Die Webcam

Lars Wenzel

Göttingen? Eine Ansammlung von alten und neuen Häusern, eine Stadt, die nebenbei völlig verschuldet ist, oder einfach nur Heimat? Für mich ist Göttingen mehr als alle diese Begriffe. Wenn ich das Wort "Göttingen" höre, beginnt sich sofort etwas in meinem Gehirn zu bewegen. Bilder erscheinen vor meinem geistigen Auge, ich höre Stimmen und durch meinen Körper geht ein warmes und wohltuendes Schaudern. Ich denk jeder, der schon einmal für längere Zeit nicht an dem Ort oder in der Stadt war, die er "Zuhause" nennt, kennt dieses Gefühl, bei dem einem fast die Tränen kommen.

Ich selber habe dieses Gefühl intensiv erlebt, als ich ein Jahr in den USA gelebt habe - in Houston, Texas. Mein gesamtes Zimmer war beklebt mit Postern und Bildern aus Göttingen. Ich musste mich an meinem Schreibtisch nur umdrehen und schon stieg diese Sehnsucht in mir auf. Die einzige Möglichkeit für mich, Göttingen zu sehen, war durch diese Webcam. Sie stand in einem Fenster gegenüber von "Juwelier Christ" und blickte die Gronerstraße hinunter. Ich konnte durch diese Webcam nicht viel erkennen und das einzige, was ich sah, waren die hohen Bäume, die Menschen, von denen man aber nicht die Gesichter erkennen konnte, und die Busse, wie sie anhielten, die Leute ausstiegen ließen und wieder weiterfuhren. Obwohl ich also nicht viel erkennen konnte, saß ich manchmal stundenlang vor dem Computer und schaute mir diese eine Straße an. Viele würde sagen: langweilig - weil doch überhaupt nichts passiert und das Bild nur alle 10 Sekunden wechselt. Doch für mich ging es gar nicht darum zu sehen, ob ich vielleicht irgendjemand erkennen würde, den ich kenne. Ich hatte das Gefühl, durch diese Kamera wieder in "meiner" Stadt zu sein und nicht Tausende von Kilometern entfernt.

In Amerika stellte ich mir mehr als einmal vor, wie es sein würde, wieder zu Hause, in Göttingen zu sein: die Jüdenstraße entlang, vorbei an der Jungerschenke und dann hinunter zum Nabel und von dort aus Richtung Altes Rathaus, vorbei an Cron & Lanz, Nordsee, Tonollo, C&A, vorbei auch am Colloseum, wo es so leckeres Eis gibt, direkt auf das Gänseliesel zu, das ich auf so vielen Plakaten in meinem Zimmer hängen hatte. Diese aus irgendeinem schwarzen Metall fabrizierte Figur symbolisiert für mich wie nichts anderes meine Heimatstadt Göttingen. Diese Figur, obwohl sie aus kaltem Metall geschaffen wurde, wurde schon häufiger geküsst als manche warme Wange einer Frau. Manch ein Student, der es geschafft hat, seinen Doktortitel zu erlangen, küsst diese Figur, nachdem er vorher mit seinen Freunden und Verwandten Alkohol trinkend, grölend und lachend durch die Stadt gezogen ist. Diese Ausgelassenheit, Gemeinschaft und Lebenslust findet man überall in Göttingen und besonders überall dort, wo Studenten sind. Göttingen wäre ohne seine Universität und seine Studenten nur irgendeine Provinzstadt im Süden Niedersachsens. Doch die Studenten machen das Leben in Göttingen lebenswert. Göttingen ist eine Stadt voll von alten, aber trotzdem oder gerade deswegen wunderschönen Fachwerkhäusern, aber man hat dennoch das Gefühl, das in dieser Stadt immer irgendetwas Kreatives und Neues passiert und all dieses symbolisiert in irgendeiner Weise das Göttinger Gänseliesel für mich. Aber es stellt für mich auch gleichzeitig den Mittelpunkt Göttingens dar, auch wenn es topographisch dies nicht ist. Hier trifft man sich, hier wird das Eis geschleckt vom Italiener an der Ecke, hier werden die Leute beobachtet, wie sie gehetzt von einem Termin zum nächsten rennen oder wie sie gemütlich durch die Stadt bummeln von einem Geschäft zum anderen, immer auf der Suche nach dem besten Schnäppchen, hier genieße ich es einfach, an dem Ort sein zu können, den man seine Heimat nennt.

In der Zeit vor meinem Rückflug nach Göttingen spürte ich den Drang zurück zukehren so stark, dass ich vergaß, zu bemerken, was ich alles in Houston hatte. Das bemerkte ich erst später; zu spät. Der Rückflug und meine Rückkehr waren wunderschön, doch Göttingen war nicht so, wie ich es in Erinnerung hatte. Die Seifenblase zerplatzte schnell. Ich hatte Göttingen in meinem Auslandsjahr zu einem Idealbild stilisiert. In Amerika erschien mir alles, jedenfalls fast alles, an Göttingen perfekt, die Menschen, die Atmosphäre und mein Leben hier. Aber die Wirklichkeit entsprach dem nicht mehr. Als ich zuerst all das wieder sah, was ich mir seit einem Jahr mir fast täglich in meinem Kopf vorgestellt hatte, war die Euphorie groß und ich genoss diese Momente. Die Straße, die ich täglich durch die Webcam gesehen hatte, war nichts weiter als eine ganz normale Straße mit Bäumen und Menschen, die hektisch durch die Straßen laufen. Die Webcam, die eigentlich im zweiten Stock in einem der Fenster stehen sollte, sah ich von der Straße aus nicht. Anstatt mich zu freuen, endlich nun dort zu sein, wo ich ein Jahr lang hin wollte, verspürte ich den Wunsch, wieder auf der anderen Seite der Webcam zu sein, vor dem Computer und mich darauf zu freuen, eines Tages dort auf der Straße zu stehen und nicht mehr nur alles, durch eine Kamera zu sehen. Nur das Gänseliesel war immer noch so, wie ich es in Erinnerung hatte.

[<< Vorheriger Text] [Textübersicht] [Nächster Text >>]


Zur Person: [Biographie] [Fotos/Bilder] [Interview]
Werke: [Hörspiel] [Gedichte] [Erzählung] [Film]
"Nördlich..." [Einleitung] [Kapitel] [Rezensionen] [60er Jahre] [70er Jahre] ["Pitaval"]
Variationen: [Unsere Texte]
Projekt: [Impressum]