Bilder im Nebel

Konrad Jahn

Menschenmenge

22 Grad, der Himmel mit einzelnden weißen Flecken. Wie Wattebäusche. Herrlich. Beim Wechseln der Straßenseite gerät man in den Strom von Leibern, der in die andere Richtung will. Zur zweit kämpft man sich durch, einer macht vorne frei, der andere hinterher. Scheinbar ist keiner alleine unterwegs, denn jeder redet. Andauernd fängt man einzelnde Bruchstücke auf. Tim hat ein neues Auto. Irgendwas mit den Christdemokraten und den Arbeitslosen. Wie fandest du die blaue Bluse. Das meiste geht jedoch in dem allgemeinen Brausen von Stimmen unter. Wo man auch hinschaut, Menschen. Jung, alt, Kind. Meistens Mitteleuropäer, aber oft genug nicht. Auch die Satzfragmente sind nicht einheitlich. Französisch, Spanisch, oder ein Deutscher, der versucht Englisch zu sprechen. Geschafft. Hier gehen die Menschen alle in unsere Richtung, und man kommt schnell voran. Man kann dabei sogar so gehen, dass eine Unterhaltung möglich ist. Worüber ist eigentlich nicht so wichtig, Hauptsache man redet. Im Gegenstrom erscheint ein bekanntes Gesicht, und man bleibt stehen. Hey. Ja, mir auch. Und was machst du noch in der Stadt. Inzwischen haben sich die beiden Ströme um einen verlagert, und man steht wie auf einer Insel, abgeschnitten von der Außenwelt.


Nacht

Funken. Lichtblitze. Der Blick hebt sich von der alles bedeckenden Wasserschicht zu den Leuchtreklamen, die sich in ihr spiegeln. Um einen herum das monotone Rauschen des unerbittlichen Herbstregens, der schon seit Tagen die Stadt bedrückt. Man dreht sich um. Schritt schritt schritt. Die Schuhe sind doch sowieso schon durchweicht. Ein großer Platz. Das Lichtspiel der Straßenlaternen im Wasser. Leer und öde, verlassen. Der Blick hebt sich. Die Uhr, hoch oben am Turm des alten Rathauses. Vier. Wieder senkt sich der Blick. Schritt schritt schritt. Links Bistros, dann die Sparkasse. Rechts die Apotheke an der Ecke. Weiter. Bei dem großen Kleiderladen links in den überdachten Eingangsbereich. Der Griff in die Tasche. Klick. Einen hellen Augenblick, dann ein roter Punkt, kurz vor dem Gesicht. Einatmen, ausatmen. Keine Menschenseele. Eigentlich verständlich, da Wochentag. Einatmen, ausatmen. Das Tropfen der Kleidung geht im allgemeinen Rauschen unter. Ein Schritt, Wende nach links. Im Regen scheinen die Gebäude verschwommen, fremd. Eine Tür geht auf, kurz ist Gelächter zu hören, dann nicht mehr. Nun steht noch eine Gestalt auf der Strasse. Der Kragen wird tief ins Gesicht gezogen, dann geht es los. Schnelle, weite Schritte. Man kommt sich entgegen, die Blicke starr nach vorne. Nur nicht dem anderen zur erkennen geben, dass man ihn wahrgenommen hat. Ein Fuß vor den anderen. In anderthalb Meter Abstand aneinenander vorbei. Genug zum ignorieren. Glück gehabt. Die Beine bewegen sich weiter, ohne Mitwirken des Kopfes. Im Regen erscheinen anstatt der Fachwerkhäuser große Betonbauten. An dem einem ist in goldener Schrift zu lesen, aber man nimmt es nicht wirklich war. Man weiß, wo man ist. In der Ferne glaubt man Scheinwerfer von Autos zu sehen. Man kann sich auch irren. An der rechten Bushaltestelle stehen zwei Menschen, der eine mit Schirm, der andere ohne. Blicke starr nach vorn gerichtet. Links. Hinter dem Zaun ein Loch. Vor kurzem hat eine gute Freundin erzählt, dass sie hier oft als Kind war. Im Schwimbad. Errinnerungen. Ich nicht. Ich habe keine. Und jetzt ist es eben nur ein Loch. Schade eigentlich


Schnee

Glitzerndes, strahlendes Weiss. Unberührte Perfektion. Die Luft hat Biss. Die Skiier unterm Arm, die Treppe hinab. Ob schon jemand gestreut hat. Ein prüfender Blick. Wohl nicht. Gut. Über die Straße, auf denn Grasstreifen neben dem Gehweg zwischen den gegenüberliegenden Häusern. Hinter einem zwei gerade, lange Rillen. Die kann dann der nächste benutzen, wenn die Fußgänger sie nicht kaputttreten. Der Weg führt über das Brückchen, denn geht es nach links, hoch in den Wald. Nach einer halben Stunde zieht man die dünne Jacke aus, und fährt im Pullover weiter. Der Weg schlängelt sich den Berg hinauf. Im Sommern wären hier noch viele ander Wege, aber die sind alle zu klein, um unter dem Schnee sichtbar zu sein. Der sonst trostlose Forstwald gewinnt Charakter. Überall funkelt es. Berührt, mehr als Menschenhand. Bis auf das Knirschen des Neuschnees und dem gelegentlichem leisen Knarren der Bäume unter der Schneelast kein Ton.


Heimat

Den letzten Schluck aus der Bierflasche. Jetzt sollte man eigentlich schlafen gehen. Aber hier sitzt es sich eigentlich ganz bequem. Da wohnt man also. Mittelteil des Hauses im merkwürdigen Gelbton mit neuer Garage und Vorgarten. Gebaut 1914. Fünfeinhalb Jahre. Und vorher. Eine Erinnerung an eine Erinnerung. So lange ist es doch nicht her. Ein Haus im Wald. Und davor. Erinnerungen einer Erinnerung an eine Erinnerung. Gefühle, aber keine Bilder. Ich war vor kurzem in München. Auch in unserer ehemahligen Wohnanlage. An die U-Bahn Haltestellen konnte ich mich erinnern, und an das Gefühl, vom Einkaufen heim zu fahren. Sonst nichts. Heimat. Eine Erinnerung an eine Erinnerung. Gegenwart? Wohl kaum, ich habe doch jetzt schon vergessen. Und bald verschwindet auch diese Stadt im Nebel. Ich stehe auf und gehe ins Warme.

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