„Nördlich der Liebe und südlich des Hasses“ - Einleitung



„Nördlich der Liebe und südlich des Hasses“ ist kein Roman und wird von Guntram Vesper auch nicht als solcher bezeichnet. Es ist viel mehr eine Sammlung von Geschichten und Anekdoten, Vespers Erinnerungen und autobiographischen Notizen sowie Reflexionen, die auf den ersten Blick etwas zusammenhanglos erscheinen mag. Doch durch das ganze Buch zieht sich ein roter Faden von Hauptthemen, der die zwanzig Kapitel nicht nur miteinander verknüpft, sondern auch in einen engen Zusammenhang bringt. Angst und Enge, die Verknüpfung von Vergangenheit und Gegenwart, Heimat, die Gesellschaft.
Vesper selbst vergleicht diesen längsten von ihm geschriebenen Prosatext mit einem Kaleidoskop, „das eine annähernd unendliche Reihe von Bildern zeigt, die aber aus immer gleichen Teilen bestehen und deshalb ähnlich sind“. Dies gleichen Teile sind die eben genannten Hauptthemen.
Vesper setzt seine eigenen Erfahrungen und Ängste in Zusammenhang mit der Gegenwart und ergänzt sie mit Bildern der Vergangenheit, um seine Gedankengänge verständlich zu machen. Er reflektiert über die Gesellschaft, indem er seine direkte Umgebung intensiv wahrnimmt und über sie sinniert. Und so spielen auch Göttingen und Steinheim - seine Wohnorte -, sowie auch Frohburg - sein Geburtsort -, eine zentrale Rolle. In ihrem Umkreis bewegen sich die Geschichten des Buches. Nur wenn Vesper von seinen Fluchten - seinen spontanen Reisen zu Orten seines Interesses, wie z.B. das Grab Kaspar Hausers - oder seiner Reise in die Vereinigten Staaten berichtet, verlässt der Leser die schnell vertraut werdende Umgebung.
Dass Vesper seine Umgebung sehr intensiv wahrnimmt, kann man unter anderem daran erkennen, dass er dem

Schutzumschlag der Erstausgabe

Leser einen sehr detaillierten Blick auf sein direktes Umfeld liefert. So beginnt „Nördlich der Liebe und südlich des Hasses“ denn auch mit einer Beschreibung seines Arbeitsplatzes und der idyllischen Umgebung des Dorfes Steinheim. Gleich jedoch geht der Autor zu einer tragischen Anekdote aus der Dorfgeschichte über. Hier wird erstmals deutlich, dass Vesper immer einen größeren Zusammenhang sieht, vor allem, da er von der Beschreibung der Situation abkommend darüber sinniert, was in diesem Moment alles auf der Welt passiert. Im Verlauf des Buches stellt sich heraus, dass Guntram Vesper ein großes Interesse an unglücklichen Schicksalen und Kriminalfällen hegt. Immer wieder berichtet er von Menschen, die zu Verbrechern und Mördern wurden oder in ihrem unglücklichen Leben gefangen waren. Dabei geht es ihm nicht so sehr um die Taten, sondern viel mehr darum, was die Menschen zu dem werden ließ, was sie sind und welche gesellschaftlichen Zwänge und Konventionen sie in die Enge getrieben haben. Wie schon der französische Anwalt Pitaval, dessen Werk über „Berühmte und interessante Rechtsfälle“ ihn sehr beschäftigt, interessiert sich Vesper vor allem für das psychologische Profil der Täter und für die äußeren Umstände, die sie beeinflussen.
Wie bei diesen Episoden sieht Vesper auch eine Verknüpfung zwischen Gegenwart und Vergangenheit in anderem Zusammenhang. So haben die Gegenwart und Vespers Handeln stets Ursachen in der Vergangenheit und die Vergangenheit reicht in die Gegenwart hinein. Doch obwohl sich in „Nördlich der Liebe und südlich des Hasses“ eine Ich-Spiegelung Vespers vollzieht, wahrt er immer eine gewisse Distanz zum Geschehen. Allerdings setzt er sie in fiktiven Alb- und Wunschträumen fort. So hat auch Eduard - die fiktive Hauptfigur der zentralen Kapitel des Buches - Bezüge zu Vesper und seinen Interessen. Eduard, der Dorfschullehrer, der gegen Ende des 19. Jahrhunderts lebt, macht sich auf, um den König zu ermorden. Sein Weg endet in dem wahllosen Abschlachten jedes Dahergelaufenen. An dieser Stelle lassen sich frappierende Parallelen zu der Problematik des RAF-Terrorismus ziehen. Vesper hat sich zu der Figur des Eduard durch die Geschichte des Räubers Masch inspirieren lassen, die im Pitaval enthalten ist.
Auch an anderen Stellen des Buches hat Vesper seine Erfahrungen mit dem Terrorismus, mit Demonstrationen und den 60er und 70er Jahren einfließen lassen. Man kann sehr gut erkennen, dass Vesper diese Zeit sehr intensiv erlebt hat und ein großes Bedürfnis hat, diese Erfahrungen zu verarbeiten, was er mit "Nördlich der Liebe und südlich des Hasses" auch getan hat.
Alles in allem ist daraus ein ungewöhnliches Buch entstanden, das Alltägliches in einem neuen Licht erscheinen lässt. Auch wenn der Leser nicht immer mit dem Geschriebenen einverstanden sein wird, so muss man doch den Wert der neuen Perspektive akzeptieren.


Zur Kapitelübersicht


Zur Person: [Biographie] [Fotos/Bilder] [Interview]
Werke: [Hörspiel] [Gedichte] [Erzählung] [Film]
"Nördlich..." [Einleitung] [Kapitel] [Rezensionen] [60er Jahre] [70er Jahre] ["Pitaval"]
Variationen: [Unsere Texte]
Projekt: [Impressum]