitschaft das Zurückliegende „intellektuell zu durchdringen“, Distanz zu dem Geschehen einzunehmen.
Die intensive Arbeit mit der Vergangenheit bemängelt Joseph Quack in den Frankfurter Heften vom Februar 1980. Vesper versuche in seiner „sozialkritischen Beleuchtung einer Vorstadt“ von vergangenen Geschichten auf das Heute zu schließen, wobei ihm der Bogen nicht so ganz gelänge. Von heute wüsste Vesper leider nichts zu erzählen. Die Wirkung des Buches werde nur durch die Ungeheuerlichkeit der Erzählungen erreicht.
Dieser Meinung stellt Heinz Ludwig Arnold in seinem Zeit-Artikel vom 16.11.1979 einen anderen Argumentationsansatz entgegen. Seiner Meinung nach wird das „Bild von heute“ in diesem „außergewöhnlichen Buch“ durch „eingeschobene Bilder der Vergangenheit“ ergänzt und verständlicher zur Geltung gebracht. Hierdurch könne Vesper die „eigene Geschichte und Erfahrung in Vergangenheit und Gegenwart im Kopf zeigen“. Der besondere Reiz dieses Buches bestehe darin, dass Vesper den von ihm erlebten Teil der Geschichte darstelle und ihn mit gegenwärtigen Erfahrungen und Erlebnissen verknüpfe.
Über den Umweg über die Geschichte der Provinz, so auch Zeller in seinem FAZ-Artikel, erreiche Vesper ein Leseerlebnis, bei dem die Ferne zur „bedrängtesten Nähe“ wird.
Vesper nehme den Leser mit auf eine Reise in eine „verhangene Landschaft voller Katastrophen“, so Wolfram Schütte in seiner Rezension, in der Frankfurter Rundschau vom 23.06.1979. Für ihn ist Vespers Buch eine ganz besondere Entdeckung, da der Autor viele kleine Geschichten aus der Wirklichkeit erzähle und darüber reflektiere. Vesper vergleiche sein eigenes Werk mit einem Kaleidoskop, „das eine annähernd unendliche Reihe von Bildern erzeugt, die aber aus immer gleichen Teilen bestehen und deshalb ähnlich sind“. Deshalb stehe keine der Geschichten ganz für sich, sondern alle verwiesen aufeinander.
Auch Manfred Bosch (Basler Zeitung, 04.06.1979) erkennt einen roten Faden, an dem entlang Vesper seine Geschichten geschrieben habe, obwohl er das Buch für unaufgeräumt hält – eine Ineinanderschachtelung von Geschichten und Anekdoten, Notizen, Reflexionen und erinnerten Fragmenten. Ihm fällt auf, dass die ganze Handlung hindurch der Begriff Heimat eine große Rolle spiele, ebenso wie auch Vespers Erinnerungen an die Vergangenheit.
Jürgen P. Wallmann bezeichnet in seiner Rezension Vespers Werk sogar als „wichtigstes Buch“ des Jahres, in dem der Autor die heutige Wirklichkeit darstelle, um zu zeigen, wie sie sich in der Verhaltensweise der Menschen spiegele. Dabei sei sich der Autor bewusst, dass die Gegenwart und sein Handeln Ursachen in der Vergangenheit hätten und die Vergangenheit in die Gegenwart hineinreiche – um zu wissen, „wer man ist“, müsse man seine Umgebung beobachten und die Wirklichkeit um sich erkennen. Hierzu sage Vesper, dass unsere Gefühle immer kleiner würden, weil wir immer „kleiner werden [...] und hineinschrumpfen in Rituale“.
Dieser „tödlichen Norm“ des Lebens werde laut Uwe Schultz die Kunstfigur Eduard gegenübergestellt: „Ein Idealist, der mit der Humanität Hölderlins aufbricht, die Reinheit der Liebe Diotimas sucht, dann aber gegen die Barrieren der Welt rennt.“ In der Stuttgarter Zeitung (14.07.1979) schreibt er, dass Vesper von Göttingen und Steinheim aus nicht „fiktive Welterkundung“, sondern „realistische Selbsterkenntnis“ betreibe. Dabei sei er den ihm gesteckten engen geographischen Grenzen verhaftet geblieben.
Peter Jokostra beschreibt in der Rheinischen Post vom 26.01.1980 den Bereich innerhalb dieser Grenzen als „eine Landschaft voller Katastrophen“, in der Angst eine große Rolle spiele. Dabei dienten die beschriebenen Ereignisse und Geschichten der Selbstfindung des sensiblen Erzählers.
Auch Jürgen P. Wallmann äußert im Dezember 1980 in der „Welt der Bücher“ die Ansicht, dass Vesper die eigene Psyche wie auch die Gesellschaft anhand seine gedanklichen Ausflüge in Erinnerungen und Legenden analysiere und dabei „ein Bild der heutigen Wirklichkeit“ zeichne. Insgesamt seien alle seine Geschichte negativ angehaucht, obwohl Wallmann den Autor nicht für einen kategorischen Schwarzmaler hält.
Alles in allem ist Vesper Buch also von den Rezensenten überwiegend positiv aufgenommen worden.


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