Unser Interview mit Guntram Vesper

13. März 2003


Nach längerer Vorbereitung haben wir Guntram Vesper am 13. März 2003 in seinem Haus in Göttingen besucht und uns anschließend im nahe gelegenen Goethe-Institut zu einem ausführlichen Gespräch getroffen. Aus diesem Gespräch haben wir eine Reihe von Auszügen als Originalton in unsere Seite integriert. Guntram Vesper hat den Text des Interviews freundlicherweise noch einmal gründlich redigiert und autorisiert. Diese autorisierte Fassung - die also an einigen Stellen vom gesprochenen Wort abweicht - ist im Folgenden wiedergegeben. Gleichzeitig kann man das vollständige Interview hier der Bequemlichkeit halber auch als gepackte rtf-Datei herunterladen.



In Kapitel I schreiben Sie: "Wie schnell der Vormittag vergeht, wenn man am Schreibtisch sitzt. Man fängt an nach der Uhr zu sehen. Habe ich in einer Stunde nichts geschrieben, beginne ich schon zu verzweifeln."
Wie sieht eigentlich der Arbeitstag für Sie als Schriftsteller aus?


Es gibt verschiedene Arten von Arbeitstagen. Wenn ich kein großes Projekt bewältige, dann geht der Arbeitstag schon langsamer los, und da ist auch die Verzweiflung über eine Stunde, in der man keinen Satz geschrieben hat, nicht so groß, wie das vielleicht aus dem Text hervorzugehen scheint. Aber wenn man an einer Arbeit, die sozusagen ein größeres Projekt darstellt, sitzt, dann spielt das schon eine Rolle. Wenn man morgens nach dem Frühstück - ich versuch mal, mir die Situation in Erinnerung zu rufen, als ich diesen Text schrieb - wenn man da also sich an den Tisch begeben hat, der eigentlich gar kein Schreibtisch war, auf dem Land in Steinheim, ein runder Tisch, wenn man sich also dahin begeben und sich dahin gesetzte hatte, zwischen die Bücher, die Kartons und die Reisetaschen, in denen das Material war, das man mitgebrachte hatte, dann will man ja eine Vermehrung des Textes sehen, auf dem Papier. Man möchte gerne die leere Seite oder die halbleere Seite, mit der man den Tag beginnt, die möchte man in absehbarer Zeit schon gefüllt sehen. Es sollten einem Sätze eingefallen, Bilder gekommen sein, die man auf das Papier bringen kann. Ist das nicht der Fall, stellt sich ein kleines Problem dar: Hier geht es nicht weiter. Was heißt das? Dann würde man eventuell das Blatt zur Seite legen, ein neues nehmen, die letzten drei oder vier Sätze noch mal schreiben und dann versuchen, im Schwung dieses Wiederholungsschreibens über die Problemzone oder die Problemstelle hinwegzukommen. Also auf alle Fälle ist das Prinzip der Arbeit eine Textvermehrung.

Setzen Sie sich dabei ein bestimmtes Schreibpensum?

Als ich "Nördlich der Liebe und südlich des Hasses" geschrieben habe, habe ich mich jeden Morgen, Morgen ist übertrieben: jeden Vormittag um halb zwölf an den Schreibtisch gesetzt und eine Stunde gearbeitet. Dann war schon wieder Zeit zum Mittagessen und das wird auf dem Land, in geordneten Verhältnissen, pünktlich eingenommen. Und dann habe ich weitergearbeitet. Ich habe bis in die Nacht gearbeitet - bis Mitternacht etwa habe ich an diesem Schreibtisch gesessen oder an diesem Tisch und bin dann aufgestanden und habe später noch im Bett Notizen gemacht. Also ich war so stark unter dem Eindruck dessen, was ich schrieb, daß ich auch im Bett nicht so ohne weiteres Ruhe gefunden habe. Das führte natürlich dazu, daß ich morgens länger schlief, aber die Arbeitszeit, also das gewerkschaftliche Pensum möchte ich mal sagen, das war erfüllt.

Würden Sie sagen, daß ein Schriftsteller immer im Dienst ist, oder gibt es bei Ihnen so etwas wie Freizeit?

Natürlich gibt es Freizeit! Ich gehe ja fast jeden Tag ins Antiquariat, Sie haben ja gesehen, wo ich wohne, ich mache mich fast jeden Tag zu Fuß oder mit dem Fahrrad auf den Weg in die Stadt, so etwa gegen Mittag, aber genauso vergeht kein Tag, an dem ich nicht mindestens eine umfangreichere Notiz zu Papier bringe. Das erklärt sich leicht, denn ich bin Tagebuchschreiber - seit Anfang der achtziger Jahre, und jeder, der sich in die Sache des Tagebuchschreibens hineindenkt, wird verstehen, wenn ich sage, daß man möglichst keine Lücke entstehen lassen darf, sonst reißt eventuell der Faden, und dann schreibt man plötzlich ein halbes Jahr kein Notat mehr. Das ist eine Selbstverpflichtung, im Grunde genommen, die man auf sich nimmt, genau so wie die Einträge in Bücher, die ich ihnen vorhin gezeigt habe, eine Art von Selbstverpflichtung sind. Wenn das zehn handschriftliche Seiten sind, dann sind das eigentlich zwanzig Druckseiten. Das ist für mich, der ich vom Volumen her einen relativ geringen Ausstoß habe, dann schon viel. Heinrich Böll hat, glaube ich, jeden Tag zehn Seiten geschrieben. Ich glaube, "kein Tag ohne zehn Seiten" hat er als Arbeitsprinzip gehabt.

   Textpassage: Kapitel XX

Was verbirgt sich hinter diesen tagtäglichen kleinen Luft und Bodenkämpfen?

Das sind die alltäglichen Luft- und Bodenkämpfe von uns allen, nicht nur des Schriftstellers. Das ist der Alltag, den man erlebt, als Mensch, hier, in diesem Land. Das ist Streß und Freude und Anstrengung und Überforderung, das ist Gewohnheit, Abstumpfung, Zermürbung, das ganze Bündel dessen, was man im Laufe der Jahre und Jahrzehnte immer wieder erlebt. Und wahrscheinlich ist das im Tierreich auch so. Wenn sie sich mal junge Tiere ansehen, wie die spielen, und dann alte Bären ohne Biß und Löwen ohne Zähne. Alte männliche Löwen müssen sich dann irgendwie abseits halten, verbraucht, das ist die Folge der Luft- und Bodenkämpfe, und bei Menschen ist das ähnlich; da gibt es nicht nur den Nahrungserwerb und die Fortpflanzung, wie bei den Tieren, sondern da ist auch vieles andere aus dem Sektor der Zivilisation und der Kultur, was sich auswirkt auf Kraft, Spontaneität und Originalität.

Sehen Sie sich dabei eher als junger Bär oder als alter Löwe?

Als ich das schrieb, hab ich ein bißchen damit gespielt; ich war 38 und fühlte ich mich nicht unbedingt als alter Löwe. Aber jetzt, im Rückblick, mit 62, sieht es etwas anders aus: doch, das merk ich schon, das passiert jetzt, daß ich sage: "Wie hieß der doch gleich? Bucharin, ach ja, natürlich, fast vergessen." Ich kam nicht drauf. Mein Bruder sagt: "Du mußt einfach das Alphabet durchgehen - erster Buchstabe, zweiter Buchstabe, dritter Buchstabe, dann fällt dir das ein!" Bisher habe ich damit nur bedingten Erfolg gehabt. Also, Ausfallerscheinungen treten schon auf, das wäre früher kein Problem gewesen.
Bucharin, der Name fiel mir jetzt nur so ein. Aber seinen Namen vergesse ich gerade nicht. Mehr Nebenfiguren: Hardy Krüger, Fuchsberger usw. Das ist schon leicht beunruhigend, weil man ja sagt: Die Verfügung über den Fundus der Wörter ... nimmt der auch so ab, wie die Erinnerung an bestimmte Namen, wie die Unfähigkeit, den Namen zu präsentieren, in einer bestimmten Sekunde. Das wäre, das ist für den Schriftsteller, den Lyriker zumal, schon bedenklich, das wäre ja schlimm. Man würde dann nur noch im übriggebliebenen Wortschatz klappern, und zwar in der Zentralzone des Schreibens.

   Textpassage: Kapitel I

Woher kam der Impuls, ihre Arbeiten und Kurzgeschichten in einem Versuch, einem Buch zusammenzufassen?

Ich kann mich noch genau erinnern, daß ich in Wilhelmshaven war, und zwar habe ich in einer großen Schule zwei Veranstaltungen gemacht, in den Klassen, und zwischen den beiden Veranstaltungen lagen ein oder zwei Stunden, die Freizeit waren, also eigentlich tote Zeit, denn was will ich sonst in einer Schule. Das heißt, ich saß im Lehrerzimmer, hatte eine Tasse Kaffee gekriegt und war nicht in der Lage, aus einer Klasse gekommen, nach eineinhalb Stunden, als ungeübter "Pädagoge", noch ein Buch zu lesen... (lacht) Goethe nicht, und noch nicht mal Zola. Das heißt also, ich habe da gesessen, hatte ein Notizbuch bei mir und hab so ein bißchen Notizen gemacht. Und dann dachte ich plötzlich, man könnte einige Kapitel, die ich schon im Kopf hatte, die könnte man eigentlich hintereinander stellen, und zwar in der und der Reihenfolge, und das wären durchgezählt zwölf Kapitel, vielleicht, oder sechzehn. Praktisch habe ich von einer Minute auf die andere begonnen, diesen Kapitelplan zu skizzieren, das heißt also, ich hab dieses Buch entworfen. Und hab mich dann dadurch, daß auch einige Teile schon existierten, zum Teil nur in Handschrift, auch nicht sehr schwer getan, den Entwurf umzusetzen. Wenn man einmal in der Euphorie des Anfangs ist und die Euphorie oder das Erfolgserlebnis in gewisser Weise anhält, dann ist das auch gar nicht so schwer, weitere Kapitel zu schreiben. Das geht dann ziemlich schnell, hab ich festgestellt. Also zwischen seelischer Verfassung dessen, der schreibt, und dem Text und der Mühe, die aufgewendet wird, gibt's so verschiedene mehr oder weniger undurchsichtige, aber offensichtliche Zusammenhänge, würde ich sagen. Undurchsichtig, weil man nichts gesetzmäßig festlegen kann, aber man empfindet Zusammenhänge deutlich.

Könnten Sie dann vielleicht etwas zum Aufbau des Buches sagen, also zu der Reihenfolge der Geschichten? Sie haben im ersten Kapitel diesen Kaleidoskop- Vergleich gebracht, was meinen Sie genau damit?

Ich würde zuerst etwas zum Aufbau des Buches sagen wollen. Das erste Kapitel, ich habe das jetzt nicht vor mir und gebe vermutungsweise Auskunft, das erste Kapitel und vielleicht noch das zweite oder dritte Kapitel stellen eine Art Exposition dar, Überprüfung des Bodens, der Plattform, von denen aus gesprochen wird vom Autor. Das heißt, ich schildere die Schreibbedingungen und den Ausgangspunkt und gehe dann dazu über, zwei Orte ins Visier zu nehmen, Göttingen und Steinheim. An diese ins Visier genommenen Orte, die ich auch in ihrer soziologischen Eigenart und Färbung literarisch dingfest mache, knüpfe ich Geschichten, detaillierte Erläuterungen dessen, was ich in der Einführung zu jedem dieser beiden Orte gesagt habe. Durch diese Geschichten kommt es im ferneren Verlauf des Buches zu einer Art Überbau, zu Ideologiekritik, "Der Kampfflieger" zum Beispiel, und zu Kritik der individuellen Haltung dessen, der spricht. So etwa würde ich sagen. Das ganze Buch ist ein Kompendium der Bestandteile von Geschichten, der Trümmern und Fragmente und Bedeutsamkeiten, die ich zehn Jahre im Kopf gehabt habe. Vielleicht war es deswegen so relativ einfach, den Text zu Papier zu bringen; es handelt sich um meine Manien, meine Vorlieben, meine Fixierungen, wenn man so will. Alles, fast alles ist erwähnt... Aber natürlich es gibt auch noch geheime Bezirke, über die ich nicht rede (lacht).

   Textpassage: Kapitel XVIII

In der FAZ stand zu lesen: "Erst mit der Figur des Eduard scheint Vesper eine Identifizierung zu gelingen". In unserem Kurs hat dieser Charakter natürlich auch jede Menge Fragen aufgeworfen. Wie kam es zur Entstehung dieser Figur und gibt es dafür eventuell sogar ein echtes historisches Vorbild?

Zunächst einmal zu dem Satz, den Sie da eben zitiert haben: Das ist kompletter Blödsinn. "Dem Autor scheint in der Figur eine Annäherung zu gelingen." Ich rede das ganze Buch über nur von mir! Das muß man sich überlegen, dagegen muß man diesen Satz halten, dann merkt man, daß der so dahingewurschtelt ist. Das hat mit dem Buch und mit mir nichts zu tun. So was nennt sich Rezension. Aber andererseits war diese Rezension nicht negativ. Das zählt. Vor allem das.
Die Figur Eduard hat ganz viel mit mir zu tun, sie ist meine Traumrolle, im Grunde genommen, im Guten wie im Schlechten. Das Charakteristische an Eduard ist ja, daß er erst versucht, mit der Liebe zum Ziel zum kommen, und daß die Liebe individuell, subjektiv, als Gefühl, nicht zum Ziel führt beziehungsweise ihn nicht am Ziel verharren läßt, sondern die Enttäuschung ist sozusagen schon programmiert. Daraufhin wendet er sich politischen Ideen zu und ihren Umsetzungen. Diese Umsetzungen aber sind so kompliziert oder wären kompliziert und auch zeitaufwendig, daß er scheinbar abkürzende Wege über die Gewalt vorzieht. Also: Attentat, Beseitigung der Profiteure, Vernichtung der Spitze.
Auch das gleitet aus, wie eine schlecht verteilte Ladung, die ins Rutschen kommt, plötzlich richtet sich die Gewalt gegen jedermann. Das heißt also, damit ist Eduard in einem Zustand ‚nördlich der Liebe und südlich des Hasses', denn die Leute, die er jetzt umbringt, die haßt er nicht, die ermordet er, um Zeit zu gewinnen. Er braucht Essen, er braucht Unterhaltung, Bücher, ein Lexikon für den Winter, damit er in seiner Höhle oder wo auch immer durchhalten kann... das ist die Entwicklung, die Eduard nimmt. Vom Autor her gesehen etwas wie Rollenspiel als Selbstvergewisserung.
Übrigens sind auch ein paar Zitate von Kleist im Eduard-Kapitel. Eduard schreibt Briefe, die Zitate von Kleist enthalten. Auch Kleist hat eine Rolle gespielt, sein Lebensschicksal und die Grundtönung seiner Persönlichkeit sind in die Figur Eduard mit eingeflossen. Und dann natürlich ein ganz merkwürdiger authentischer Kriminalfall aus dem "Neuen Pitaval", der bei mir im Bücherregal steht: "Der Räuber Masch" aus Westpreußen heißt der Bericht, er spielt wie Teile der Eduard-Geschichte im heutigen Westpolen, zwischen Stettin und Frankfurt an der Oder, auf der Ostseite der Oder.

Würden Sie Eduard in seinem ganzen Vorgehen als Terroristen bezeichnen?

Ja, natürlich. Der zweite Teil seiner Entwicklung ist der Weg in den Terrorismus. So ist es zumindest gemeint.

Ist darin eine Kritik bezüglich der RAF inbegriffen?

Die Erfahrungen, die Mitteilungen und die Nachrichten, die es damals gab, haben bei der Niederschrift des Kapitels eine große Rolle gespielt. Sie haben wahrscheinlich den Anstoß gegeben, daß ich es so abgefaßt habe, wie es jetzt gedruckt ist. Dahinter stand eine Auseinandersetzung. Zeitweise habe ich in Geismar gewohnt, am Mittelberg. Ich stand damals manchmal am Fenster oder auf dem Balkon, und wenn gelegentlich ein Alfa Romeo den Berg hinaufkam, habe ich Angst gehabt, daß jemand von dieser Truppe kommt bei mir zwei Nächte wohnen möchte oder vierzehn Tage. Wobei ich einige dieser Leute kannte, flüchtig. Aber die sind ja gerade dort hingegangen, wo flüchtige Bekannte waren, weil die guten Bekannten sicher ein Risiko darstellten für jemanden, der einen Unterschlupf suchte. Ich hatte einen Kollegen, er wohnte in Frankfurt, und bei dem haben zwei junge Frauen geklingelt, an der Mietwohnungstür in der Nähe der Bockenheimer Landstraße, also Univiertel, die haben gefragt, ob sie mit ein oder zwei weiteren Personen zwei Tage bei ihm wohnen, also übernachten könnten. Daraus ist ein sechswöchiger Aufenthalt geworden, mit Andreas Baader an der Spitze. Die haben sich die Wohnung förmlich unter den Nagel gerissen, und wenn Baader Kommandonotizen gemacht hat, dann hat er irgendein Buch aus dem Regal gerissen, hat vorne die Seite rausgefetzt, den Vorsatz, und hat seine Notizen drauf gemacht. Das hat sich immer mehr zugespitzt, so daß der Wohnungsinhaber, mein Kollege, dann verreist ist, nach Wunstorf, wo er einen Onkel hatte. Er hat praktisch seine Wohnung verlassen, weil er die Einquartierung nicht wieder loswurde. Und dann hat es einen Schußwechsel gegeben, auf der Bockenheimer Landstraße, zwischen der Polizei und zwei dieser Frauen, und die anliegenden Wohnungen sind durchsucht worden, unter anderem seine. Da ist das aufgeflogen, das heißt, er ist später wegen Beihilfe verurteilt worden. Eine ziemlich unangenehme Sache. Das und vieles ähnliche hat mich umgeben und gehörte zu meinen Erfahrungen und meiner damaligen Welt. Auch eine Haussuchung. Wie im Buch nachzulesen wäre.

   Textpassage: Kapitel XV

Könnten sie uns vielleicht noch einmal wenig genauer schildern, an welchen Punkten Ihre Identifizierung mit Eduard anfängt bzw. anknüpft?

Die Vorstellung einer großen Liebe ist bewundernswert und erzeugt eine Begeisterung und eine Anhänglichkeit an die Figur. Wer möchte das nicht? Nach Italien und dort der Liebe leben. An irgendeinem oberitalienischen See - am besten noch auf einer Borromeischen Insel mit südländischem Pflanzenbewuchs. Wer möchte das nicht? Damit geht es los, das ist jemand, der ausbricht, aus seinen engeren Verhältnissen, in denen er schon Erstaunliches und Gutes bewirkt hat, im Bezug auf die ihm anvertrauten Kinder. Aber das genügt nicht. Fast wie bei Faust, fällt mir ein. Alles versuchen, alles ausprobieren, und wenn das eine nicht geht, dann das andere. Erst die Liebe. Ausschließlich. Bedingungslos. Und wenn die nicht, dann die Politik, die schnelle gesellschaftliche Tat, getrieben von der Kehrseite der Liebe, dem Haß. Den König beseitigen: individueller Terror. Für mich eine spannende Geschichte. Wie sich das im Fortgang ablöst von den Plänen und selbständig weiterrollt, töten, nur töten, Mordmaschine, ohne Hemmschwelle, das interessiert mich, das hat mich immer schon interessiert, seit den Kinderzeiterzählungen dreier Kleinstadtmorde in Frohburg, siehe "Laterna magica", deshalb stehen der "Pitaval" und ähnliche Sammlungen in meinem Bücherregal.

   Textpassage: Kapitel IV
   Textpassage: Kapitel III

Herr Vesper, Sie sprechen da Ereignisse an, die lange vor meiner Zeit waren. Was war da los in Göttingen mit dem Göttinger Tageblatt und wie haben Sie Göttingen damals erlebt?

Das muß 1967 gewesen sein, ich bin aber nicht ganz sicher, ob es nicht 1968 gewesen ist, also entweder 67 oder 68. Da war hier in Göttingen viel los, wie in allen anderen deutschen Universitätsstädten. Es gab eine Demonstrationsbereitschaft der Studenten, die unglaublich war. Das heißt, es gab im Zusammenhang mit den Plänen für eine Notstandsgesetzgebung, die ja im Bundestag beraten werden mußte, die Bereitschaft, auf die Straße zu gehen und sich dagegen zu wenden. Das hing auch mit dem Vietnamkrieg zusammen. Also diese beiden Momente. Und mit der Installierung der außerparlamentarischen Opposition, vor allen Dingen in Berlin, also in Westberlin, und in Frankfurt. Diese drei Momente spielten, glaube ich, eine ganz große Rolle. Hier in Göttingen zum Beispiel gab es Vollversammlungen, an ihnen nahmen natürlich nicht alle 20.000 Studenten teil, nur eine bestimme Sorte, die politisch interessierten, die linken Hälfte des Spektrums, möchte ich mal sagen, darunter ich. Die Vollversammlungen gingen bis in den allerfrühesten Morgen hinein. Es wurde geredet ohne Ende, das waren Auftritte, natürlich, die auch rhetorisch nicht schlecht waren, mitreißende Auftritte. Da ging es um Kleinigkeiten, um die allerfeinsten ideologischen Unterschiede, die spielten eine Rolle. Und die konnten dazu führen, daß jemand ein oder zwei Stunden redete. Mit allem Pipapo, Darlegung, Herausarbeitung, Beeinflussung. Anschließend ging es auf die Straße raus. Aber nicht so, daß man sagte, wir wollen jetzt ein großes Feuer auf der Straße machen, wie später dann, damit der Asphalt schmilzt und die Leute verzweifeln, weil sie im Stau stehen: Wir wollen zum Tageblatt hin und wollen dort jeden Tag eine Seite für die Belange der fortschrittlichen Studenten verlangen, des SDS und des Asta und der außerparlamentarischen Opposition. Um die Lügen der Presse, der hiesigen Zeitung, des Göttinger Tageblatts, das stand dahinter, zu entlarven, eine Gegengewicht zu schaffen. Die übliche Zeitung, aber mit Sonderteil, mit unserer Sicht der Dinge. Was uns betrifft, was uns weh tut. Eigentlich ja nur für uns, im großen und ganzen, wenn man genau hingekuckt hat, aber es gab ja zu der Zeit auch noch die Hoffnung, daß das auch ausstrahlt auf die Bevölkerung. Daß die Argumentation die Bevölkerung erreicht und sogar mobilisiert, wenn man so will. Der Star wurde ziemlich schnell gestochen, muß man sagen. Trotzdem. Das war schon ein Erlebnis: Auflauf, Demonstrationszug, aufrührerischer Impuls, revolutionärer Anflug: Man merkte einfach, wie stark man war, mit tausend anderen... Natürlich kann man das so ähnlich auch sagen im Bezug auf den 30. Januar '33, als Adolf Hitler auf dem Balkon der Reichskanzlei stand, da war man auch stark, wenn man unten vorbeizog. Das ist schon in meinem Text ein bißchen ironisch. Nicht nur Schwärmerei. Auch der Hinweis auf die Vollversammlungen mit Massenpublikum, in die wir gingen wie ins Kino: Man sollte (auch) etwas geboten bekommen und wurde genauso emotional tangiert, ja geschleift wie im Kino, im Film... Interessante Zeit. In der man auch sich selbst, seine Reaktionen beobachtete und abglich und überprüfte. Keine ganz schlechte Voraussetzung übrigens für das Schreiben von Gedichten. Ich war ja Jahre vorher schon mit Lyrikbänden "hervorgetreten". Das bedeutete auch 67, 68 und später eine etwas andere "Brechung".

   Textpassage aus "Wer ertrinkt kann auch verdursten"

Herr Vesper, wie fühlen Sie sich heute in Göttingen als Stadtbürger?

Der letzte Satz ist nicht von der Hand zu weisen. Das erweist sich daran, daß die Stadtverwaltung jetzt daran geht, Teile der Fußgängerzone neu zu ‚möblieren', obwohl die Stadt so gut wie bankrott ist. Das heißt also, es wird neu gepflastert, und es werden neue Kübel aufgestellt und neue Bänke. Das finde ich normal. Ob normal, wenn man bankrott ist, da bin ich mir nicht so sicher. Man gibt halt für große Sache hier in der Stadt viel Geld aus. Ein Schwimmbad hinterm Carré, das noch nicht hier stand, als ich nach Göttingen kam. Da gab es ein altes Gebäude aus der Kaiserzeit, mit Wannenbädern im Keller, in denen ich meine wöchentliche Säuberung vornahm. Erst später wurde das "neue" Schwimmbad gebaut. Dieses "neue" Schwimmbad ist auch schon wieder verschwunden, abgerissen. Wegen Verrottung. Man tut eben einfach zehn Jahre nichts mehr dran. Und dann sagt man: tut uns leid, verrottet, leider abreißen. Kann sich ein Privatmann so nicht leisten, würde ich mal sagen. Jetzt gibt es ein allerneuestes Bad, und das nennt sich Badeparadies Eiswiese. Der Eintritt soll nicht ganz billig sein. Aber wenn ich dort im Winter um fünf oder sechs mit dem Fahrrad vorbeifahre, dann sehe ich Badegäste, die durch einen Vorhang schwimmen und plötzlich im Freien sind und dort baden bei 30 Grad Wassertemperatur. Da steigt Nebeldampf auf. Ob man das nun unbedingt machen muß, in einer Zeit, wo Energie gespart werden muß, da habe ich meine Zweifel. Vor allen Dingen aber hat der Bau viel Geld gekostet. Insofern kann ich auch die verkommene Fußgängerzone mit all diesen Zigarettenkippen und Kaugummiflecken aus dreißig bis fünfunddreißig Jahren ein bißchen monieren. Zumal ich sehe, daß es am Markt auch sehr schöne mediterrane Sitzgelegenheiten gibt, leider haben sie den Nachteil, daß man etwas verzehren muß. Warum aber gibt es für mich, wenn ich mal nichts verzehren will, nicht ebenso schöne mediterrane Sitzgelegenheiten. Die Stadt muß ja nicht für jeden Stuhl Gewerbe- und Umsatzsteuer empfangen. Die Stadt hat auch für Leute, die eben mal nur zehn Minuten sitzen wollen. Eine gewisse Fürsorgepflicht, das sind ebenfalls Steuerzahler. Die übervollen Papierkörbe und Hundehaufen, die ich erwähnt habe. Also in der Fußgängerzone "glänzt" der Dreck besonders übers Wochenende. Hier bei mir oben Richtung Schillerwiese, wo man die Hunde dann endgültig vom Bändle läßt, gibt es ziemlich viele ihrer Hundehaufen. Es passiert so gut wie gar nichts. Außerdem sind die Papierkörbe übervoll, trotz Trittins Pfand, und zum Teil sind sie abmontiert. Aber die Stadt führt gerade im Moment eine riesige Aktion durch. Ich weiß gar nicht, wie die heißt. Müllbewältigung oder so ähnlich: „Jetzt erteilen wir dem Müll eine Abfuhr“. Witzig. Beinahe Neue Frankfurter Schule. Oder? Dabei genügt es doch einfach, wenn man mal die Papierkörbe ausleert, da braucht man keine Kampagne und dies und jenes. Erst mal regelmäßig leeren, damit sich nicht fünfzig Büchsen oder Flaschen türmen... Ich fühle, daß ich nicht so unrecht habe, würde ich sagen. Es ist auch schon so, daß die Bürokratie und die Stadtverwaltung zur Erschlaffung neigt, logisch. Ist doch viel schöner, im Amtszimmer zu sitzen, als wirklich anstrengende Arbeit zu machen, wie Papierkörbe ausleeren. Das ist doch klar. Und dann spielen die Gewerkschaften noch eine gewisse Rolle. Das kommt alles zusammen, und da darf der Autor, der da zu Hause an seinem Schreibtisch sitzt, das wohl mal beim Namen nennen. Wer tut das denn sonst noch?


Sie gehen also mit sehr wachen Augen durch unsere Stadt und sehen auch alles, was so nicht ganz so richtig läuft.

Weil ich die Stadt liebe, weil die Stadt mir etwas bedeutet. Ich schätze das Ambiente der Fachwerkstraßen sehr und bin übrigens auch nicht der Meinung, daß nun für alle Zeiten restlos konserviert werden muß, das Leben und die Gegenwart haben auch ihre Rechte. Das ist klar. Ob aber unbedingt die Deutsche Bank in Schwarz da hinterm Alten Rathaus stehen muß, die jetzt eigentlich auch schon wieder gealtert und im Grunde genommen halb überflüssig geworden ist, das ist die Frage. Das Gebäude ist obendrein häßlich und wird immer häßlicher, finde ich. Oder das Karstadt-Medien-Haus da am Markt. Scheußlich. Aber dennoch ließe sich streiten, ob man nicht alte Gebäude durch neue in Maßen ersetzen kann. Ich bin da nicht Purist. Ich liebe hier in Göttingen das Ineinandergreifen von Studenten und Stadtbevölkerung, von Universität und Geschäftswelt. Das gefällt mir eigentlich ziemlich gut. Mir gefällt die Natur, der Bach zum Beispiel, der da hinten im Hainholzweg fließt. Am Anfang, als ich hier oben wohnte, war es ein beglückendes tägliches Erlebnis, an diesem fließenden Wasser entlang gehen zu können. Der Bach murmelt. Wenn man einen Sinn dafür hat... Und dann: mit dem Fahrrad in der Leineaue unterwegs zu sein... oder auch hoch zur Mackenröder Spitze zu fahren, das genieße ich, und das würde ich auch immer als Positivum anführen. Selbst die Dinge, die ein bißchen zweifelhaft oder eher Geschmackssache sind, bestimmte Apartmenthäuser, finde ich ebenfalls nötig, weil sie die Stadt davor bewahren, zur puren Idylle zu werden oder zur überkorrekten anständigen Universität. Als ich das erste Mal hier aus dem Zug steig, um mir eine Studentenbude zu suchen, kam eine alte Dame auf mich zu und sagte: "Ich hab hier so einen schweren Koffer, können Sie mir den ins Ostviertel tragen, Sie kriegen eine Mark von mir." Das war sozusagen der erste Anhauch des idyllischen Universitätsstädtchens Göttingen.
Da ist so ein Apartmenthaus, wo auch mal ein Zimmer in Brand gerät und die Feuerwehr zum Einsatz und zum Erfahrungssammeln kommt, ein Ausgleich und Lichtblick. Schön und häßlich, Chaos und Ordnung, Gewohnheit und Überraschung, das greift für mich ineinander, und ich bin dankbar dafür. Manchmal aber keimt auch Verwunderung auf. Nehmen Sie mal das neue Gebäude der Polizeiinspektion. Erlesene Architektur. Wirkt riesig. Aber draußen immer nur zwei Polizisten zu sehen. Der Rest sitzt anscheinen in diesem Bunker. Eine Art von Überpräsidium. Fünfzig Autos davor. Man sitzt dort und verwaltet das Verbrechen. Aufklärungsquote 53 Prozent. Das wird als Positivum dargestellt. Da hab ich gerechnet: Morde werden fast alle aufgeklärt, aber das anderes, Fahrraddiebstähle, Einbrüche, überhaupt nicht, wahrscheinlich.

In „Nördlich der Liebe und südlich des Hasses“der Name Kaspar Hauser oft auf. Woher rührt Ihr Interesse an dieser Person und wie hat sich die Meldung auf Sie ausgewirkt, daß Kaspar Hauser tatsächlich aus dem Hause Baden stammte?

Der Text weist das schon aus, daß Kaspar Hauser schon eine Figur aus meiner Kindheit ist. Das heißt, meine Großmutter hat mir, wahrscheinlich aus der "Gartenlaube", die Geschichte vorgelesen, so wie sie mir auch vorgelesen hat die Geschichte von der bösen Stiefmutter. Immer habe ich Angst gehabt als Kind, meine Mutter zu verlieren, weil die Stiefmutter überhaupt nur böse sein könnte; so war die Geschichte. Und so war das auch einmalig einleuchtend, sowohl die Illustration - die böse Stiefmutter mit dem Stock oder mit einem Reisig - als auch die Geschichte selbst. Die dritte Sache: Entführung von Kindern durch Zigeuner, ganz eindrucksvoll und hoch beängstigend, als ich fünf war. Das heißt, drei Dinge aus der Literatur, aus dem Gedruckten, aus Druckwerken haben mich tief beeindruckt.
Der Kaspar Hauser war der Findling im Kontext, der aus dem Nichts heraus plötzlich da ist, aber das Opfer böser Menschen gewesen ist. Er hat keine Kindheit gehabt, keine Kindheit, die man beschreiben kann, weil man nicht weiß, was mit ihm los war und wo er herkommt und wessen Leute Kind er ist. Das habe ich nie vergessen. Und später habe ich entdeckt, daß es eine Riesenliteratur über diesen Jungen gibt: Tausende und Tausende von Veröffentlichungen, Zeitungsartikel und dann aber auch Bücher, ganze Bücher, weil er ja von Anfang an oder sehr bald nach seinem Auftauchen in das Gewirr der politischen Kräfte und der ideologischen Auseinandersetzungen geriet. Also unendlich viele Bücher, mit denen die eine oder andere Seite ihn in ihren Dienst stellte. Einmal war er der Fürstensohn, und die bösen Fürsten, der eine Zweig des badischen Hauses, hatte ihn sozusagen ausgetauscht, weil der eigene Sprößling die Rolle übernehmen, an seine Stelle treten sollte; dann aber auch wiederum Kräfte in Nürnberg, in der Stadt, in der er zuerst aufgetaucht war, die ihr Eigenes bezweckten mit ihm. Teils waren das Rollen der Eitelkeit, der Selbsterhöhung, ganz verschiedene Dinge. Und dann die politischen Flüchtlinge im Exil, in Paris und in der Schweiz, die Veröffentlichungen gegen die Fürsten schrieben im Zusammenhang mit Kaspar Hauser. All das hat mich ungeheuer gefesselt. Eigentlich tut's das bis heute.
Ich bin aber mehr Kriminalist, weniger Ideologe. Ich habe mir die Geschichte sehr genau angekuckt, wie man das so macht, wenn man nicht Kriminalbeamter oder Richter ist, sondern nur Interessent, Liebhaber der Frage: Was ist hier los. Dann versucht man auch, in sich hineinzuhören und auf die Faktenlage zu antworten. Und da habe ich eigentlich immer gefunden, daß Karlsruhe und der Hof dort für mich eigentlich uninteressant war. Ich habe das nicht geglaubt, daß er von dort kommt, sondern ich habe das Rätsel der Geschichte zum Teil in seiner Psyche gesehen. Ich habe seinen Tod nicht für einen Mord gehalten, sondern ich habe das für eine mißglückte Vortäuschung eines Attentates gehalten: eventuell das Messer gegen einen Baum gedrückt und zu tief reingeschoben. Man muß erst die oberen Schichten der Haut öffnen. Aber dann könnte es sein, daß das Messer ziemlich schnell eindringt. Insofern hat mich bestätigt, als der Spiegel vor ein paar Jahren ein DNA-Gutachten in Auftrag gegeben hat, und sich herausstellte: Die Verwandtschaft mit dem Fürstenhaus war offensichtlich nicht gegeben.
Aber es gibt diese Lager, das eine sind die Hauserianer (das sind seine Anhänger, die seine allerhöchste Geburt behaupten), das andere die Anti-Hauserianer (die Zweifel haben). Die Anti-Hauserianer bezeichnen sich natürlich nicht als Anti-Hauserianer. Es sind die Hauserianer, die die Skeptiker als Anti-Hauserianer bezeichnen. Das klingt ja fast wie Antisemit, oder Antikommunist, und ist irgendwie negativ besetzt... Zu denen habe ich nicht gehört. Die Hauserianer haben jetzt gesagt: Das DNA-Gutachten spielt überhaupt keine Rolle, weil irgendwas daran falsch ist. Ich kenne die Argumentation jetzt nicht, aber in meinen Augen ist es auf die Spitze getrieben, und für mich steht's eigentlich fest.
Dennoch ist es doch sehr merkwürdig, daß zu einer Zeit, als Goethe schon hochbetagt war, kurz vor seinem Tod, ein Findling auftritt, in den damaligen Medien, soweit sie damals vorhanden waren, sozusagen erwähnt und geschildert wird, und nicht herauskommt, woher der stammt. Das ist schon sehr seltsam und läßt doch Schlüsse zu auf die öffentliche Durchdringung des Landes. Da gab es Landgemeinden, da war kaum ein kultivierter Mensch hingekommen. Ich übertreibe es jetzt, aber: Es gab sehr abgelegene Gemeinden, in denen es auch sehr viele Kinder gab. Wenn man wie heute ein, zwei Kinder hat, ist schon mehr als eine Katastrophe, wenn da eines verschwindet. Bei zehn Kindern ist eben einer verschwunden, der andere ist nach Amerika ausgewandert, ist letzten Endes auch verschwunden, und einer ist auf der Wanderschaft als Handwerksbursche krank geworden und dann gestorben. Da kam dann ein Brief, mehr nicht. Da ist doch nie jemand von der Familie hingefahren an das Grab, wenn's das überhaupt gab.
Es ist eine kleine partielle Beschreibung der deutschen Zustände, daß es nicht herausgekommen ist, woher Kaspar Hauser stammt. Es hat zwanzig Jahre später einen Falle gegeben, da hieß es dann in der "Gartenlaube": "ein weiblicher Kaspar Hauser" (man hat das dann gleich fortgeschrieben). Da ist aber nach zwei Jahren offenbar geworden, daß sie irgendwie aus dem österreichisch-ungarischen Grenzgebiet kam. Da stellt sich heraus, daß die sich nur als stumm dargestellt hatte. Sie hatte einfach sich geweigert zu sprechen. Aber es zeigte sich, daß sie sehr wohl sprechen konnte; das war ein Schutz gegenüber den Behörden: ‚Ich kann nicht sagen, wer ich bin usw. Ich kann auch nicht schreiben.' Da ist der Nachforschung erst mal eine Grenze gesetzt, dann müssen sie mich ernähren in Hanau, darum ging's ja wahrscheinlich.

Wir haben eine Reihe von Gedichten gehört, und besonders im Band "Frohburg" gibt es eine Menge von Bildern, kolorierte Federzeichnungen. Stammen die Bilder alle von Ihnen?

Ja, von mir, und zwar zum Teil "aus dem Handgelenk", zum Teil nach Skizzen vor Ort, im Notfall auch nach Fotos... Mein Messer, die Mappe (das hier ist eine von den Mappen, wie ich sie benutze), die habe ich einfach hingelegt und genau anzusehen versucht: wie laufen die Linien. Wie sind die Tönungen und Schattierungen...
Ich habe ein Verhältnis zur Federspitze, mit der ich zeichne... Aber ich habe das Zeichnen nicht gelernt, und ich bin nicht geübt. Aber ich habe mir gesagt: wenn ich das Messer auf einen Stoß von Büchern lege, aufgeklappt, dann müßte ich doch in der Lage sein, das muß doch irgendwie gehen, daß ich die Perspektive, die Perspektive des Messers, die das Messer so erscheinen läßt, wie ich es sehe, daß ich das auf das Blatt Papier übertrage, im Ausschnitt und in der Perspektive. Das muß doch gelingen! Und es ist beim ersten Anlauf gelungen. "Meine Sicht der Dinge". Das war eine Art optimistischer Glaube, wenn ich so sagen darf.

In Ihren Gedichten - besonders in "Brennglas" und in "Auf beiden Seiten der Donau" - nehmen Sie offensichtlich Bezug auf Erlebnisse, die Sie früher gehabt haben, und Sie haben auch auf hoher Ebene Ihre eigenen Erlebnisse in Zusammenhang mit politischem Geschehen gesehen. Haben Sie damals, als Jugendlicher, diese Erlebnisse wirklich für sich selbst so präsent empfunden?

Wenn ich heute mit Altersgenossen spreche, die zur gleichen Zeit in Frohburg aufgewachsen sind - wie ich - und wir sprechen über zeitgeschichtliche Dinge, dann heißt es oft: "Ja, das hab ich gar nicht so mitgekriegt, damals." Das ist bei mir anders. Ich bin schon als Junge - ich will nicht sagen als Kind, aber als Zwölfjähriger spätestens - politisch sehr interessiert gewesen. Und daher kommt die Verbindung zwischen Privatleben und öffentlichen Zuständen, das heißt Politik. Das schreibt sich aus meiner Biographie her. Ich kann mich erinnern, daß ich mit meiner Mutter '53 und in den folgenden Jahren - solange ich noch in Frohburg war - abends öfter BBC gehört habe, die deutschsprachigen Sendungen. Das Programm kam aus London - vielleicht war auf dem Kontinent noch ein Sender - aber das wurde in London hergestellt. Sehr oft von Emigranten. Das waren Einschätzungen und Nachrichten, die in engstem Zusammenhang mit unseren alltäglichen Erfahrungen in der DDR standen. Lebensmittelkarten, politische Indoktrinierung, Druck, den man kriegte, Spitzelwesen und so weiter und so fort.
Und dann '56 der Ungarnaufstand. Den habe ich am Radio, als Radiohörer unmittelbar miterlebt - gefiltert übers Wort. Das hat mich sehr bewegt und interessiert. Ich habe auch sofort gemerkt, daß in der Schule die Lehrer, die zu Druck neigten und die politisch 'hundertfünfzigprozent' genannt wurden, in den Tagen, als der Aufstand noch nicht niedergeschlagen worden war, sehr zurückhaltend auftraten, daß sie plötzlich einen anderen, gemäßigteren Ton anschlugen. Als der Aufstand dann niedergewalzt und zusammengeschossen war, mit einem riesigen Blutbad am Ende, waren die alten Zustände wiedergekehrt. Die Lehrer hatten ihren alten Ton wieder, der Parteisekretär, der Schulleiter und diese Leute. Das ist unmittelbar Erinnerung. In meinem Gedichtband "Ich hörte den Namen Jessenin" ist ein kurzer Text, Prosatext enthalten, der im Grunde genommen über meine erste Berührung mit Literatur unterrichtet; da steht, daß ich am 17. Juni '53 - ich war gerade zwölf geworden - in mein Kalendarium einen Eintrag gemacht habe: Arbeiteraufstand in der DDR, d. h. um mich herum gewaltsame Unterdrückung oder ähnliches; der Eintrag ist im Band zitiert. Diesen Eintrag habe ich heute noch. Und als ich den autobiographischen Text zum ersten Mal in der Frankfurter Rundschau veröffentlicht habe, wurde auch das Faksimile dieses Tagebucheintrags angedruckt. Am Ende. Vielleicht war das mein erstes Gedicht, dieser Eintrag. Knapp. Ohne jede Ambition. Aber auf der Suche nach einigermaßen Genauigkeit.

Vielen Dank!

Darf ich noch etwas sagen? Als ich für Sie die Manuskripte durchgesehen habe, ist mir aufgefallen, daß zu den Gedichten, die in dem Band "Die Illusion des Unglücks" gestanden haben, sehr viel mehr Fassungen vorliegen, bis zu dreißig handschriftliche Blätter, als im Material zu späteren Bänden. Warum. Ich vermute, bei den Gedichten "Frohburg", die etwas kürzer sind - und das würde schon mit sich bringen, daß man in der Regel weniger Fassungen hat - ist die beschränkte Menge an Fassungen - manchmal nur zwei - darauf zurückzuführen, daß die Themen dort Themen sind, die mich durch viele Jahre bildhaft begleitet haben. Als Sujets und Motive, die in meinen Erinnerungshaushalt gehörten, all die Zeit. Deswegen gibt es von manchen der Gedichte nur zwei Fassungen, eine handschriftliche und eine Maschinenschrift, mehr nicht.

Ihre Bücher sind ja auch sehr persönlich, sehr subjektiv. Sie schreiben sehr aus sich selbst heraus. Ist Ihnen das nicht manchmal unangenehm, so viel von Ihrem eigenen Denken veröffentlicht zu sehen?

Wenn Sie "Anna Karenina" lesen oder "Krieg und Frieden": Da ist viel von Tolstois Lebenssituation drin, und der Kundige weiß das natürlich auch, obwohl Tolstoi nicht "ich" sagt. Es ist nicht selten, es ist eher häufig, daß der Autor Teile seiner Lebensumwelt, mit der er ja besser umgehen kann, die er ja besser versteht als die fremden, in die Bücher einbringt. Das tue ich auch. Aber es gibt da eine Grenze. Sicher, man kann sich restlos offenbaren. Man kann die allergeheimsten Dinge, die man vor sich selbst kaum formuliert, als Erkenntnis oder als Bild oder als Satz, die könnte man reinbringen. Man würde da auch einen Verblüffungseffekt erzeugen, und mich würde das sehr interessieren. Es gibt auch Beispiele, daß ein Autor sich so offenbart hat. Aber bei mir geht das in zwei Stufen vor sich. Dabei kontrolliere ich schon. Es gibt Geheimaufzeichnungen von mir, etwa zur Erotik, die würde ich nicht drucken lassen, jedenfalls nicht ohne weiteres (lacht), aber es macht trotzdem Spaß, ja es ist für mich wichtig, sie zu Papier zu bringen, weil es ja auch ein Verdeutlichungsprozeß ist. Oder... wie soll ich sagen: nicht eine Therapie, aber eine Therapiespielerei vielleicht. Freud hat ja die eigenen Träume analysiert. Das mache ich hin und wieder auch, aber die Notizen lasse ich nicht drucken. Das steht dann eventuell in Handschrift in bestimmten Büchern drin, vorn auf den Vorsätzen.
Ich habe außerdem ganze Konvolute, das sind Notizen zu meiner Kindheit und Jugend, die ganz getrennt von den literarischen, von den Buchzusammenhängen, von der Entstehung oder den Vorläufern eines Buches aufbewahrt werden: meine Geheimaufzeichnungen halt. Da sind auch peinlichere Dinge beschrieben, die ich erlebt habe. Das bleibt ja nicht aus, daß man dergleichen erlebt hat, wo man sich entblößt, ertappt, entlarvt fühlt. Ich liebe diese Seiten und Blätter mit dem komplettierten Selbstbild. Das gehört zu mir. Das ist meine Geschichte. Ich "liebe" sogar die Leute, die mich gekränkt, in der Würde tangiert, sogar mißhandelt haben. Auch sie sind Teile meiner Geschichte... Ich nehme diese eigene Geschichte an; ich habe da wenig Ressentiment und Unzufriedenheit, sondern ich bin so sehr sammelnder Autor, mit Leib und Seele Schreibender, daß ich sagen: Das ist doch alles Teil meiner Geschichte! Gott sei Dank habe ich das erlebt. Sonst hätte ich vielleicht nichts zu erzählen. Hans Mayer hat mal zu mir gesagt: Wissen Sie, das ist ja offensichtlich... die Autoren aus dem Westen haben fast nichts zu erzählen, weil sie nichts erlebt haben. Wir aus dem Osten haben ja viel erlebt - im Osten selbst, den Druck und all diese Geschichten, aber auch den Aufbruch, und dann die Veränderungen von Ost nach West. Das ist ja auch ein Schnitt, ein Schritt." Ich sehe das ein bißchen ähnlich.

Sind es also immer Sie, der aus den Büchern, aus den Prosatexten oder den Gedichten spricht oder stellen Sie da ruhig auch mal eine Position dar, die Sie vielleicht nicht so vertreten? Will heißen, daß man das Leben manchmal recht negativ dargestellt findet in Ihren Büchern. Ist das jetzt Ihre persönliche Auffassung, die Sie eins zu eins niedergeschrieben haben, oder haben Sie da durchaus eine andere persönliche Auffassung?

Dazu kann man verschiedene Antworten geben, die alle zusammen meinen Standpunkt verdeutlichen. Auf der einen Seite bin ich natürlich kein Terrorist, wie Eduard das sein möchte, und kein Mörder, wie Eduard das dann wird. Aber ist stehe dem Bereich der Gewalt nicht so restlos ahnungslos gegenüber - verstehe allerdings mehr von der Wunschvorstellung der großen Liebe. Nach den Terroranschlägen in New York, als die beiden Türme da in sich zusammengesackt sind, habe ich zum Beispiel geträumt, daß ich im Flugzeug stehe, hinter den Piloten, den gekidnappten, und ich wäre der Kommandant der Entführung, sozusagen der Untäter, der Selbstmörder, der das Ganze da reinlenkt, also der Befehlshaber. Das habe ich geträumt, in der Tat. Furchtbar, nicht wahr? Aber solche Dinge elektrisieren mich dann auch morgens beim Frühstück: "Mein Gott, was hast du da geträumt! Man kann's kaum aufschreiben!" Man wagt's überhaupt kaum jemandem zu geben. Man ist selbst höchst befremdet. Aber andererseits war ich begeistert. Und ich habe das so geträumt, daß ich das wummernde Flugzeug unter meinen Fußsohlen gespürt habe, dieses pfeilschnelle gewaltige Rumpeln in die Katastrophe rein. Das war unglaublich, dieser Traum. Und dazu kommt noch: Es gibt so einen Spruch: "Ein Schuster, der immer seine Schuhe macht und einig mit seiner Frau lebt - was ist der von Interesse für die Literatur?" Gar nicht! Noch nicht mal fürs Fernsehen: kann man keinen "Tatort" draus machen. Wenn der immer nur brav seine Schuhe hämmert und sich von seinem Konkurrenten vielleicht noch sang- und klanglos ruinieren läßt, das gibt nichts her. Wenn er aber der Hammer nimmt und den Konkurrenten oder seine Frau totschlägt, ja dann ist er ein Thema für die Bildzeitung - und vielleicht auch für den "Tatort" - und eventuell für Vesper. Im Alltag dagegen bin ich ein eher fröhlicher Zeitgenosse. Und die sogenannten leichten Zeiten, die Glücksmomente sind mir sehr lieb. Sonst wäre ich auch kein Sammler ("von Büchern und Menschen"). Aber Schreiben heißt für mich Vorstoßversuch in Richtung Kern. Und der Kern sieht ernst aus und hat eine gnadenlose Tönung.

Herr Vesper, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

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