Gedichte

Hier präsentieren wir Ihnen eine kleine Auswahl von Gedichten Guntram Vesper mit einem biographischen Bezug.

Auf beiden Seiten der Donau

Die Postenflüge der Krähen
über den kahlen Bäumen des Kirchplatzes
im November sechsundfünfzig kann ich
nicht vergessen

das ungarische Krächzen.

Und jede Haustür, die
ins Schloß fiel
klang wie ein Schuß.

Wir versuchten, einander
von den Augen zu lesen:
leben sie noch.

Nein, sie sind tot
schon nach einer
Woche.


   Guntram Vesper liest "Auf beiden Seiten der Donau"

Über die Entstehung von "Auf beiden Seiten der Donau".



Brennglas

Das ganze Jahr zweiundfünfzig ein
einziger Blick in die Ferne

Die entlarvten Juden von Prag
Rosenbergs in der
Todeszelle Singsing
und über Korea streute Ridgway
die Pest aus.

Dann, im Advent
stürzte der Sohn des Gastwirts
aus dem vereisten Baum

und schlug vor mir
aufs Pflaster, der erste
wirkliche Tote.


   Guntram Vesper liest "Brennglas"

Erläuterungen zu "Brennglas".



November siebenundfünfzig

Beim Abendbrot hieß es, morgen
gehen wir weg.

Ich packte die Tasche: Messer
Tagebuch, Uhr

der Rest blieb zurück, meine Freunde
wußten von nichts.

Am Nachmittag Potsdam, in Steglitz
raus aus der Bahn
die andere Hälfte der Frontstadt, das andere
Leben blinkten
wie Eis.


   Guntram Vesper liest "November siebenundfünfzig"

Über die Flucht von Vesper aus der DDR können sie auch etwas aus seinem Hörspiel erfahren.



Bartholomäusfriedhof

Ich lese mich
durch das Gehölz: Bürger, Lichtenberg
die Fäulnis wurde
geduldig ertragen.
Hinter mir kommen
zögernd die Krähen
sie prüfen die Erde
mit rostigem Schnabel:
ausreichend Ruhe, genügend Vergessen


   Guntram Vesper liest "Bartholomäusfriedhof"

Erläuterung zu "Bartholomäusfriedhof"



Kunstvolle Beschreibung

Beschreibe ich mein Haus
beschreibe ich nicht die Stadt

was ich sage
ist nicht öffentlich
was ich öffentlich sage
nicht ehrlich.

Beschreibe ich die Stadt
beschreibe ich nicht mein Haus.


   Guntram Vesper liest "Kunstvolle Beschreibung"



Landmeer

Wir dürfen unser
Leben
nicht beschreiben, wie wir es
gelebt haben
sondern müssen es
so leben
wie wir es erzählen werden:
Mitleid
Trauer und Empörung.


   Guntram Vesper liest "Landmeer"

   Guntram Vesper kommentiert die Bilder in den Gedichtbänden

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