Kapitel I - Ein Vormittag auf dem Land



Das Kapitel beginnt mit einem Monolog des Erzählers. Er beschreibt die Ruhe eines Vormittages in Steinheim, einem idyllischen, etwas verschlafen wirkende Dorf, in Nordhessen, unweit von Gießen am Vogelsberg, während dessen er an seinem Schreibtisch sitzt, in der Tageszeitung blättert und sich der Selbstreflexion überläßt. Er beschreibt alles, was er tut, als sei er nichts als ein Beobachter seiner Person. Er schreibt darüber, wie schwer es ihm manchmal fällt, einen Anfang oder eine in sich geschlossene Geschichte zustande zu bringen.
Was sich vor vierzig Jahren - als Vesper geboren wurde - ereignete, scheint in Statistiken Greifbar zu werden, aus denen der Erzähler ausführlich zitiert.
Anschließend beklagt der Erzähler die menschliche Misere, sich zu oft auf die Vergangenheit zu berufen und nicht die Gegenwart als solche in jedem Augenblick wahrzunehmen, womit das Leitthema des Buches angeschlagen wird: "Die Wirklichkeit, und wie man sie wiederfindet", wie sie sich einem zu entziehen scheint.
Der Erzähler skizziert das Programm seines Buches: Er erklärt, dass sein Schreiben mehr oder minder nur die Summe unzähliger literarischer Anläufe darstelle, die nun zu einem großen Versuch zusammengefasst werden sollen. Mit den Momentaufnahmen aus seinem Alltag Erzählungen, den Träumen, dem Zustand seiner Ehe etc., die Vesper in diesem Buch wiedergibt, dem Versuch die Eindrücke seines "gedankliches Kaleidoskop" zu Papier zu bringen, meint Vesper festhalten zu können, was um ihn herum geschieht.
Auch fördert das Schreiben über das eigene Selbst die Selbsterkenntnis, wenngleich Vesper sagt: "Wissen wollen, wer man ist. Es sagen wollen. Man muss weit ausholen." Zugleich die Feststellung, dass sein Leben banal bleiben wird, banal, wie auch alltäglich und beiläufig, was nach Vespers Aussage auch gar nicht anders möglich sei. Dies gelte für sein Leben, nicht zwangsläufig für seine Texte.
Im Übrigen werden Satzfragmente, Namen und Titel aufgezählt, die bei voranschreitender Lektüre wiederentdeckt werden können. Auch stellt sich das erzählende Ich vor. Er ist 37, Schriftsteller, seine Frau Heidrun, ist Lehrerin, sie haben Kinder. Der Unscheinbarkeit dieser Lebensumstände stellt er eine schaurig mysteriöse Anekdote aus der jüngeren Steinheimer Dorfgeschichte gegenüber.
Der Bürgermeister ließ einst den Friedhof einebnen, der Platz sollte einem Sportlerheim weichen. Grabmäler und Einfassungssteine wurden dabei für den Bau des Fundamentes zweckentfremdet. Am 15 Juni des Jahres 1974 dann, erlauben sich fünf betrunkene junge Männer einen äußerst geschmacklosen Scherz: Nach einer durchzechten Nacht beschließen sie eine Totenmesse zu halten. Schnell wird ein Sarg-Provisorium zusammengezimmert und die Rollen, vom Pastor über die Trauernden bis hin zur Leiche selbst, verteilt. Beendet wird das unselige Treiben durch den Vorsitzenden des Sportvereins.
Und nun geschieht Folgendes: In jedem darauf folgendem Jahr stirbt einer oder mehrere derer, die Sünde auf sich geladen hatten, immer um die Junizeit herum.
1975 rafft es den Sohn des Gastwirtes, der in jener Nacht die Leiche Spielte bei einem Motorradunfall dahin. 1976, stürzt der zweite Sohn des Gastwirtes bei einem Manöver ab und stirbt. 1977 wieder ein Motorradunfall, wieder einer der Beteiligten, der ums Leben kommt, wieder ein Sohn des Gastwirts, er ist der letzte. Der Vater hat sich wenig später erhängt, doch dann im Juni des Jahres 1978, also dem Jahr, aus dem der Autor berichtet, ein schrecklicher Autounfall, die beiden bis dahin noch übrig gebliebenen Beteiligten an dem Vorfall verbrennen in ihrem Wagen.
Im Anschluss an diese kurze Geschichte, in der ein wahrer Kern ausphantasiert und zugespitzt wird, beschreibt Vesper wieder seine Umgebung. Der Leser erfährt, dass er wohl bei seinen Schwiegereltern lebt, wobei sein Schwiegervater ein "Auf-Distanz-Gehen" in ihm auslöst, Vesper von den Steinheimern als Göttinger bezeichnet wird und dass eine Gastwirtschaft unmittelbar an seinen Arbeitsplatz angrenzen muss. Er hört Nachrichtenfetzen und sieht wie sich das Dorf mit Leben füllt; er selbst war schreibend produktiv.br>

   Guntram Vesper liest aus Kapitel I
   Guntram Vesper kommentiert den Aufbau des Buches anhand von Kapitel I

Die ersten vier Seiten des Manuskripts von "Nördlich der Liebe und südlich des Hasses"

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