Der Pitaval

Guntram Vesper ist seit vielen Jahren fasziniert von Verbrechen, Unglücksfällen und tragischen Schicksalen, weshalb er sich sehr für die Sammlung von "Berühmten und interessanten Kriminalfällen" interessiert, die im achtzehnten Jahrhundert begonnen wurde. Viele der darin beschriebenen Kriminalfälle haben ihn in seinen Prosatexten inspiriert und beeinflusst. Auch hat er sich als Bücherliebhaber hat er sich bemüht, eine komplette Ausgabe dieser bekannten Sammlung zusammenzutragen.
Der französische Anwalt Francois Gayot de Pitaval (1673 - 1743) veröffentlichte in den Jahren zwischen 1734 und 1743 unter dem Titel "Causes célèbres et intéressantes" eine Sammlung von insgesamt zweiundzwanzig Büchern, in denen er interessante, aber auch aufsehenerregende Rechtsfälle für die breite Masse verständlich darstellte. Dabei kann man diese heute unter dem Namen ihres Urhebers bekannte Reihe durchaus als Bestseller bezeichnen. Denn Pitaval wollte keine "Sammlung von Kriminalfällen, Urteilen und musterhaften Gerichtsreden zu strafrechtlichen Studienzwecken für angehendde Juristen" schreiben, sondern er "stellte in ausführlichen Erzählungen dar, wie sich der Prozessverlauf allmählich ergab, und ließ die menschlichen Konflikte der handelnden oder betroffenen Personen dramatisch und plastisch hervortreten."
Hierbei legte er weit größeren Wert auf die Hintergründe der Taten und das psychologische Profil der beteiligten Personen als die juristischen Lehrbücher seiner Zeit, weshalb er auch ein großes Publikum erreichte:
"Mit eben diesem neuen Interesse am Menschen, auch in seinen Verirrungen, mit der Straffung der Handlungen und der Schaffung von Spannungsmomenten wirkte Pitaval natürlich weit erregender auf die Leserschaft als die einem ganz anderen Zweck dienenden Fall- oder Urteilssammlungen."
Deshalb geriet sein Werk auch nach seinem Tod nicht in Vergessenheit, sondern wurde im Gegenteil immer wieder neu aufgelegt und übersetzt, aber auch weitergeführt. Dem Ur-Pitaval mit dem deutschen Titel "Berühmte und interessante Rechtsfälle mit den Urteilen gesammelt, die sie entschieden haben" folgten weitere Fallsammlungen im Stile Pitavals, so 1842 - 1865 der "Neue Pitaval", der in dreißig Bänden erschien, und der dreibändige "Sächsische Pitaval" 1861 und 1931 der "Prager Pitaval" von Egon Erwin Kirsch sowie der "Pfälzer Pitaval". Auch einige Autoren wie Truman Capote mit "Kaltblütig", Norman Mailer mit "Gnadenlos", Jürgen Thorwald mit "Das Jahrhundert der Detektive" oder das "True Crime"-Genre traten in Pitavals Fußstapfen. Und auch andere Schriftsteller und Filmemacher ließen sich von Pitaval inspirieren: So basiert der Film "Sommersby" auf dem Fall des Martin Guerre und Friedrich Schiller hatte sich vor der Niederschrift seiner Erzählung "Verbrechen aus verlorener Ehre" mit dem Pitaval beschäftigt. Außerdem schrieb er zu der deutschen Ausgaben von "Berühmte und interessante Rechtsfälle" die Einleitung. Auch die juristischen Fallstudien der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts übernahmen immer mehr Pitavals Stil.
Deshalb wird Francois Gayot de Pitaval heute als Stammvater dreier Genres angesehen: dem des Kriminalromans, den er mit seinen teilweise psychologisch angelegten Beschreibungen von Verbrechern vorwegnahm, dem des historischen Kriminalromans, der sich an authentischen fällen orientiert, und dem des dokumentarischen Kriminalsachbuchs.
Da Pitavals Sammlung nie in Vergessenheit geriet, wurden einige der Fälle, die er in seinen Büchern schilderte, regelrecht legendär .
So hat auch Vesper in "Nördlich der Liebe und südlich des Hasses" immer wieder Kriminal- und auch Unglücksfälle erwähnt oder auch detailliert beschrieben, die ihre Ursprünge in Pitavals Sammlung haben. Dabei scheint ihn besonders die Geschichte des Räubers Masch fasziniert zu haben, aus dem er für sein Buch die Figur des Eduard entwickelt hat.

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