Guntram Vesper

Siebzehnter Februar achtundneunzig

Vor fünf Jahren starb Ernst Jünger

Der Schriftsteller Ernst Jünger, auch Stoßtruppführer, Käfer Sammler und Haschraucher, starb kurz vor seinem einhundertdritten Geburtstag, er schrieb bis zuletzt, eine Art Methusalem der deutschen Literatur. Dabei galt er jahrzehntelang als heftig umstritten, schon vor dem Zweiten Weltkrieg und erst recht danach. Viele Deutschlehrer und Germanistikprofessoren und nicht wenige Schriftstellerkollegen lehnten ihn strikt ab, ja haßten ihn förmlich. Und doch ist es nicht zu hoch gegriffen, Jünger einen modernen Klassiker zu nennen. Das belegen nicht nur die "kleinere" zehnbändige Werkausgabe aus der ersten Hälfte der sechziger Jahre und die größere, inzwischen zweiundzwanzigbändige Gesamtausgabe der siebziger, achtziger und neunziger Jahre sowie der Zustrom und Andrang literarischer und politischer Größen wie Borges, Moravia, Heuss, Chaim Herzog, Roman Herzog, Kohl und Mitterand, vor allem wiegen Themen und Qualität seiner zahlreichen Bücher schwer. In der nicht immer dem Zeitgeist und der hohlen Wohlanständigkeit gehorchenden sensiblen Bestimmung und Vermessung auch verborgenerer ideologischer Strömungen und zeitgeschichtlicher Vorgänge lagen Ernst Jüngers Stärke und Verdienst. Zudem war er ein großer Freund der Sprache, der Wörter und Formulierungen, ein Liebhaber des Stils.
Begonnen hatte Jüngers Leben unter anderen Auspizien, seine Geburt war begleitet von familiären Turbulenzen. Als er 1895 in der Altstadt von Heidelberg auf die Welt kam, im Haus einer Hebamme ,waren sein Vater, wissenschaftlicher Assistent am chemischen Institut der Universität, und seine Mutter, eine Münchner Bürgerstochter, wahrscheinlich, noch nicht verheiratet, möglicherweise war die schwangere junge Frau von zuhause "durchgebrannt".
Das Paar hatte im ersten Abschnitt der Ehen in den Jahren der Jahrhundertwende insgesamt sieben Kinder, von denen zwei früh starben. Ernst wuchs mit vier nachgeborenen Geschwistern auf, der drei Jahre jüngere Friedrich Georg stand ihm stets besonders nahe. Als Chemiker und Pharmazeut betrieb der Vater erst erfolglos ein Lebensmittellabor im heimatlichen Hannover, dann besaß er eine deutlich bessergehende Apotheke in Schwarzenberg im sächsischen Erzgebirge, immer folgte die Familie, schließlich landete man 1907 im kleinen Ort Rehburg in der Nähe des Steinhuder Meeres, wo der Vater, nun gutsituierter Bergwerksbesitzer mit Villa, Gewächshäusern und Gärtnerwohnung, sich und die Seinen etabliert.
Ernst Jünger war kein guter Schüler. Nacheinander besuchte er nicht weniger als neun verschiedene Schulen, so in Hannover, Wunstorf, Braunschweig und zuletzt in Hameln, nicht selten als Internats- oder Pensionszögling. Die Ferien verbrachte er regelmäßig zuhause in Rehburg. Über das freie ungebundene Treiben der Jungen in den Wäldern südwestlich von Rehburg und in den Wiesen und Mooren am Steinhuder Meer hat der Bruder Friedrich Georg, der nach einer Juristenausbildung ebenfalls Schriftsteller wurde, in seinem Erinnerungsbuch "Grüne Zweige" sehr anschaulich berichtet.
1913, Jünger war siebzehn Jahre alt, machte er am Ende der Schulferien auf der Fahrt nach Hameln in Hannover Station. Er verpraßte, um sich den Rückweg abzuschneiden, das Schulgeld im Nachtjackenviertel hinter der Leine und kaufte sich von der Restsumme eine Fahrkarte nach Frankreich. Jenseits der Grenze angekommen, trat er in die Fremdenlegion ein. Er wurde zur Ausbildung nach Nordafrika übergesetzt. Aber Vater Jünger, von Hause aus ein energischer selbstbewußter Mann, erreichte nach Intervention bei der Reichsregierung in Berlin, daß sein ältester Sohn, weil er das Verpflichtungsalter noch nicht erreicht hatte, nachhause entlassen wurde. Dreiundzwanzig Jahre später war der Ausbruchsversuch Gegenstand von Ernst Jüngers langer Erzählung "Afrikanische Spiele".
Insgesamt eine dornige Schullaufbahn. Dennoch kann Jünger Abitur machen. Am 1. August 1914 bricht der Erste Weltkrieg aus. Begeistert wie viele, wie die meisten seiner Altersgenossen auf den Schulen, wie nicht wenige Künstler auch, meldet sich Jünger als Kriegsfreiwilliger und darf deshalb das sogenannte Notabitur ablegen. Nach einigen Monaten Grundausbildung kommt er im November 1914 an die Front. Über die erste Annäherung an die Zonen des Stellungskriegs und der Grabenkämpfe schreibt er: "Mit ungläubiger Ehrfurcht lauschten wir dem langsamen Takten des Walzwerks der Front, einer Melodie, die uns in langen Jahren Gewohnheit werden sollte".
Jünger ist damals neunzehn. Er bleibt fast vier Jahre an der Front, er führt Stoßtrupps, wird etliche Male verwundet, avanciert zum Leutnant und erhält gegen Ende des Krieges vom Kaiser für seine Tapferkeit den höchsten deutschen Orden verliehen, den Pour le mérite, gerade kuriert er im Elternhaus in Rehburg die siebente Verwundung aus. Zwei Jahre später, der Krieg ist verloren, das Land versinkt in Elend und Chaos, veröffentlicht er im Selbstverlag sein erstes Buch, das seinen Ruhm begründet: "In Stahlgewittern. Aus dem Tagebuch eines Stoßtruppführers". Es ist die Veröffentlichung eines kaum Fünfundzwanzigjährigen.
Dann folgen der Nachkriegsdienst in Reichswehrstellen in Hannover und Berlin und Studienjahre mit dem Fach Zoologie in Leipzig. Jünger hat schon als Junge in Rehburg und auch an der Front Insekten sowohl gesammelt als auch bestimmt, sein entomologisches Interesse wird Zeit seines Lebens anhalten und erfährt in den Leipziger Jahren eine wissenschaftliche Fundierung.
Einen Studienabschluß erlangt Jünger nicht, vielmehr zieht er nach Eheschließung und Geburt des ersten Sohnes als Zweiunddreißigjähriger nach Berlin und läßt sich dort als freier Schriftsteller nieder. Nach "In Stahlgewittern" hat er weitere kleinere Schriften über den Krieg veröffentlicht, nun sitzt er an einem Band mit zeitkritischen und sprachphilosophischen Prosastücken, der 1929 unter dem Titel "Das Abenteuerliche Herz" erscheint. Man wohnt in einem Proletarierviertel zwischen Osthafen und Schlesischem Bahnhof und zieht später in westliche Quartiere der Reichshauptstadt. Es sind die Jahre der zu Ende gehenden Weimarer Republik, Bankenkrach, Weltwirtschaftskrise, Arbeitslosenheere, Notverordnungen, jeden Montag zählen die Zeitungen die am Wochenende "angefallenen" Toten des schwachverhüllten Bürgerkriegs zwischen Kommunisten und Nationalsozialisten auf. Berlin ist ein Hexenkessel, in den Salons, Cafés, Kneipen und Versammlungssälen wirbeln die Bekenntnisse, die Weltanschauungen durch- und gegeneinander: Sozialisten, Anarchisten, Kommunisten, Nationalbolschewisten, Nationalsozialisten und Monarchisten. Das ist gewiß reizvoll und vielleicht auch fruchtbar für Beobachter, Flaneure und Schriftsteller, aber das politische System wird zerrieben und zerstampft.
Jünger geht in Berlin mit Leuten wie den Schriftstellern Ernst Toller, Bertold Brecht und Ernst v. Salomon, mit den bildenden Künstlers Alfred Kubin und Rudolf Schlichter, mit dem Staatsrechtler Carl Schmitt, dem Nationalbolschewisten Ernst Niekisch und dem Rätekommunisten Erich Mühsam sowie mit Josef Goebbels um. Bunter konnte der Strauß, der sich um hunderte von Namen erweitern ließe, schwerlich sein. Die Antennen, die Jünger ausfährt, der Umgang mit den Vordenkern, Visionären und "Umsetzern" machen ihm das Entstehen neuer Schwerkraftfelder deutlich: Aufwertung und Formierung der Massen, Faszination durch Ideologien, Suggestion Führerprinzip. Vor diesem Hintergrund entsteht sein 1932 erschienenes Buch "Der Arbeiter - Herrschaft und Gestalt", ein Riesenessay über die soziale und politische Gegenwart und vor allem Zukunft, der in kürzester Zeit vier Auflagen erlebt und der von rechts und links kritisiert wird.
Hitlers Machtergreifung am 3o. Januar 1933 bereitet nicht nur der Republik von Weimar ein Ende, sie radiert auch ihre kulturelle Farbigkeit aus. Jünger, von den jetzt Übermächtigen schon auf dem Weg zur Herrschaft mit Mandatsangeboten und Akademieofferten umworben, ein Besuch Hitlers kommt nur durch Zufall nicht zustande, bricht seine Zelte in Berlin ab und geht zurück ins Hannoversche, in den Landstrich der Kindheit und des Heranwachsens. Er wählt das stille aber geschichtsträchtige Goslar am Nordrand des Harzes zum Wohnsitz. Etagenwohnung über der Stadt. Tägliche Gänge über die Wälle und auf den Steinberg. Zum zweiten Mal wird er Vater.
Eigenartige Prosaminiaturen von beträchtlicher poetischer Kraft entstehen, die auf Goslarer Szene angesiedelt sind oder Goslar zum Gegenstand haben: "An der Abzucht", "In den Kaufläden", "Die Phosphorfliege", "Rot und Grün". Man findet sie in der Neufassung von "Das abenteuerliche Herz", die 1938 herauskommt und die Jüngers innere Welt, seine literarischen Spektive und Mikroskope und die damit gewonnenen Bilder genauer als die Erstfassung wiedergibt.
Drei Jahre hält es Jünger in Goslar aus, immer wieder vom Bruder Friedrich Georg besucht, der sich bis dahin weder "gebunden" noch angesiedelt hat. Im Dezember 1936 ziehen Jüngers an den Bodensee. Bis April 1939 bewohnen sie dort das sogenannte Weinberghaus auf einem felsigen Rebenhang vor den Toren der kleinen Stadt Überlingen. Ruhe. Abgeschiedenheit. Südliche Aura. "In Goslar wohnte ich auf dem Nordhange", schreibt Jünger, die Umsiedlung begründend, an Ernst Niekisch. Und er fährt fort: "Arbeit habe ich für so lange Zeit im Kopf, daß ich jede Belagerung und Aushungerung in geistigen Dingen zu überstehen vermag". Richtig bringt er die halbfertigen Skripte zur zweiten Fassung von "Das abenteuerliche Herz" mit, dem wichtigen Buch. Und er entwirft und beginnt eine ausgedehnte Erzählung, eine romanähnliche Prosa, "Auf den Marmorklippen" , die Jüngers Begegnung mit den Bodenseegegenden, mit ihrer Üppigkeit und Fruchtbarkeit, mit dem uralten Kulturland verarbeitet und die entsprechenden Eindrücke mit der Schilderung des zunehmend inhumaneren zwanzigsten Jahrhunderts verbindet.
Die von Natur und Lebensart der Bewohner gesegneten Gefilde der Marina erfahren im Buch Übermut, Indolenz und ideologischen Zwist, aus den dunklen Waldländern im Norden drängt der sagenhafte Oberförster mit seinen Mordbrennern und Bluthunden heran, er erobert erst die vorgelagerten riesigen Weidebezirke mit ihren wehrhaften Gutshöfen, dann bringt er der Marina Mord, Brand und Untergang. In die alles andere als spannungsarme Handlung ist die Geschichte des Ich-Erzählers und seines Bruders Otho verwoben. Die beiden haben sich nach ausgedehnten militärischen und politischen Abenteuern an die Marina zurückgezogen, um hier ungestört und kontemplativ ihren Neigungen, ihren Naturforschungen und Spracherkundungen nachgehen zu können.
Doch die Gesprächskumpane und Trinkgenossen von gestern, die sie hinter sich zurückgelassen zu haben glauben, sind zu Betreibern von Lagern, Folterstätten und Todeszonen geworden. Während eines Spähgangs nach Norden entdecken die Brüder tief im Wald die Schinderhütte, auf einer Lichtung, mit Blutgeruch, ausgespannten Häuten, Verwesungsdunst: "Ich hörte, wie Bruder Otho, halb träumend, flüsterte: 'Ja, das ist Köppelsbleek'".
Unter "Köppelsbleek", in realiter übrigens ein Goslarer Flurstück, versteht Jünger "Stankhöhlen grauenhafter Sorte, darinnen auf alle Ewigkeit verworfenes Gelichter sich an der Schändung der Menschenwürde und Menschenfreiheit schauerlich ergötzt". Bei aller geschilderten Grausamkeit aber, bei aller Trostlosigkeit von Thema und Handlung ist "Auf den Marmorklippen" Ernst Jüngers schönstes, sein poetischstes Buch. Die Sprache, aus einem Guß, läuft in hinreißendem Rhythmus, die Bilder sind von zauberischem Glanz, gleich der erste Satz gibt sich wie ein Versprechen: "Ihr alle kennt die wilde Schwermut, die uns bei der Erinnerung an Zeiten des Glücks ergreift". Leser aus der Generation meiner Eltern, zwischen 1900 und 1920 geboren, mögen "Auf den Marmorklippen" als Widerstandsbuch gelesen haben, man kann in der entsprechenden Literatur immer wieder auf diese Einordnung stoßen, sie ist auch nicht völlig falsch, meiner Meinung nach allerdings deckt Jünger mit seiner Erzählung vom Untergang des blühenden Landstrichs der Marina die ganze Kette der Gewaltumbrüche des vergangenen Jahrhunderts ab, beginnend mit Oktoberrevolution und Bürgerkrieg in Rußland, gipfelnd in der Judenvernichtung Hitlers und auslaufend, nicht endend mit Niedergang und Ruin ganzer Staaten und Machtgebilde allenthalben zerfallen Familien, Clans und Zweckbündnisse, brechen Bruderkämpfe aus, werden die Verbündeten und Helfer von gestern und vor allem die große Menge der Wehrlosen zu Opfern, müssen die Hellsichtigen, die Nachdenklichen in die Fremde fliehen, immer wieder, überall.
"Auf den Marmorklippen" erscheint im Herbst 1939. Monate vorher schon hat Jünger erneut den Wohnort gewechselt und ist im April in das kleine niedersächsische Straßendorf Kirchhorst zwischen Hannover und Gelle gezogen. Man mietet das aus Backstein aufgeführte leerstehende Pfarrhaus, Schreib- und Bücherklause unter dem Dach einzurichten, den Garten anzulegen, den Schlußpunkt unter die "Marmorklippen" zu setzen und die Korrekturfahnen des neuen Buches zu lesen, da bricht mit Hitlers Losschlagen gegen Polen am 1. September der Zweite Weltkrieg aus. Jünger, jugendlicher Held des einundzwanzig Jahre zurückliegenden ersten großen Krieges und inzwischen vierundvierzig Jahre alt, wird als Hauptmann einberufen und zum Kompanieführer gemacht. Von November neununddreißig an liegt er mit seinen Männern am Oberrhein in einer Bunkerkette. Tag für Tag trägt er Beobachtungen und Reflexionen in sein Tagebuch ein. Wie auch auf dem anderen Ufer des Rheins, auf der anderen Seite der "schlafenden" Front ein Wetterwart der französischen Armee namens Jean- Paul Sartre täglich Notizen in sein Diarium schreibt.
Jünger veröffentlicht die Notate, die am Rhein und ab Mai 1940 während des Vormarsches in Nordostfrankreich entstehen, unter dem Titel "Gärten und Straßen" schon 1942, auch in französischer Übersetzung, während Sartres Pendant, "Les carnets de la drôle de guerre", erst 1983 erscheinen. Spiegelbildliche Berichterstattung, die uns heute zugänglich ist, zur Abgleichung und Verdeutlichung.
Auch in den folgenden drei, vier Jahren sind der deutsche und der französische Schriftsteller einander räumlich nahe, sie halten sich in der gleichen Stadt auf, im von der Wehrmacht und dem Sicherheitsdienst besetzten Paris. Der Unterschied zwischen den beiden Lebenslagen könnte nicht größer sein: Sartre bildet sich zum Philosophen, Erzähler und Dramatiker der Okkupierten aus, der Unterworfenen, und Jünger ist Stabsoffizier beim deutschen Militärbefehlshaber in Frankreich, General Stülpnagel. Er hat seine Dienststelle im exklusiven Hotel Majestic in der Avenue Klèber, einem Prachtbau, und wohnt im benachbarten Hotel Raphael. Befaßt ist er mit "Zensurangelegenheiten", er geht mit Stülpnagel und Oberst Speidel um, einmal muß er die kriegsgerichtliche Erschießung eines deutschen Soldaten beaufsichtigen. Dergleichen sind "widrige Dinge", schreibt er ins Tagebuch, er hat anfangs die Absicht, sich krankzumelden, aber das ist ihm "zu billig", der Tag mündet, wen wundert's, "in einen Anflug von Depression". Ansonsten läßt der Dienst genug Zeit für Gespräche und Kontakte und wohl auch für erotische Begegnungen, er ist Stammkunde bei den Pariser Bouquinisten und Antiquaren, er besucht Braque und Picasso in ihren Ateliers und geht mit den französischen Schriftstellerkollegen Cocteau, Jouhandeau, Giraudoux, Léautaud, Celine und Henry de Montherlant um. Dieser fast tägliche freundschaftliche Verkehr ist ebenso wie Krieg, Politik, die Künste und die kulturelle Überlieferung Gegenstand der Jüngerschen Tagebücher, die der Autor erstmals vier Jahre nach Kriegsende, 1949, unter dem Titel "Strahlungen" veröffentlich. Es handelt sich um ein Hauptwerk. Der dicke Band enthält vier Teile mit den Einzeltiteln "Das Erste Pariser Tagebuch", "Kaukasische Aufzeichnungen", "Das Zweite Pariser Tagebuch" und "Kirchhorster Blätter", denen in späteren Ausgaben der bereits erschienene Teil "Gärten und Straßen" und der jüngst entstandene Teil "Jahre der Okkupation" zugesellt werden. Die Aufzeichnungen der "Strahlungen" insgesamt beginnen am 3. April 1939 und enden am 2. Dezember 1948, in eindrucksvoller zeitlicher Kontinuität und inhaltlicher Reichhaltigkeit beschäftigt sich Jünger, Vorspiel und Nachwehen eingeschlossen, mit dem Zweiten Weltkrieg, dem zentralen Ereignis seines Jahrhunderts, und liefert ein literarisch und zeitgeschichtlich einmaliges Dokument, das seinesgleichen zumindest für die in Rede stehenden Jahre allenfalls in Victor Klemperers allzu spät "herausgegebenen" Tagebüchern hat.
Nach Stauffenbergs Attentatsversuch und dem Todesurteil für Stülpnagel durch den Volksgerichtshof aus der Wehrmacht entlassen, verbringt Ernst Jünger die letzten Kriegsmonate und die ersten drei Nachkriegsjahre in Kirchhorst. Bei jedem Besuch in Hannover sieht er erschüttert die Ruinen der ausradierten Innenstadt. Sein Tagebuch führt er weiter, aber in der englischen Besatzungszone ist gegen ihn ein Veröffentlichungsverbot erlassen worden. So zieht er 1948 mit seiner Frau und mit dem Sohn Alexander nach dem französisch besetzten Südwestdeutschland, nach Ravensburg, in die Nähe des Bodensees, wo er schon einmal gelebt hat. Der ältere Sohn Ernst ist übrigens im vorletzten Kriegsjahr mit dem späteren Verleger Wolf Jobst Siedler wegen Bildung eines Widerstandskreises zur Frontbewährung verurteilt worden und im Alter von achtzehn Jahren bei Carrara in Mittelitalien gefallen.
Anderthalb Jahre nach der Ankunft in Ravensburg verläßt man die Stadt wieder und siedelt nach Wilflingen über, einem Dorf in Überschwaben. Zuerst wohnen die drei Jüngers im Schloß der befreundeten Familie Schenk von Stauffenberg, dann in der zugehörigen barocken Oberförsterei, die selbst wie ein Herrenhaus wirkt. Für Jünger, inzwischen fünfundfünfzig, stellt Wilflingen eine Art endgültigen Hafen dar, in dem er, früherer Umzugsfreudigkeit ungeachtet, die nächsten achtundvierzig Jahre ausharren wird, bis zu seinem Tod. Dabei begleitet er als Chronist und Erzähler das Land, das spätestens 1945 in einen bis dahin unvorstellbaren Abgrund gestürzt ist und das, von den Siegern verstümmelt und geteilt und durch die eigenen Untaten traumatisiert, Jahr um Jahr und Jahrzehnt um Jahrzehnt versucht, wieder zu sich zu kommen: wissen wollen, wer man war und wer man ist.
Die Nachkriegsproduktion Jüngers setzt mit kleineren essayistischen Schriften wie "Sprache und Körperbau" ein, dann folgen etwa "Das Sanduhrbuch" und längere Erzählungen wie "Besuch auf Godenholm" und "Gläserne Bienen", nicht zuletzt entstehen Romane, "Heliopolis" zuerst, 1949, dann "Die Zwille" und "Eumeswil". Wichtig auch "Subtile Jagden", 1967 erschienen, das Erinnerungs- und Bekenntnisbuch des Entomologen Jünger, zu dem sich drei Jahre später als ansatzweises Parallelunternehmen "Annäherungen - Drogen und Rausch" gesellt, das die jahrzehntelangen Versuche des Autors mit Rauschmitteln schildert und versucht, angestrebte und tatsächlich erlebte Bewußtseinserweiterungen zu beschreiben: "Ein Blick durch die Pforte genügt". Das Buch, das sich wie etwa Baudelaires "Künstliche Paradiese" aus prä- oder postliterarischen Gründen einer dauernden Aufmerksamkeit erfreut, kann Freunde des Kokains schon einmal zum auszugweisen Nachdruck mit bibliophiler Qualität bringen, "Weiße Nächte" heißt die teure Rarität.
Wichtig aber vor allem das neue Tagebuch, das Jünger am 3o.März 1965 beginnt und bis kurz vor sein Lebensende fortführt. Es erscheint unter dem Titel "Siebzig verweht" zwischen 198o und 1997 sukzessive in fünf Bänden. Die erste Eintragung, einen Tag nach dem siebzigsten Geburtstag, beginnt: "Das biblische Alter ist erreicht - merkwürdig genug für einen, der in der Jugend niemals das dreißigste Jahr zu erleben gehofft hatte... In der Jugend ist eine trübe Grundstimmung häufig, als ob der Herbst seine Schatten vorauswürfe. Die Welt ist neblig, dunkle Blöcke ragen hervor. Allmählich wird die Sicht klarer; auch Leben muß gelernt werden".
Unser Autor tritt nun zunehmend als Zivilisationskritiker, Weltreisender, Insektenkundler, Kulturwissenschaftler, Kommentator und, dem fortschreitenden Alter entsprechend, als jemand auf, der Rückschau hält und den zunehmenden Verlust von Weggefährten und Freunden zu verzeichnen hat. Aber der Tod greift auch näher zu, Jüngers Frau stirbt, die geborene Hannoveranerin Gretha v. Jeinsen, die 1949 und 1955 mit zwei eigenen Büchern hervorgetreten ist. Außerdem muß er 1993 den Freitod seines jüngeren Sohnes Alexander miterleben, er ist achtundneunzig.
Schreibend, reflektierend, als Empfänger von Preisen und Ehrungen und als Ziel von Angriffen eine öffentliche Rolle spielend, wird Ernst Jünger während der achtziger und neunziger Jahre immer mehr zum Zeugen und literarischen Gestellter "seiner" hundert Jahre. Auf die erste Gesamtausgabe folgt ab 1978 die umfangreichere zweite, die auf achtzehn Bände anwächst und die sich posthum um weitere vier Bände vermehrt. Als diese Bände zu erscheinen beginnen, jedes Jahr einer, hat Jüngers Leben den Schlußpunkt gefunden, er ist am 17. Februar 1998 gestorben, knapp sechs Wochen vor seinem einhundertdritten Geburtstag. Unter großer öffentlicher Anteilnahme, Tagesschau, Heute und fast alle Tageszeitungen berichten, wird einer der produktivsten deutschen Schriftsteller des Zwanzigsten Jahrhunderts zu Grabe getragen, der umstrittenste wohl auch, ganz sicher einer der bedeutendsten.
Bis hierher mein Porträt Ernst Jüngers. So hätte ich über ihn in zurückliegenden Zeiten vielleicht nicht immer geschrieben.
Ich erinnere mich: zwischen unserer Flucht aus meiner sächsischen Geburtsstadt Frohburg im Herbst 1957 und der Ansiedlung in Reiskirchen bei Gießen zwei Jahre später schenkten uns die Mannheimer Freunde meiner Eltern quasi als Begrüßungsgabe ein Prosabändchen, "Das Sanduhrbuch", Verfasser Ernst Jünger. Damals übrigens kaum älter als ich heute. Die Lektüre des "Sanduhrbuchs" langweilte mich nicht gerade, ich war aber auch nicht sonderlich gefesselt. Was Jünger abhandelte, wovon er in diesem Buch sprach, Ablauf der Zeit, ihr Verstreichen, ihre Messung, war nicht mein Problem und nicht meine Sache. Es gab Spannenderes zu entdecken: Gegenwartsenträtselung, Stellungnahme, Provokation. Das alles fand ich bei Wolfgang Koeppen, Alfred Andersch, Martin Walser, Günter Grass, Uwe Johnson und Hans Magnus Enzensberger. So kam es, daß ich den eher besinnlich wirkenden Jüngerschen Band beiseitelegte und vergaß, obwohl es sich höchstwahrscheinlich um eine Erstausgabe handelte, Jüngers Auflagen waren damals nicht hoch. Möglicherweise landete mein "Sanduhrbuch", das eigentlich den Eltern gehörte, zusammen mit vielen anderen Büchern eines Tages im Antiquariat. Ich habe ja ab Anfang der siebziger Jahre viele Teile, beinahe ganze Sektoren meiner Büchersammlung ausgetauscht, nicht nur aus Platzgründen. Eine Verschiebung des Interesses hin zu den Großen der Literatur, groß an Bedeutung, an Phantasie und auch an Umfang des Werks, spielte eine Rolle: Stendhal, Balzac, Turgenjew, Tolstoi, Zola, Aragon. Nach einem förmlichen "Realienjahrzehn", das aus der Beschäftigung mit Geschichte und Zeitgeschichte bestand, beispielsweise den Kriegen, Bürgerkriegen und Revolutionen des neunzehnten Jahrhunderts, fing ich wieder an, literarische, belletristische Arbeiten zu lesen, sie schoben sich für mich auf den ersten Platz, ich entdeckte immer Neues, was von der auf "Meier Helmbrecht", "Faust" und "Bahnwärter Thiel" fixierten Schule totgeschwiegen und versteckt worden war.
Vorher, noch während der Friedberger Internatszeit, also 1960 oder 1961, schaffte ich mir von meinem knappen Taschengeld, das ich durch kleine Ungenauigkeiten bei der wöchentlichen Abrechnung mit den Eltern geringfügig aufbesserte, Jüngers "Stahlgewitter" an. Der Bericht über Stellungskrieg und Materialschlachten interessierte mich schon eher. Dennoch habe ich auch dieses Buch nicht behalten. Vielleicht sprach mich der Tenor von Barbusses Antikriegsromanen mehr an. Allerdings "besitze ich auch das anklagende "Le feu" ebenfalls nicht mehr.
Möglicherweise war der Wiederverkauf der "Stahlgewitter" speziell auf meine Ausgabe zurückzuführen, die aus den späten zwanziger Jahren stammte und von Ausstattung und Druckbild her so etwas wie einen deutschnationalen Anstrich hatte, der auf den Inhalt, wie ich ihn wahrnahm, ausstrahlte. So sehr ich auch immer die Schriftart Fraktur geschätzt habe, in der mir ganz früh Karl May, Hans Dominik und Vaters Lesebücher aus dem Bornaer Realgymnasium unter die Augen kamen, so deutlich sehe ich ihre nicht durchweg erfreuliche Eigenart einer gewissen Unübersichtlichkeit. Bei "janusköpfigen" Texten, die ein modernes und antimodernes Doppelgesicht zu haben scheinen und dadurch einem selbst, in der Rolle als Leser, Einschätzung und Zuordnung schwermachen, ist die luzide Antiqua besser, ein gutes Scheidemittel.
Erst 1980 änderte sich mein Blick auf Ernst Jünger und seine Bücher. Das war, als Heinz Ludwig Arnold, der Herausgeber von text+kritik, mir die zweibändige Neuausgabe der "Strahlungen" schenkte. Der Schnitt durch den Vernichtungskrieg, durch die bis heute offene Wunde. Von dieser Leseerfahrung an, im Gefühl, einer meiner Jahrhundertfiguren oder, weniger preziös, einem meiner Leitfossilien begegnet zu sein, neben Harry Graf Kessler, Harro Schulze-Boysen, Elias Canetti, Johannes R. Becher, Otto Rühle und Conrad Felixmüller (was für Lebenswege!), entwickelte sich in mir ein deutliches, auch im Emotionalen angesiedeltes Interesse an Jünger.
Zumal ich auf kleine "Nachbarschaften" stieß. Beispielsweise entdeckte ich, daß der Vater Jüngers seit der Inflation durch Jahrzehnte die Löwenapotheke am Markt in Leisnig innehatte und Sohn Ernst sich ebenso wie Bruder Friedrich Georg öfter besuchsweise in der sächsischen Kerngegend des Muldenlandes aufhielt, die im Westen unmittelbar an unseren Frohburger Zipfel der Leipziger Tieflandsbucht angrenzt.
In der Folgezeit, nach dem ersten Blättern in "Strahlungen", ergaben sich für mich immer wieder "postalische" Kontakte mit Jünger, er schickte mir Briefe und Karten und schrieb Widmungen in seine Bücher, 1986 z. B. dedizierte er mir seine Neuerscheinung "Autor und Autorschaft", einundneunzig Jahre war er zu dieser Zeit.
Arnold, um das noch nachzutragen, war Anfang der sechziger Jahre, bevor er zum Studium nach Göttingen ging, Feriensekretär von Ernst Jünger gewesen, ähnlich wie der Dichter Albert v. Schirnding. Kurzzeitig also Jüngers rechte Hand, antwortete Arnold mir seinerzeit auf einen Brief, den ich von Friedberg aus an Jünger geschrieben hatte. Viele Jahre später, vielleicht Ende einundachtzig, als ich in Zusammenhang mit dem Umzug vom Holtenser Berg in die Herzberger Landstraße in Göttingen meine Papiere verpackte und sie dabei flüchtig durchsah, fand ich diesen Antwortbrief wieder und übergab ihn Arnold während der Feier seines fünfundvierzigsten Geburtstages, an der Grass, Dürrenmatt, Albrecht Schöne und Günter Patzig teilnahmen. Das anfangs einigermaßen verkrampfte Fest ging in ein maßloses Besäufnis über, mit einer nicht ganz harmlosen Anpflaumerei zwischen Dürrenmatt und Grass.
Vielleicht fing Arnold damals an, Jünger in neuem Licht zu sehen. Jedenfalls erschien in text+kritik ein kleiner Aufsatz von Helmut Heißenbüttel, Überschrift "General i.R. als Goethe", der Jünger zum Gegenstand hatte und der mich beim Lesen erschreckte, ja richtiggehend beklommen machte, wegen des feindseligen, vernichtungsfreudigen Tons. 1987 bin ich mit H. und Wolfram auf einer der Fahrten zu Axel Kahrs ins Hannoversche Wendland in Kirchhorst kurz vor Gelle gewesen, ich habe im dortigen Pfarrhaus neben der Feldsteinkirche und dem kleinen Friedhof vorgesprochen und das mehr als bescheidene niedrige Arbeitszimmer Jüngers unter dem Dach fotografiert, seine Klause, aus der inzwischen eine Abstellkammer geworden war. Vier Jahrzehnte lag es zurück, daß Jünger sich und seine Familie in dem verlotterten Anwesen eingemietet hatte, neun Jahre lang. Die Pfarrersfrau erzählte auf meine Nachfrage von einem weißhaarigen alten Mann, der an einem Winterabend mit Begleitung auf der anderen Straßenseite gestanden und herübergeguckt habe. Im Jahr darauf erkannte sie Jünger im Fernsehen wieder. Ich schickte die Kirchhorster Fotos nach Wilflingen. Da ich, in der fremden Wohnung gehemmt und irritiert die Belichtung nicht angepaßt hatte, war der Raum viel zu dunkel geraten. Dafür konnte man die Innenseite der Giebelwand mit dem Fenster und den Wasserspuren auf der Tapete um so besser erkennen. Als Dank für die Fotos kamen das Nachkriegstagebuch "Jahre der Okkupation" mit mancherlei Kirchhorster Notaten und die gerade erschienene Kriminalgeschichte "Eine gefährliche Begegnung" nach Göttingen. Einen Besuch in der Wilflinger Oberförsterei habe ich nicht zu machen gewagt. Schon 1983, als ich dergleichen überlegte, schien mir Jünger für ein Eindringen zu alt zu sein. Dabei hätte ich mir brennend gerne ein unmittelbares Bild von ihm gemacht. Eine Viertelstunde würde genügen. Meine Bedenken aber bewirkten, daß ich mich mit den Büchern, Widmungen und handschriftlichen Zeilen zufriedengab, mit "Devotionalien" aus Papier, die mir schon während der Friedberger Heimschülerzeit so viel bedeuteten, als ich mit Lukàcs, Bloch, Hans Mayer, Arno Schmidt, Arnold Zweig, Armin T. Wegner und Peter Huchel korrespondierte. Warum denn sehen, tröstete ich mich, man kann auch enttäuscht werden, wie manche Besucher Goethes. Andere Autoren waren weniger zurückhaltend und fanden in Jüngers spätester Lebensphase noch Zutritt: Herhaus, Heiner Müller, Ulrich Schacht.
Als Steigerung gab es für mich nur die literarische Annäherung. 1994, während unseres dritten Sommers in Saas Fee, Jünger stand inzwischen im hundertsten Lebensjahr, entwarf ich nach unseren täglichen Wanderungen auf Höhen von zweieinhalb bis dreitausend Meter an den Abenden einen Katastrophentext aus dem alpinen Bereich, aus der Welt der Bergsteiger und Leichtsinnstouristen. Dieser Text, in der ersten Fassung acht Seiten lang, stand Anfang des folgenden Jahres in Anspielung auf die Anthologie "Der gefährliche Augenblick" von 1931, Jünger hatte eine Einleitung "Über die Gefahr" beigesteuert, unter dem Titel "Fortdauer des Augenblicks" in der Festschrift zum Zentenarium Jüngers und erschien zur gleichen Zeit in wesentlich erweiterter Fassung separat bei Ulrich Keicher in Warmbronn, mit einer gedruckten Widmung für den Jubilar und einer Doré-Montage von Klaus Büscher, die das Whympersche Desaster am Matterhorn zeigte.
Vom Festschrifthonorar, sieben Hundertmarkscheinen, um die ich mit dem Verlag hartnäckig feilschen mußte, kaufte ich die zweite Gesamtausgabe Jüngers. Die zehn Bände des ersten Werkausgabe besaß ich längst. Jünger, inzwischen über hundert, signierte mir den "neuen" ersten Band, "Tagebücher Erster Weltkrieg", gerade so, wie er es auch mit dem älteren gemacht hatte. Dazugesetzt hatte er nun eine handschriftliche Reminiszenz an seine acht Jahrzehnte zurückliegenden Anfänge, nämlich die ersten drei Sätze seiner ersten Buchveröffentlichung, mit denen auch beide Gesamtausgaben beginnen: "Der Zug hielt in Bazancourt, einem Städtchen der Champagne. Wir stiegen aus. Mit ungläubigem Staunen lauschten wir den langsamen Takten des Walzwerks der Front". Gerade eben, da ich das schreibe, merke ich, daß das Wort "Staunen" im Zitat eine Abwandlung durch den hochbetagten Jünger darstellt, offenbar aus dem Augenblick heraus, denn im Buch ist von "Ehrfurcht" die Rede; mit "ungläubiger Ehrfurcht" hören die jungen Männer zur Front hinüber.
Zusätzlich zu der Eintragung in den ersten Band der großen Ausgabe schrieb mir Jünger im August sechsundneunzig eine Widmung auf ein Foto, das ihn am Wilflinger Fenstertisch zeigt, in die Durchsicht von Papieren vertieft. Stefan Moses hatte mir das Bild ein paar Wochen vorher über Friedrich Denk aus Weilheim zukommen lassen. Im Herbst des folgenden Jahres erschien als letzte Veröffentlichung Ernst Jüngers zu Lebzeiten der fünfte Teil der Tagebuchsequenz "Siebzig verweht". Das Buch lag neben der gerade herausgekommenen Monografie über die Marienerscheinungen im saarländischen Marpingen und dem letzten Band der großen Hanserschen Fontane- Ausgabe auf meinem Weihnachtstisch. Vom Umfang her war "Siebzig verweht V" deutlich schmaler als die Vorgänger eins bis vier. Auch die Dichte mancher Notate schien leicht vermindert. Und doch war ich gleich beim ersten Blättern und Lesen gefesselt wie eh und je. Zudem hatte ich niemals vorher, das Alter des Autors kennend, Texte eines Hundertjährigen gelesen. Sieben, acht Wochen danach Jüngers Tod, am gleichen 17. Februar 1998, an dem ein paar Stunden später auch H.s Mutter starb, völlig überraschend, und wir nachts durch das nordhessische Bergland und am Vogelsberg vorbei nach Steinheim rasten, mit den ersten Meldungen über Jünger im Autoradio. Als wir in der Untergasse ausstiegen, war der Leichenwagen schon weggefahren, und die Nachbarinnen hatten das Bett abgezogen und die Wäsche in die Maschine gesteckt. Jetzt gab es Kaffee. Unsere Fassungslosigkeit, überlagert vom dörflichen Ablauf. Dann kamen die Verwandten von außerhalb. Beim Eintreten Blicke zum leeren Sessel am Fenster. Wortkarges Zusammensitzen. Über uns im Oberstock die ganze Zeit H.s Vater, auf der Suche nach einem Zwanzigmarkschein. Rumorte in allen Schränken. Erst Tage später dachte ich wieder an Jünger.



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