Kapitel IV Heimat



Göttingen. Der Erzähler stellt fest, dass er in den letzten drei Jahren bereits zwölfmal umgezogen ist. Diese neue Mobilität teilt er mit den meisten Menschen der modernen Gesellschaft. Eine Heimat im ursprünglichen Sinne gebe es nicht mehr. Vielmehr genügen den Menschen heute einfache Dinge, wie Supermärkte, Schnellstraßen und einige Fernsehsender zum Wohlbefinden.
Auch Gefühle, angenehme wie unangenehme, verlieren nach der Meinung des Erzählers an Gewicht. Negative Gefühle heben sich gegenseitig wieder auf, statt sich zu addieren, wovon er sich allerdings ausnimmt. Als Ursache für den Bedeutungsverlust von Gefühlen führt der Erzähler an, dass die Menschen zu schnell ihre Träume aufgäben. Anstatt zu träumen und zu versuchen diese Träume zu leben, lässt sich das Leben der meisten Menschen oft in ein einfaches Schema einpassen. Gegen diesen Fall in die Bedeutungslosigkeit gbe es keine Gegenwehr. Die Chance, dem Problem mit Erinnerungen beizukommen, scheide aus, da die eigenen Erinnerungen bereits zu trübe und unwichtig geworden seien, um noch etwas bewirken zu können.
Der Erzähler kommt außerdem wieder auf soziale Ungerechtigkeiten zu sprechen. So fällt ihm zum Beispiel auf, dass die Wähler in den ärmeren Stadtvierteln überwiegend SPD gewählt haben, obwohl der SPD-dominierte Stadtrat die Spielplätze in diesen Gegenden verkommen lasse. Im Ostviertel, wo alle Spielplätze schön gepflegt werden, wählen die Leute mehrheitlich CDU. Der Erzähler beklagt, dass die Menschen keinen Groll gegen die Reichen im Ostviertel hegen, sondern ihnen stattdessen noch mit Hochachtung den Weg frei machen. In einer exemplarischen Mietskaserne würden sich die Leute beispielsweise ununterbrochen gegenseitig angiften, statt ihren Groll offen gegen die Villen der Reichen zu richten.
Der Erzähler berichtet auch von eigenen Erinnerungen an die Kindheit. Er wuchs unter einfachen Verhältnissen in Frohburg auf und kann daher die Situation der finanziell schlechter Gestellten gut verstehen.
Der Erzähler ist der Meinung, dass die Menschen in ihre Umgebung hineingeboren werden und kaum eine Chance haben aus dieser Umgebung herauszukommen. Er erinnert sich an seine Familie, die jede Woche eine Mark neunundneunzig gespart hat, um später einmal besser leben zu können, und parallel dazu an einen Antiquitätenhändler, der bereits sehr wohlhabend war und von der Stadt Göttingen noch zusätzliche Vergünstigungen erhalten habe. Dieser Antiquitätenhändler könne es sich leisten, jeden Abend ein Goldstück für schlechte Zeiten zurückzulegen.
Der Erzähler fragt sich oft, wer er sei, auf welche Seite er gehöre und was er aus seinen Chancen gemacht habe. Die gleiche Frage stellt er sich auch in Bezug auf die Stadt Göttingen. Göttingen habe nie wirkliche Chancen besessen, wie auch er selbst.


   Guntram Vesper liest aus Kapitel IV

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