Kapitel XX - Der Kampfflieger



Das Kapitel beginnt augenscheinlich mit einem Traum des Erzählers. Er betritt einen klinisch-steril wirkenden Raum. Möbel, Wände, das Tischtuch, sogar das Licht, kurz, alles ist weiß. So auch die Gesichter der Anwesenden Eltern und Großeltern. Es wird gesprochen, woraufhin das Zimmer aufsteigt und leise schwankend durch eine Nacht treibt.
Dabei werden Daten aus der Vergangenheit, schreckliche Daten, die wir heute nur mit Unheil, Krieg und Zerstörung in Verbindung bringen können, genannt:
Die Nacht vom 30. auf den 31. Januar 1933, also die erste Nacht, nach der "Machtergreifung" des Gröfaz, das heißt Ernennung Hitlers zum Reichskanzler. Des weiteren die Nacht vom 1. auf den 2. August 1914, jenes historische Datum, an dem die deutsche Kriegserklärung an Frankreich und Russland den Auftakt zum Ersten Weltkrieg markierte. Schließlich nennt er noch die Nacht vom 21. auf den 22. Juni 1941, in dessen frühen Morgenstunden der Angriffskrieg gegen die Sowjetunion begann.
Plötzlich kommt ein "blinder Passagier" hinzu, indem Vesper sich zu erkennen glaubt. Der Passagier spricht, um nicht die schweren Fragen rund um Heimat, Fortschritt, und wer man eigentlich sei zu stellen. Die Fragen scheinen einfach nur im Raum zu schweben, Antworten gibt es nicht. Bekannte Namen, wie Eduard, oder aber das an dieser Stelle erneut auftauchende Geräusch einer durchladenden Pistole werden wiederholt beschworen, hinterfragt, doch wieder ohne Antwort. Dann noch die Frage ob man es "hören", also wahrnehmen könne, wenn Menschen verhungern, wenn ihnen Gewalt angetan wird, wenn man selbst zu den Opfern gehört, ob man sich in Anbetracht der schrecklichen Realität überhaupt noch dem Träumen hingeben könne.
Das leichte Schwanken hört auf, der Erzähler scheint angekommen zu sein.
Er blickt in einen leeren Raum und zweifelt, ob der "Versuch" (s. Kap. I) geglückt ist. Fest steht, dass es anstrengend war. Das viele Grübeln hat ihn erschöpft und so beginnt er zu träumen. Beschrieben wird anschließend eine Begebenheit, die sich im ersten Weltkrieg ereignete. Ein deutscher Kampfflieger durchkreuzt den Sommerhimmel, als plötzlich Feind, ein englischer Kampfflieger auftaucht. Der Deutsche will ihm mit einer Granate den Garaus machen, die ihm unglücklicherweise aus den Händen fällt und für ihn unerreichbar, vorn in seiner eigenen Maschine liegen bleibt. Er bleibt erhobenen Hauptes stehen und erwartet in unerträglich fatalistischer Manier die Explosion.
Der Erzähler fühlt sich unter dem Zwang, die geistige Verknüpfung zwischen dieser Geschichte und einem Gespräch herzustellen, das er einst mit einem Mann auf einem Spaziergang geführt hat. Dieser hatte ihn aufgefordert ihm zu helfen, worauf Vesper ihm nur entgegnet hatte, dass es nicht mehr lange dauern werde. Auf diesem Spaziergang, der zuerst durch Göttingen, dann durch Steinheim führt, fragt ein Mann, der offensichtlich bereits "alle Angelegenheiten" geregelt hat, wie lange "es" denn jetzt noch dauern würde. Vesper antwortet mit erhobenem Kopf, der gleichen Pose also, mit welcher der Deutsche Kampfflieger seinen Tod erwartet hat, dass es nicht mehr lange sein würde.
Wieder scheint Vespers Leidenschaft für Themen rund um Tod und Unglück, hervorzutreten. Der Mann, der auf den Erzähler zugetreten ist könnte einer von jenen sein, die den Tod erwarten, nicht mit Angst sondern nur mit Neugier über den genauen Zeitpunkt.
Die Gedanken des Erzählers aber, schweifen wieder zu der Kriegsgeschichte. Er fragt sich wo genau es den deutschen Kampfflieger wohl so heldenhaft und großartig in tausend Stücke gerissen hat.
Die Ironie, die in den beschriebenen Zeilen mitschwingt, zwingt den Autoren erneut zur Selbstreflexion. Der Erzähler fragt sich, was seine tagtäglichen Luft- und Bodenkämpfe verglichen mit der Geschichte wohl darstellen. Sie haben seiner Meinung nach etwas Zermürbendes, etwas, dass dazu fuhrt, dass er sich abnutzt und zerschlagen aus seinen Träumen erwacht.


   Guntram Vesper liest aus Kapitel XX
   Guntram Vesper kommentiert die alltäglichen Luft- und Bodenkämpfe

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