Gang durch Geismar

Simon Hanusch

Die kühle Luft schlägt mir ins Gesicht, doch die Sonnenstrahlen werden von Tag zu Tag kräftiger. Am tiefblauen Himmel sind bis auf ein paar Kondensstreifen von den zahlreichen Flugzeugen keine Wolken zu sehen. Ohne einen Blick auf den Kalender zu werfen bemerkt man sofort, dass morgen Strauchabfuhr ist: Vertrocknete Zweige und Baumstümpfe türmen sich hoch auf den Gehwegen. Unsere neu eingezogenen Nachbarn sind so emsig bei der Sache, als wollten sie die Versäumnisse sämtlicher Vorgänger in einer Woche wettmachen. Eine Straße weiter begegnet mir Frau Hahn. Sie wohnt alleine in einem Reihenhaus, Ende der Sechziger erbaut, ihr Mann ist schon lange tot, die Kinder alle aus dem Haus. Auf ihren täglichen Erkundungstouren durch unser Wohnviertel entgeht nichts ihren wachsamen Augen. Kein Tratsch, den sie nicht schon gehört hat. "Das Wetter war auch schon mal besser", stöhnt sie, "ewig ist es so kalt. Die ganzen Erdbeeren sind erfroren" und kratzt mit der Schneeschippe das schmelzende Eis zusammen. Es ist schon nicht einfach alt zu werden, besonders wenn man alleine ist. Ich gehe weiter. Links sehe ich die große Apfelplantage. Früher haben wir dort für unsere Hasen Löwenzahn und Gras geholt. Im Herbst konnte man mit dem Fallobst Weitwurf üben. Nur von den Bienenstöcken musste man sich fernhalten. Alles aus biologischem Anbau. Regelmäßig bringt uns der Landwirt Kisten von seinem Saft nach Hause. Plötzlich kläfft ein Hund. "Der tut niemandem etwas, er ist nur unheimlich liebebedürftig." Ich nicke verständnisvoll. "Sie müssen wissen, ich habe ihn in Seesen aus dem Tierheim", erklärt sie. "500 DM, aber die übrigen Tiere wollen ja auch unterhalten sein." Der Dackel bellt erneut. "Wenn du nicht sofort still bist, dann..." Ängstlich duckt er sich. "Du bist ein Dummerchen! Als ich dort hinkam, wollte ich einen anhänglichen treuen Hund. Die Pflegerin sagte: Dann machen sie mal den Kofferraum auf. Er kam angesaust sprang hinein und wir haben uns bis heute nicht mehr getrennt." Vermutlich würde sie noch Stunden so weitererzählen, immer wieder ihren Hund ermahnend die Schnauze zu halten, doch ich muss weiter. Linker Hand liegt das Überlaufbecken des kleinen Baches der ins Tal fließt. Die grasbewachsenen Hänge sind ganz abgewetzt. Wenn Schnee liegt, ist es das Zillertal von Geismar. Jedes Kind, das einen Schlitten hat, tobt sich nach der Schule hier aus. In seinem Garten seht ich meinen alten Sportlehrer werkeln. "Morgen ist Strauchabfuhr und die beginnen heute schon mit dem großen Reinemachen", schimpft er auf die vorbeifahrende Kehrmaschine. Wir unterhalten uns kurz über Fussball und die Schule. "Nein, das Feilchen in meinem Gesicht stammt vom letzten Spiel", erkläre ich ihm.

Nach einigen Schritten überschreite ich eine für Normalbürger vor zehn, fünfzehn Jahren noch unüberwindbare Grenze: Das ehemalige Kasernengelände. Zwei Pfeiler, etwas Zaun und die Namengebung der Straßen erinnern noch daran. Erstaunlich, was sich nach '89 alles geändert hat. Kürzlich wurden zwei neue Supermärkte eröffnet -halt, die heißen ja neuerdings Diskounter-, Häuserblocks und Spielplätze wurden errichtet. Auf dem Sportgelände der Kaserne hat ein junger Verein sein neues Zuhause gefunden, in einer alten Panzergarage können Jugendliche jetzt Skateboard und Inliner fahren. Abends sieht man die hohen Häuserblocks hell erleuchtet. Im Parteere kann man den Leuten beim Abendessen zusehen, aber dafür brauchen sie auch keine Treppen zu steigen. Hinter einem Fenster erkennt man ein heilloses Durcheinander: Der alte Herr kann sich nicht organisieren, raunt man mir zu. Dafür schreibe er Beschwerdebriefe an zahlreiche Ämter und Stationen, in denen er seinem Ärger über die Pflegedienste Luft mache. Er fühle sich ausgebeutet vom Personal, dabei machen die doch auch nur ihren Job. Viele ehemalige Kasernenblocks sind dunkel und verfallen. In andere wurden die Asylanten verfrachtet. Oft sieht man die gebückten alten Frauen mit ihren Plastiktüten durch die Straßen ziehen, die Kinder findet man oft auf dem Bolzplatz. Ihre früheren Wohnblocks in der Merkelstraße, wegen ihrer Flexibilität erst vor kurzem mehrfach ausgezeichnet, fielen der Abrissbirne zum Opfer. Aufgrund der teuren Lage, sagen viele. Direkt am Ostviertel wurden nun vier, die Straße einengende Parkvillen errichtet. Früher war dort die Stadtgärtnerei. An das rote Backsteinhaus und die vielen kleinen Pflänzchen erinnere ich mich noch gut. Doch diese Idylle war wegen der großen Haushaltslöcher nicht mehr zu halten und musste schließlich den billigeren Blumentransporten aus Holland weichen. Über den Dächern Göttingens heißen die Neubauten kurz vor dem Wald am Ende der Barbara-Straße, die Sängerin welche unsere Stadt mit ihrem Chanson weltberühmt machte. Die Eigentumswohnung ist hier ab zweihundertfünfzigtausend Euro zu erwerben. Vielleicht ist das der Grund, warum weite Flächen noch unbebaut sind. Einige Blocks weiter unten muss einst Guntram Vesper gewohnt haben: Am oberen Ende des Mittelbergs. Ob er wohl auch einst hier gestanden hat, oder hat ihm die Angst jegliche Wahrnehmung von Schönem verhindert?

Mein Blick schweift über das Tal. Zahllose Lichter in verschiedenen Farben leuchten, blinken und verschwinden wieder. Auf der A 7 ist Stau. Die Leuchtpünktchenkette bewegt sich mir nach unmerklich. Grund dafür ist der Bau der neuen Eichsfeld-Autobahn, welche den Naturschützern Sorgen bereitet. Tagsüber kann man vom Solling bis zum Hohen Meißner blicken. Die Straße nach Jühnde schlängelt sich in einem langgezogenem S den Berg hinauf. Wie klein doch alles von hier oben erscheint! Das graue, in seiner Form nicht sehr sympathische Neue Rathaus, eine Bausünde unserer Zeit, die Johannis- und die Jakobikirche ragen aus dem Meer von Dächern heraus. Kaum zu glauben, dass es erst kürzlich zur Debatte stand die sanierungsbedürftigen Türme der Johanniskirche wegen Geldmangels abzureißen. Doch so weit über der Leine scheinen diese Alltagssorgen ihr Gewicht zu verlieren.

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