Kapitel XVIII - Eduard



In diesem Kapitel erzählt Vesper die Geschichte Eduards, einer zentralen Figur des Buches aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, der sich von einem Idealisten zu einem Terroristen entwickelt. Eduard wird von Vesper als eine Art Traumrolle bezeichnet. Eduards Geschichte ist es, die dem Buch seinen Namen gibt. Er ist nicht irgendein Charakter, denn in der Figur des Eduard sind viele literarische Anspielungen eingearbeitet. Sein Rufname und die Beziehung zu seiner Angebeteten Charlotte stammen aus Goethes Roman "Die Wahlverwandtschaften", seine Briefe an den Freund Ludwig enthalten Zitate aus den Briefen von Heinrich von Kleist, mit dem Eduard die ständige Unzufriedenheit mit dem eigenen Leben teilt, und seine letzter Lebensabschnitt als Räuber und Mörder ist fast komplett aus dem Kriminalfall des "Räuber Masch" übernommen, den Vesper im Pitaval gefunden hat.
Der Anfang der Eduard-Geschichte ist fast wörtlich aus Goethes "Wahlverwandtschaften" übernommen.
Vespers Eduard ist ein gebildeter junger Mann aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, der sein Geld als Dorfschullehrer auf dem Lande verdient. Er ist wesentlich vornehmer und gebildeter als alle dort ansässigen Bauern, liest Hölderlins "Hyperion" und Kleists "Michael Kohlhaas" und hat sich zum Ziel gesetzt, den Bauernkindern andere Möglichkeiten als die einfache Feldarbeit zu eröffnen. Er liest mit ihnen Kleist, erzählt ihnen von der Französischen Revolution, verbringt ganze Tage mit ihnen, an denen er sie an seiner Bildung teilhaben lässt. Seine Bemühungen scheitern jedoch an dem Misstrauen der ländlichen Bevölkerung. Desillusioniert schreibt er Briefe an seinen Freund Ludwig, der mit seiner Frau Charlotte in Berlin lebt.
Diese schriftliche Korrespondenz gleicht der Heinrich von Kleists aufs Haar und bringt Eduards Unzufriedenheit direkt zum Ausdruck: "Wirklich, es ist sonderbar, wie mir in dieser Zeit alles was ich unternehme, zugrunde geht, wie sich mir immer, wenn ich mich einmal entschließen kann, einen festen Schritt zu tun, der Boden unter den Füßen entzieht." Was Eduard hier an Ludwig schreibt, hat Vesper wörtlich aus Kleists Briefen an seine Schwägerin Marie von Kleist vom 17. September 1811 übernommen.
Eines schönen Tages ist Eduard dann verschwunden. Ohne einen Abschied hat er seine Heimat verlassen. Erst nach wiederholtem Lesen von Eduards Briefen bemerkt Ludwig, dass all die Briefe, die Eduard ihm geschrieben hatte, Dokumente einer fortschreitenden Veränderung des Freundes waren. Während Ludwig im ersten Brief noch lesen konnte: "Hin und wieder etwas Gutes tun, weil das auch ein Genuss ist, arbeiten, damit man genießen und wirken kann, andern das Leben geben, damit sie es wieder so machen", so hieß es im letzten dann: "Das Leben, das vor mir ganz öde lag, gewinnt mit einem Mal eine wunderbare, herrliche Aussicht. Ich will meinem Herzen ganz und gar, wo es mich hinführt, folgen und auf nichts Rücksicht nehmen" - wiederum eine wörtliche Übernahme, hier aus Kleists Briefen an Marie von Kleist im Sommer 1811, des Jahres, in dem Kleist sich das Leben nimmt. Doch Eduards "herrliche Aussicht" ist nicht wie bei Kleist die des Selbstmordes. Er hat sich ein anderes Ziel genommen. Er glaubt Zufriedenheit und Glück zu erlangen, indem er allen Verpflichtungen entsagt, alle Bindungen löst und damit frei ist. Er lässt alles hinter sich, wandert los, gen Süden in Richtung Italien und hat die ganze Zeit nur ein Bild im Kopf: Charlotte. Er hat sich in die Frau seines Freundes Ludwig verliebt, schreibt ihr nach mehrmonatigem Reisen einen Brief und bittet sie, ihm in den Süden zu folgen. Sie tut dies auch tatsächlich und sie verbringen wunderschöne Wochen in Italien, voll erfüllter Liebe. Doch anstatt nun zufrieden zu sein erfüllt Eduard auch diese große Liebe schon bald nicht mehr und er beginnt sich mit anderem zu beschäftigen. Zunehmend interessiert er sich für die Politik, seine Aufmerksamkeit gilt besonders sozialistischen Ideen, die ihm von so genannten politischen Flüchtlingen, die sich in Lugano aufhalten, nahe gebracht werden. In stundenlangen Gesprächen mit einem Deutschen namens Becker distanziert er sich immer mehr von Charlotte, die ihn dann auch ein Jahr später verlässt und nach Deutschland zu Ludwig zurückkehrt. Eduard lebt inzwischen so sehr in seinen politischen Ideen, dass er Charlottes Abreise nicht als Verlust ansieht. Er liest immer mehr Schriften, die Gewalt als einziges Mittel zur Neuordnung eines Staates propagieren. Obwohl er diesen Ansichten zuerst kritisch gegenübersteht, wird sein Denken zunehmend davon beeinflusst. Im Mai, zwei Wochen nach Charlottes Abreise, geht auch er zurück nach Deutschland, wo er die Mitgliedschaft in geheimen, von Becker zuvor erwähnten revolutionären Gruppen anstrebt. Da dies nicht gelingt, wandert er bettelnd und stehlend durch Westpreußen und Pommern und lebt stets in Gefahr, aufgegriffen und verhaftet zu werden. Den Sommer verbringt er in den endlosen Wäldern, die sich von Stettin bis nach Pyritz erstrecken. Der einbrechende Winter bringt ihn dazu, immer öfter in Vorratskeller einzubrechen und dort nach Nahrung zu suchen. Er wird immer wilder, kann aber aufgrund der schlechten Ernte im Herbst nur wenig stehlen und überlebt nur knapp in dem Abflusskanal eines Gutes. Seine Revolutionsgedanken gehen in einen unermesslichen Hass gegen die bestehende Gesellschaft über, der sich vor allem aber gegen den in Berlin residierenden König richtet.
Eduard beschließt, im letzen Kapitel seines Lebens den König zu erschießen, um mit sich und der Welt abgeschlossen zu haben. Auf diese Tat lebt er von nun an hin. Sein ganzes Denken kreist um dieses Vorhaben. Er baut eine neue Höhle und findet nach Neujahr 1859 auch eine Pistole.
Seine Behausung wird von zwei Männern entdeckt, ohne es geplant zu haben erschießt Eduard einen von ihnen. Dieses Ereignis bringt ihn vollends um die letzten menschlichen Werte, die er noch hatte. Er wird zu einem menschlichen Automaten, der umherzieht, unzählige Morde begeht und so auf den Dörfern Angst und Schrecken verbreitet. Überall in Pommern wird inzwischen intensiv nach ihm gefahndet. Sein Dasein endet in Frankfurt an der Oder, wo er aus einer Kneipe kommend von einem Gendarmen gefasst und erschossen wird. Durch die Hinrichtung in Frankfurt an der Oder findet Eduard seinen Tod nördlich der Liebe und südlich des Hasses: nördlich Italiens, wo er mit seiner großen Liebe Charlotte mehrere glückliche Monate verbracht hatte und auch nördlich des Dorfes, in dem er als Lehrer tätig war; südlich der Wälder, in denen sich sein Hass ins Unermessliche gesteigert und er unzählige Morde begangen hatte.
Obwohl Vesper bestätigt, in dieser zweiten Hälfte der Geschichte Eduards das Leben des Räubers Masch, der im 19. Jahrhundert sein Unwesen in Ostpreußen trieb, als Vorbild genommen zu haben, sind auch Anspielungen auf die Terroristen der "Rote Armee Fraktion" in den Siebziger Jahren in Deutschland offensichtlich. "Nördlich der Liebe und südlich des Hasses" entstand auf dem Höhepunkt von RAF-Terror und alles überschattender Furcht im "Deutschen Herbst" 1977.
Eduard ist ein Charakter, der stets nach Zufriedenheit strebt, sie jedoch nie erlangt, weder in der großen Liebe noch in der Politik. Sein Leben ist gekennzeichnet von der Eigenart, seine Interessen bis ins Extrem zu verfolgen. Findet er in der Liebe keine Befriedigung, so verwendet er all seine Energie auf die Politik. Eduard ist deshalb charakteristisch für Vespers Buch, da auch Vesper sich nach eigenen Angaben jeden Tag wieder "nördlich der Liebe und südlich des Hasses" befindet; sein Buch endet mit den Worten: "Was bedeutet dagegen die endlose Kette meiner tagtäglichen kleinen Luft- und Bodenkämpfe, nichts anderes, als dass sie mich müde macht, dass sie mich erschöpft, zermürbt, abnutzt, verkleinert, und dass ich zerschlagen aus meine Träumen erwache, irgendwo, nördlich der Liebe und südlich des Hasses."


   Guntram Vesper liest aus Kapitel XVIII
   Guntram Vesper kommentiert die Figur Eduard
   Guntram Vesper kommentiert den Zusammenhang zwischen ihm selbst und der Figur Eduard
   Guntram Vesper berichtet von eigenen Erfahrungen aus dem 'Deutschen Herbst' 1977


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