Sieben Minuten zu früh

Moritz Heil

Ein Donnerstagabend, irgendwann im Spätherbst. Wieder habe ich mich verschätzt und bin zu früh beim Training. Die Halle ist leer, die anderen kommen immer erst zu spät.
6 Zahlen öffnen mir die Tür ins warme, hinaus aus dem Regen. Jetzt stehe ich im gemütlichen Vorraum mit den Pinwänden, die ich inzwischen auswendig kenne. Und den gepolsterten Stühlen, von denen mir der rechts in der Mitte am besten gefällt. An den Pinwänden die Tabellen, Zeugen vergangener Spiele. Verlorener Spiele. Aber auch Gewonnener. Die Erinnerung an beide bleibt. Die Erinnerung an Erfolge und Niederlagen, auch persönliche. Wie viele Spiele habe ich schon vermasselt. Habe ich schon eins gewonnen. Ja, auch das. Eins. Oder zwei. Dagegen die vielen Niederlagen.
Fünf Schritte, ich stehe in der dunklen Halle. Man sieht nur Umrisse, hört nur den Regen, weit oben gegen das Aludach.
Neun Jahre jetzt. Am Anfang kam ich nicht ans Netz, inzwischen schaffe ich es leicht an den Ring zu springen. Aber wie viele Punkte haben meine Gegenspieler gemacht. Wie oft wurde ich, beim Versuch selber einen Punkt zu machen, geblockt. Danach das Seufzen und die unversteckten Gedanken der Mitspieler. Da klappt auch der Korbleger nicht. Die Angst vor dem Pfiff. Man kämpft. Man kämpft wirklich. Es hilft nicht, der Pfiff kommt, Spielerwechsel. Das war es erstmal. Mehr Zeit zum Zweifeln.
Die Gedanken drehen sich im Kreis. Ich kann es einfach nicht.
Aber da ist der Ausgang. Habe ich schon eins gewonnen? Ja, auch das. Erinnerungen führen zu Hoffnungen. Das könnte sich doch wiederholen. Ja, könnte es. Dafür aber dranbleiben. Das wäre es wert, ein anerkennender Schulterklopfer von einem Teamkameraden. Ein "starkes Spiel" vom Trainer. Ein erfolgreicher Block oder ein Steal. Darauf das Klatschen und die Zurufe der Bank. Dann vielleicht auch noch einen Korbleger. Verzweiflungsfoul des Gegners. Noch die Freiwürfe. Zusprüche von den Mitspielern, Pfiffe vom Gegner. Eine Weile beschweren sich die Gegner noch bei den Schiedsrichtern, dann wird es ruhig. Meine Folge, ein einfaches links-rechts-links (jetzt kommt das "Telefon!" eines lustigen Gegners von der Bank, dann der Abwurf. Swusch. Der saß. Das kann ich. Wieder Applaus und zwei Schulterklopfer.
Den Stolz bloß nicht anmerken lassen. Basketball ist ein cooler Sport. Gleich zurück in die Defence.
Inzwischen liege ich auf der blauen Weichboden Matte, auf der schon hunderte andere verschwitzte Sportler lagen. Ein wohliges Gefühl im Bauch. Ja, dafür werde ich weiter spielen. Verlieren. Und gewinnen. Was ist schon das eine ohne das andere?
Klack- klack, das Licht geht an. Vergessen die Erinnerungen. Noch schnell so tun als ob ich geschlafen hätte. Kommt cooler als emotionales Herumphilosophieren.
Langsam aufrappeln, einen Ball nehmen. Den Traum real werden lassen. Mit dem Erfolg vor Augen die Niederlagen ertragen.
Und so weiter.

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