Gedankengänge

Katharina Ort

Ein kleiner Tisch, der wackelt, wenn man nicht aufpasst, in einer ruhigen Ecke. Ich blicke aus dem großen Fenster neben mir. Menschen strömen draußen vorbei, einige allein, starr geradeaus blickend, ohne die anderen wahrzunehmen. Ach nein, da blickt ein junger Mann einem hübschen Mädchen hinterher. Andere bewegen sich in Grüppchen fort und unterhalten sich angeregt. Dort ist eine junge Mutter mit einem Kinderwagen an der einen und einem kleinen Jungen an der anderen Hand. Drei oder vier mag er sein.
Von hieraus kann ich direkt auf den buckligen Rücken der Lichtenberg-Statue blicken. Göttinger Prominenz, die zweihundert Jahre alt ist - körperlich deformiert, klein und krank - wenn ich daran denke, dass sein Buckel in Wirklichkeit noch größer war... Armer kleiner Mann, er muss sehr unter Spott und mitleidigen Blicken gelitten haben. Aber er war ein begnadeter Denker. Hat der Physik das Plus und das Minus gebracht und dem Rest der Welt den Blitzableiter. Und seine Aphorismen - ein ungeschriebenes Buch. Phantastisch.
Aber was ist besser? Einen starken, gesunden Körper zu haben und dafür weniger intelligent zu sein oder gestraft von der Natur wie Lichtenberg und dafür sehr klug? Ich weiße es nicht. Ich weiß auch nicht, ob ich das Mitleid und den Spott der Leute ertragen könnte und langsam an meiner Krankheit dahinzusiechen. Was wäre, wenn ich keine andere Wahl hätte? Furchtbarer Gedanke.
Ah, da ist auch endlich mein Latte macchiato. Die hübsche Kellnerin lächelt freundlich, als sie ihn mir serviert. Ich glaube, es tut ihr leid, dass sie mich zuerst übersehen hatte. Aber naja, ich bin die Einzi-ge hier drin bis auf einen älteren Herrn direkt neben der Tür. Alle anderen sitzen draußen bei dem schö-nen Wetter. Und so gedankenversunken in der Ecke sitzend falle ich kaum auf.
Und außerdem... Was soll ich draußen? Dort ist es so laut, dass man kaum seine eigenen Gedanken hört. Ich hingegen genieße die Ruhe des fast leeren Cafés. Das einzige, was ich höre, ist leises Murmeln und das Klappern von Tassen und Gläsern von der Theke her. Manchmal eine Kellnerin, die mit einem Tablett voller Getränke hinauseilt. Leiser Jazz aus dem Lautsprecher über mir. Die Musik lädt zum Träumen und zum Erinnern ein.
In diesem kleinen Café habe ich mich vor einem Jahr unsterblich verliebt, hier habe ich meine große Liebe das erste Mal geküsst. Oh Gott... Wie viel Leid und Traurigkeit mir das verursacht hat.
Und trotzdem waren dies zwei der schönsten Momente in meinem Leben. Und ebendiese Momente haben den Schucan zu meinem Lieblingscafé in Göttingen gemacht.
Mit welchen Plätzen in dieser Stadt verbinde ich schon sonst solch wundervolle Erinnerungen?
Der Wilhelmsplatz, wo ich oft im Frühling und im Sommer in der Sonne sitze, und das Sein an sich genieße oder mich mit einem meiner besten Freunde unterhalte. Häufig bin ich auch abends dort - mit meinen Freunden und Freundinnen, die mich zum Lachen bringen, mit denen ich gern mal was trinke. Aber ich brauche eigentlich gar keinen Alkohol, ich brauche vor allem meine Freunde. Was wäre ich denn ohne sie? Vor ein paar Jahren hatte ich nie-manden - niemanden, mit dem ich meine Sorgen teilen konnte, niemanden, mit dem ich Spaß haben, herumalbern, lachen, meine Freude teilen konnte. Damals war ich nur eine Maschine, die funktionierte, aber keine Freude am Leben hatte. Eine traurige Zeit.
Gefühle sind wichtig für mich, egal, ob sie schön sind oder bekümmernd. Sie machen mich stark. Doch was ist, wenn man niemanden hat, der einen dazu bringt, Gefühle zu empfinden? Dann hast du keinen Grund zu leben. Du vegetierst vor dich hin. Leben heißt Gefühle haben, Gefühle ausleben. Man kann ohne das existieren - funktionieren - , aber man kann nicht leben.
Deshalb sind mir auch die Menschen, die ich lieb habe, so wichtig - meine Freunde. Sie erfüllen mich mit Leben. Egal ob ich Stress habe, müde bin oder auch traurig, bei ihnen geht es mir gut.
Deshalb bin ich abends auch gern im Thanner's, selbst wenn es zum Überlaufen voll ist und man sich kaum noch bewegen kann, und im Trou, selbst wenn man sich an der niedrigen Steindecke regelmäßig den Kopf stößt und wegen des vielen Zigarettenqualms und der mangelnden Belüftung kaum atmen kann. Es ist gemütlich, ich fühle mich wohl. Die einzige Möglichkeit, gemeinsam etwas zu unternehmen, tagsüber ist Schule angesagt. - Manchmal sitzen wir dann auch im Villa Cuba, obwohl es so teuer ist. Die Cocktails da sind zum umfallen lecker. Genau wie mein Latte macchiato. - Oh, er ist nur noch lauwarm, ich habe die Zeit vergessen. Aber dafür mit Vanille-Sirup.
Die einzige Möglichkeit, etwas zusammen zu unternehmen? Nicht ganz. Oft nehme ich mir auch nachmittags einfach die Zeit. Dann müssen die Hausaufgaben eben warten und ich kriege in der Nacht kaum Schlaf, weil ich so lang arbeiten muss. Aber was soll's? Man muss schließlich Prioritäten setzen. Und im Studium wird eh alles anders. Dann kann ich mir die Zeit besser einteilen.
Ob ich wohl hier in Göttingen bleiben werde, wo ich schon die ersten neunzehn Jahre meines Leben verbracht habe? Abwarten.
Ach ja, die Zukunft... Direkt gegenüber ist das Alte Rathaus. Wie oft bin ich schon daran vorbeigelaufen, wenn frisch getraute Paare die Treppe hinunterstiegen? Über allem wacht der verwitterte Steinlöwe mit dem Wappen in der Tatze. Ich kann es nicht zählen.
Werde ich eines Tages auch jene Treppe hinunterschreiten? Im weißen Kleid und mit einem funkelnden Ehering am Finger? Seit einem Jahr denke ich nicht selten darüber nach.
Ich wünsche mir sogar Kinder. Unglaublich. Das hätte ich mir nie träumen lassen. Aber ich bin vernünftig, werde noch ein paar Jahre warten. Wie könnte ich jetzt eine gute Mutter sein? Liebvoll und fürsorglich mit Sicherheit, aber ich könnte meinem Kind nicht bieten - ohne Ausbildung und Arbeit. Das kann ich so einem kleinen Wesen nicht antun. Und schließlich möchte ich auch noch etwas von meinem jungen Leben habe - die Welt sehen, Spaß haben, umziehen, neue Leute kennen lernen. Noch ist es nicht Zeit, mich derartig einzuschränken. Zu zweit ist es manchmal schon schwer genug, auch wenn ich gern einmal verzichte. Und diesen Verzicht möchte ich nicht missen.
Heute bin ich allein hier. Doch oft genug erlebe ich schöne Spaziergänge zu zweit durch die Stadt. Die Fassaden der alten, stilvollen Häuser geben Göttingen einen ganz besonderen Flair - keine Bombenschäden im Zweiten Weltkrieg. Auch wenn das Wetter mies und alles trist und grau ist, fühle ich mich zu Hause.
Aber ewig hier bleiben? Nein. Dafür ist meine Drang nach Neuem zu groß. Und nur weil man sich an einem Ort wohl fühlt, muss man nicht zu lang verweilen. Man kann weiterziehen und später zurücckehren. Monotonie kann unglücklich machen, einengen. Neues sehen kann gut tun. Wenn man sich an einem Ort gut fühlt, ist man auch auf eine seltsame Art und Weise zu Hause, auch wenn man tausend Meilen von der Heimat entfernt ist.
Dann ist das Leben schön - so wie jetzt.

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