Topographie

Philipp Schmale

Altes

Göttingen. Universitätsstadt seit 1737. Seit 1905 befinden sich die physikalischen Institute in der Bunsenstrasse. Gleich nebenan das mathematische Institut. Beides keine fünf Minuten von der Schule entfernt. Darin hohe Gänge, alt wirkende Hörsäle. Eine Bibliothek mit gusseisernem Geländer auf der Balustrade. Verstaubte, nach altem Papier duftende mathematische Abhandlungen. Dann den Gang entlang zur Ausstellung. Alte Zirkel, erste Rechenmaschinen. Daneben Modelle der Kleinschen Flasche, von dreidimensionalen Funktionen, vierdimensionalen Körpern. Die Erzählung eines Professors, wie nach 1933 viele derjenigen, die mit ihm studierten, die Türen der Hörsäle, die auch heute noch in Betrieb sind, für ihre jüdischen Mitstudenten blockierten. Von schwachem Licht bestrahlt, stehen im Keller des physikalischen Institutes historische Apparaturen. Einige aus dem Besitz Lichtenbergs, andere vielleicht älter. Viele davon sind noch funktionstüchtig. Ein Kegel, der bergauf rollt, alte Elektroskope, die Vakuumpumpe Lichtenbergs. Bald werden die Neubauten fertig sein, die die naturwissenschaftlichen Fakultäten an einem Platz versammeln sollen. Wird in den riesigen Betonbauten noch die angenehme, gemütliche Atmosphäre der alten Bauten zu finden sein. Oder beherrschen zwar hochmoderne, aber aus kaltem Metall gefertigte, mit grellem, chemischem Lack bestrichene Geräte mit Plastik- statt Holzgriffen das Bild, wie es schon jetzt in den Gebäuden der DLR der Fall ist. Hoffentlich nicht.


Drumherum

Göttingen ist zwar noch relativ angenehm, die vielen jungen Leute - Studenten - tragen zu einer guten Stimmung bei; im Allgemeinen sind Städte jedoch eher abstoßende Objekte. Die schönen Ecken liegen außerhalb der Stadt.

Von meinem Zimmerfenster aus kann ich die Warte in Richtung Göttingen sehen. Daneben die Windräder bei der alten Müllkippe. Bei Wind ein guter Platz um den Drachen steigen zu lassen. Dann die Wälder. Im Süden der Reinhäuser Forst. Steile Hänge, bedeckt mit riesigen Bärlauchteppichen. Im Winter gibt es einige schnelle Schlittenstrecken. Manchmal findet man ein klares Gipskristall. An einigen Stellen wachsen Orchideen, wie auch auf dem Trockenrasen auf der Seite nach Reinhausen hin. Vor ein paar Jahren gab es einen Fuchsbau, vor dem man, wenn man sich leise genug anschlich, kleine Füchse beobachten konnte. Im Jahr darauf waren Waldarbeiten am Gange, die Füchse haben sich einen anderen Bau gesucht. Auf der anderen Seite, im Norden, der Stadtwald. Nicht so stark zerklüftet wie der Reinhäuser Forst. Im Frühjahr ist der Boden bunt von Leberblümchen, gelben und weißen Buschwindröschen. Später einige Schlüsselblumen. Von dem kleinen Steinbruch über dem Nachbardorf geht es entweder auf dem Hügelrücken auf Pfaden durch das Laub, oder im Tal auf geschotterten Wegen zur freien Hochfläche. Auf dem ehemaligen Übungsplatz werden nun Schafe gehütet, ruft der Wendehals im Wald und brütet der Neuntöter. Die großen, alten Bäume am Rand mit ihren Rissen und Spechthöhlen sind ideal für Fledermäuse. Zum Glück ist dieses Gebiet, nachdem die Soldaten weg waren, nicht zum Golfplatz geworden, wurde nicht aufgeforstet. Nordwestlich dann das Wildgehege und bald darauf die Wiese, auf der es vor Jahren gebrannt hat. Die ganze Wiese eine schwarze Ebene. Eine andere Wiese mit Quelle und Teich. Das Wasser so klar, dass es genießbar ist. Waldfreizeit. Im Osten die Abbruchkante vom Kalk- zum Sandstein. Hier gibt es eine Anlage des Stadtforstamtes, auf der vor einigen Jahren ein kleines Wildschwein herangezogen wurde. Ein Dackel biss ihm ein Ohr ab, worauf es bösartig und gefährlich wurde. An der Abbruchkante steht ein Turm, von dem man einen weiten Blick ins Land hat. Bei klarem Wetter kann man den Seeburger See erkennen. Ein breiter Schilfgürtel, glänzend in der Sonne. Zahlreiche Wasservögel. Paddeln und Schwimmen im Sommer. Nebenan der Lutteranger. Auf aus dem Wasser ragenden Baumstümpfen brüten unzählige Möwen. Gekreische in der Luft. Auf der Wiese ein Schwarm Graugänse. Obwohl ich gerne unterwegs bin, hat die Gegend in der unmittelbaren Umgebung immer wieder Anziehungskraft.


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