Kapitel XV - Reise in eine verhangene Landschaft voller Katastrophen



Der Erzähler fährt nach Jever und bewohnt dort ein kleines Hotelzimmer. Er ist nicht wirklich zufrieden mit diesem Zimmer, denkt an sein Hotelzimmer am Newskiprospekt in Leningrad, das wesentlich bequemer war, streckt sich auf seinem Bett aus und möchte eigentlich schlafen, als er ein Gespräch aus dem Nachbarzimmer mitverfolgen kann. Eine Männerstimme erzählt, dass er dieses Jahr mit seiner Familie hier, in Jever, und nicht im Ausland Urlaub macht. Eine andere Stimme antwortet - die seines Sohnes - und beschreibt die Umgebung. So beginnen alle vier Familienmitglieder nacheinander erst den Urlaubsort, dann die eigene Familie und den Familienzusammenhalt zu preisen. Sie reden, als wären die jeweils anderen Familienmitglieder gar nicht anwesend. Sie reden aneinander vorbei, hören sich nicht zu, sind sich aber trotzdem sicher, dass sie eine wunderbar glückliche Familie seien. Tochter und Sohn, die zwischendurch auch mal von Begebenheiten erzählen, die das Glück der Familie in einem zweifelhafteren Licht erscheinen lassen, werden sofort vom Vater unterbrochen. Es sei die Außenwelt, die sie beeinflusse, deshalb müsse die Familie noch enger zusammenhalten.
Der Erzähler lauscht dem Familiengespräch, denkt eine Weile darüber nach. Denkt dann an Chicago im Winter, wo er sich mit seinem Bekannten Frank getroffen und Menschen beobachtet hat. Chicago sei eine anonyme Stadt, ein Kontrast zu der familiären Wohnsituation in Steinheim, wo jeder jeden kennt. Der Erzähler fühlt sich nicht wohl. Wieder verschmelzen Gegenwart und Vergangenheit, Phantasie und Wirklichkeit, Hier und Dort: Die Familie aus dem Nebenzimmer in Jever beginnt ein Spiel, eine Art Rollenspiel. Sie schlüpfen in die Rollen einer Pfarrerfamilie im Dorf Jühne bei Göttingen im 19. Jahrhundert, der Familie Rouille, und erzählen sich gegenseitig, wie ihre jeweilige Rolle und das Leben der Familie Rouille aussieht. Die Mutter spielt Mutter Rouille, der Vater spielt Vater Rouille usw. Obwohl die Urlaubsfamilie in Jever auf den ersten Blick mit der Pfarrersfamilie Rouille unvergleichbar scheint, sind die Ähnlichkeiten unübersehbar. Auch die Pfarrersfamilie Rouille schätzt sich als unübertrefflich glücklich ein.
Hier wechselt der Erzähler abrupt die Szenerie. Der Leser wird ohne Vorwarnung in einen Beziehungsstreit zwischen "ihm" und "ihr" geworfen. Worum es geht, ist belanglos, wichtig ist, dass überhaupt gestritten wird. Das ist ein Kontrast zu den "unglaublich glücklichen" Familien. Doch kurz darauf wird schon wieder von der Familie Rouille berichtet. Inzwischen ist die Tochter Johanna unehelich schwanger. Der Gendarm Baar findet dies heraus und zeigt sie an. Richter Krüger verhört wahllos jeden der Jühnder Dorfbewohner. Die Magd verrät Johannas Schuld. Diese flüchtet mit ihrem Bruder, wird jedoch gefasst und zurückgebracht. Ihrem Vater, dem Pfarrer wird Verschleierung eines Vergehens zur Last gelegt. Er ist auf Grund des Skandals um seine vermeintlich vollkommene Familie geistig verwirrt geworden. Die Mutter stirbt an von ihr selbst vergiftetem Kaffee, schreit ihrer Tochter noch ins Gesicht eine Hure zu sein. Die nach außen und innen hin so perfekte Familie ist zerfallen und gleicht einer Ruine.
Der Erzähler lauscht noch immer. Doch nun ist Stille eingekehrt. Die Urlauberfamilie ist nicht mehr zu hören. Nach einer weiteren Nacht im Hotel und einer Autorenlesung fährt der Erzähler nach Hause.
Als Thema dieses Kapitels wählt Guntram Vesper die Verstrickung einzelner Geschehnisse, die eigentlich unabhängig von einander sind. Er berichtet schon am Anfang von seinen Schwierigkeiten ähnliche oder auch auf den ersten Blick sehr verschiedene Erlebnisse zueinander in Beziehung zu setzen. All die verschiedenen kleinen Geschichten, die Vesper während seines Aufenthaltes in einem Hotel in Jever in den Sinn kommen, kann man, egal wie weit sie räumlich oder zeitlich voneinander entfernt sind, doch aufeinander beziehen. "Raum und Zeit zu überwinden, die Teile zu sehen, mich auf die wechselnden Distanzen einzustellen und doch den Zusammenhang nicht zu verlieren", so schreibt Vesper schon in den ersten Zeilen seines Kapitels. So steht das Hotelzimmer, das Vesper in Chikago bewohnt, in Beziehung zu denen, die er in Jever und Leningrad bewohnt. Die sich ununterbrochen glücklich preisende vierköpfige Familie, die Vespers Nebenzimmer in Jever bewohnt, kann er in direkte Beziehung zu der "ein Bild des Friedens und der Freude" suggerierenden Pfarrersfamilie Rouille aus dem 19. Jahrhundert setzen. Räumlichkeiten, Beziehungen, Gefühle ändern sich nicht unbedingt, auch wenn sie sich in Zeit oder Ort unterscheiden.


   Guntram Vesper liest aus Kapitel XV

14. Kapitel<<           Übersicht            >>16. Kapitel

[1] [2] [3] [4] [5] [6] [7] [8] [9] [10] [11] [12] [13] [14] [15] [16] [17] [18] [19] [20]

Zur Person: [Biographie] [Fotos/Bilder] [Interview]
Werke: [Hörspiel] [Gedichte] [Erzählung] [Film]
"Nördlich..." [Einleitung] [Kapitel] [Rezensionen] [60er Jahre] [70er Jahre] ["Pitaval"]
Variationen: [Unsere Texte]
Projekt: [Impressum]