Das andere Göttingen

Michael Zahnow

Meine Schritte führen mich fort von der Schule. Eigentlich hätte ich jetzt Unterricht. Doch ich empfinde mein Fehlen als entschuldigt - oder schleiche ich fort wie ein Dieb nur um meine Meinung zum Ausdruck zu bringen? Ab und zu werfe ich einen Blick auf andere Schülergruppe an denen ich vorbei komme. Haben sie das gleiche Ziel? Vielleicht, wer weiß das schon. Ich bahne mir meinen weg durch die Innenstadt und schon von weiten kann ich sie hören - Trillerpfeifen und lautes Rufen. Als ich um die Ecke biege ist der Markt voll von jungen Menschen. Mit Schildern und Transparenten haben sie sich um das Gänseliesel versammelt - ein bunter Haufen -, Diverse Linke, solche denen man es nicht ansieht, Punks , Gothics, die Jugend Antifa.
Gerade verklingen die Worte eines Redners, der sich mit einem Megaphon Gehör verschafft hatte und neben mir höre ich einen Witz über das Redetalent der AJGler.
Und schon taucht das erste bekannte Gesicht in der Menge auf. Es soll heut nicht das letzte bleiben. Ich dränge mich von Gruppe zu Gruppe und Grüße jeden den ich kenne. Ein bischen macht sich das Gefühl von Familie breit. Ironisch oder nicht, aber warum muß erst etwas fürchterliches passieren, damit ich beim Protest gegen das Unrecht mehr Freunde auf einen Haufen treffe als bei meinem eigenen Geburtstag.
Laute Protest und Empörungsrufe ertönen überall in der Menge ,als der nächste Redner berichtet, daß FKG habe ihre Schüler daran gehindert die Schule zu verlassen und zur Demo zukommen. Fragende Blicke schauen mich an. "Was ist denn da passiert?" und "Wie bist du denn dann rausgekommen?" Doch ich kann nur mit den Schultern zucken "Ich muß wohl rechtzeitig gegangen sein."
Noch einige Redner machen ihrer Empörung Luft. Dann wird kurz die Strecke erläutert und nun beginnt der eigentliche Demozug. Langsam und scheinbar ohne jede Ordnung setzt sich die Masse in Bewegung. Die Menschen rufen laut Parolen, machen Krach mit ihren Trillerpfeifen, trommeln, diskutieren angeregt über die Beiträge, sind in andere Themen vertieft oder trotten einfach nur still dahin. Wir laufen zwei, drei Runden durch die Stadt. Doch während man in der Menge steht ist es ein ganz anderes Göttingen. Oft vergesse ich einfach wo ich bin und lasse mich im Strom mitreißen. Selten kann ich später noch genau sagen welchen Weg wir genommen haben. So beschäftigt ist man. Auf unserem Weg besetzen wir noch eine Kreuzung setzen uns gemütlich auf die Straße und ruhen uns aus bis die Polizei Anstalten macht die Kreuzung zu räumen. Auch dann warten wir bis zum letzen Moment und gehen dann nur langsam.
Dann irgendwann folgt eine kurze Abschlusskundgebung und dann ist es zu ende. Die ganze Zeit über waren wir zusammen. Haben gemeinsam die Kraft gespürt die uns die Masse verlieh und haben es genossen, als Individuum zu verschwinden und eins zu werden mit den Anderen. Deshalb verteilt sich die Demo auch nur langsam. Lange noch stehen Leute in Gruppen herum und reden. Andere gehen gemeinsam in Cafés und Kneipen, um zu feiern? Was denn Feiern?
Haben wir denn etwas bewirkt? Haben wir die Leute wachgerüttelt oder mit unseren radikalen Parolen verschreckt? Haben wir ein Zeichen für den Frieden gesetzt oder nur wieder einen Machtkampf mit der Polizei geführt? Haben wir unsere Meinung kundgetan oder allen klar gemacht wie unmündig wir sind?
Eins ist klar, schon morgen ist unserer Schrei verhallt und unser Göttingen ist wieder das Alte.

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