In den sechziger und siebziger Jahren schrieb Guntram Vesper eine ganze Reihe von Hörspielen für den Rundfunk. Vielfach wurden sie von mehreren Sendern übernommen und verschafften dem jungen Autor große Beachtung.
Wir stellen eines seiner eindrucksvollsten Hörspiele vor:

Nordwestpassage

von 1979

In diesem Hörspiel verknüpft Guntram Vesper seine Flucht aus der DDR mit mehreren, zum Teil gescheiterten, Expeditionen zum Nordpol. Vermutlich an seinem Schreibtisch vor seiner Schreibmaschine sitzend, von der man zeitweise das Anschlaggeräusch hört, berichtet der Erzähler von seiner Flucht. Darin werden einzelne Episoden der Expeditionen eingefügt werden.

Die Handlung

Am Samstag, den 12. Oktober 1957, will die Familie aus der DDR ausreisen. Sie wohnt in Frohburg, südlich von Leipzig, in einer Wohnung am Markt über dem Posthotel. Man erfährt, dass das (Dienst-)Mädchen bereits aufs Land geschickt worden ist. Vater, Mutter und die beiden Söhne sitzen ein letztes Mal in ihrem Heimatort zusammen beim Frühstück. Die Koffer sind bereits gepackt. Der junge Vesper träumt vom Seeleben auf den Meeren, das er sich fröhlich und unbeschwert vorstellt. Er geht noch einmal in sein Zimmer, lässt seinen Blick ein letztes Mal über die vertrauten Dinge schweifen ( Hörspielauszug) und packt die Heftchen "Das neue Abenteuer" ein, Erzählungen von Vorstößen in Einöden. Im ersten Heft geht es um das Schicksal zweier Schiffe des englischen Admirals Francklin, die eine Durchfahrt oberhalb Kanadas erzwingen sollen und für immer verschollen bleiben. Ihre Ausrüstungsüberreste findet man später bei Eingeborenen.
Nachdem der Vater das Auto geholt hat, fahren sie bis in die Vorstadt, dann auf die Chaussee nach Leipzig ( Hörspielauszug). Am Bahnhof von Potsdam wird das Auto abgestellt, der Vater schickt die Schlüssel zu einem Onkel nach Grimma und die Mutter löst Karten für die Stadtbahn bis Friedrichstraße. In Griebnitzsee werden ihre Ausweise kontrolliert. Der Erzähler merkt sofort, dass er die Grenze passiert hat: Die Häuser sind größer und schöner. Nachdem sie an der Haltestelle Rathaus ausgestiegen sind, begeben sie sich zu einer Cousine der Mutter, die in einem älteren Mietshaus in Berlin-Steglitz wohnt. Sie bietet jedem Verwandten, der auf Besuch nach Berlin kommt, eine Übernachtungsmöglichkeit an. Beim Frühstück erfahren sie, dass alles Geld im Osten umgetauscht werden muss. Da sie all ihre Ersparnisse der letzten Jahre, etwa 20.000 Mark, mitgenommen haben, fährt die Familie mit dem Taxi nach Leipzig, um das Geld auf der Bank einzuzahlen. Anschließend kehren sie in ihr altes Zuhause am Posthof zurück. Am nächsten Morgen sitzt der Junge wieder wie gewohnt auf der Schulbank. Vier Wochen später versuchen sie erneut die Flucht nach Berlin und kommen wieder bei der Tante in Steglitz unter. Mit ein paar Groschen in der Tasche geht der Junge an diesem Tag auf Erkundungsreise in die Stadt. Alles ist ungewohnt für ihn und in gewisser Weise auch schmerzhaft. An einem Kiosk erwirbt er neue Heftchen und kehrt abends zum Haus seiner Tante zurück zurück.
Dies ist der Haupthandlungsstrang, in den immer wieder Geschichten aus den Heftchen über Expeditionen in die Eiswüste eingefügt werden: So z.B. jene der "Hansa", die im Packeis steckenblieb. Ihre Besatzung konnte erst nach einiger Zeit von einem vorbeifahrenden Dampfer gerettet und nach Hamburg zurückgebracht werden. Bei einer Expedition von De Long ( Hörspielauszug) verhungern alle Mitglieder auf dem Weg nach Norden. Von einer Ballonexpedition kehren die Teilnehmer nie wieder zurück, sie bleiben samt Gondel für immer verschollen. Der Einzige, der sein Ziel erreicht, ist James Cook. Mit dem Schlitten fährt er bis zum Pol und gibt allen markanten Punkten neue Namen. Jedoch bezeichnet er im Nachhinein diese anderthalb Jahre als verlorene Zeit. Ein anderer, Peary, erreicht nach sechs Versuchen und einem Vierteljahrhundert den Pol. Bei seiner Ankunft ist er erschreckt, wie öde das Ziel seiner Träume aussieht. Darüber hinaus wird von dem sagenumwobenen Thule, der Stadt im Eis, berichtet.
Fast so schwierig wie die Reise zum Nordpol war einst die Flucht aus der DDR. Wie von einer unüberwindbaren Eisschicht waren die Menschen durch das Sperrgebiet und den Grenzstreifen in Ostdeutschland von der Außenwelt abgeschnitten. Viele Fluchtversuche endeten tödlich, wie die Expeditionen. Andere wiederum, die ihr Leben lang auf die Ausreise hinarbeiteten, waren von dem erreichten Ziel enttäuscht. Mit der Stadt im Eis ist zweifelsohne Westberlin gemeint. Abgeschottet durch Stacheldraht und eine unüberwindbare Mauer liegt sie inmitten des Eises. Die Bewohner wurden durch den Steinwall voneinander getrennt. Viele gelangten über die Grenzübergänge von Ost- nach Westberlin und damit von der DDR nach Westdeutschland, so auch die Familie im Hörspiel. Die Stadt im Eis ist also eine Enklave, eine rettende Insel für jene, die sich auf den gefährlichen Weg durch das Eis machten. Für den jungen Vesper ist die Flucht wie eine Expedition einer seiner Helden in die Eiswüste. An verschiedenen Stellen in der Handlung wird die Verbindung zu seinen Heftchen "Das neue Abenteuer" geschaffen. Diese Geschichten tragen entscheidend zur Atmosphäre des Hörspiels bei. Dadurch kann der Zuhörer sich die Schwierigkeiten der Flucht besser vorstellen. Mit Hilfe der Einfügungen teilt der Autor Guntram Vesper seine Gedanken, Gefühle und Meinungen mit. Dies zeigt sich besonders am Ende, wo er von "Unmut", dem "Gurgeln des Alltags" und "der grausamen Gewohnheit" spricht.

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