Nur eine Nummer

Julia Gellersen

Irgendein Montag morgen im Januar. Berufsverkehr auf den Straßen, Kinder auf dem Weg zur Schule. Das morgendliche Treiben unterscheidet sich nicht von dem am Dienstag oder Mittwoch oder dem Montag der nächsten Woche. Für all die Leute, die auf dem Weg zur Arbeit sind ist es ein ganz gewöhnlicher Morgen - für mich nicht. Ich fahre durch die tristen Straßen ins Göttinger Klinikum. Termin 9.30Uhr, B3, Ebene 3 - HNO Abteilung. Anmeldung zur stationären Aufnahme. Meine Vater fährt, meine Mutter begleitet mich. Ost Eingang. Die Parkplätze kosten Geld, schnelles Aussteigen, alles Gute, ich komm dich besuchen. Tschüß Papa, danke fürs fahren. Noch eine schnelle Zigarette, Handy aus. Mit dem Fahrstuhl in den 3. Stock. Leute sitzen in der Wartezone. Das kenn ich schon, aber ich muss heut nicht warten, ich bleib hier. Guten Morgen, ich hab einen Termin. Aufkleber werden ausgedruckt. Ich bin eine Fallnummer und Patient Nummer soundso. CT- Bilder und eine Mappe soll ich mitnehmen und doch muss ich wieder warten. Aber nicht lange. Bettenhaus 2, Ebene 6, Station 6021. Hier bleib ich jetzt also eine Woche. Hier ist das Zimmer, da das Bett, der Schrank. Beim Verlassen der Station bitte abmelden. Aber jetzt erst mal auf dem Zimmer bleiben und warten - auf den Stationsarzt. Dann werd ich vor das Zimmer das Stationsarztes gerufen. Ich warte. Frau Gellersen bitte. Der Stationsarzt ist jung und dynamisch - und genauso steckt er mir ein Instrument ins Nasenloch, hält es auf und guckt rein. Oh, Sie kriegen ja gar keine Luft! Danke, das wusste ich schon vorher, deswegen bin ich hier... Naja, das machen wir schon. Geht ganz schnell. Schere rein, Nasenmuschel ab, fertig. Jetzt kann ich wieder in mein Zimmer. Dort muss ich warten. Bis der Anästhesist kommt. Das Formular kann ich schon ausfüllen. Während ich warte gucke ich aus dem Fenster. Ich sehe den Wald, ein paar Wiesen, graue Gebäude, einen grauen Himmel, ein Baugerüst. Der Narkosearzt kommt, stellt mir Fragen, geht wieder. Warten auf den Chefarzt. Jetzt melde ich mich brav ab und gehe ins Raucherzimmer. Die Zigarette brauch ich nach dem ewigen warten und all den Fragen. Es ist Nachmittag und ich darf endlich zum Chefarzt. Wieder sitze ich auf dem Stuhl im Stationsarztzimmer und lasse mir in die Nase gucken. Ich zähle 7 Ärzte in dem kleinen Zimmer. Eingeschüchtert sehe ich mich um. Da ist ein bekanntes Gesicht, der Stationsarzt ist auch da. Der Halbgott in weiß, der mir diesmal in die Nase guckt ist wohl der Chefarzt. Jetzt bin ich wirklich nicht mehr als die Patientin Gellersen, Fall soundso. Angaben über meinen Gesundheitszustand werden in den Raum geworfen, auf Anfrage kleben sofort drei Ärzte mit meinen CT-Bildern an der Leuchttafel. Ich bin ein sehr ausgeprägter und schöner Fall. Danke, was hab ich davon? Für heute ist es genug. Morgen ist die OP. Essen und rauchen bis 20 Uhr, trinken bis 22 Uhr. Wieder ins Zimmer. Mama kann gehen, ich komm alleine klar. Bis heut Abend, dann wird die Zeit nicht so lang. Meine Nachbarin telefoniert lautstark. Da geh ich lieber rauchen. Abmelden, rauchen, zurückmelden, ins Zimmer. Das wird schon Routine. Meine Nachbarin telefoniert noch immer. Ich gucke die Bilder an der Wand an. Abstrakte Gemälde - mag ich nicht. Ich gucke auf die Uhr. Der Zeiger kriecht langsam vorwärts. Ich warte. Endlich kommt wieder Besuch. Abmelden, Fahrstuhl fahren, die langen Gänge bis in den Eingangsbereich. Im Kiosk Schokolade kaufen. Nicht an morgen denken. Die langen Gänge zurück, Fahrstuhl fahren, anmelden. Im Zimmer liegt das OP Hemd und die verhassten Thrombosestrümpfe. Morgen früh um 6 krieg ich die Tablette, um 7 geht es zur OP. Der Besuch geht, neuer kommt und geht wieder. Ich telefoniere und schlafe.

Der Morgen kommt. Tablette schlucken, OP Mode anziehen, warten. Ich schlafe und werde dann halb wach zu den OPs gebracht. Schreck! Wo bin ich hier? Ich habe das Gefühl mich auf einem Schlachthof zu befinden. Hoffentlich nehmen sie mir nicht versehentlich das Bein ab. Ich verfalle langsam in einen Dämmerzustand. Höre Stimmen, Gelächter - mit Sicherheit die Ärzte. Der Brei aus Stimmen wird immer zäher, ich versuche mich aufzurichten, irgendwas stimmt nicht mit mir, ich bin so müde... Als ich wieder zu mir komme ist immer noch das Stimmengewirr da, mein Gesicht schmerzt. Ich bin operiert. Ich hab es hinter mir. Das ist wohl der Aufwachraum. Wo ist denn meine Mama? Bei den letzen fünf Operationen war die immer da als ich aufgewacht bin. Vielleicht kommt sie wenn ich rufe? Aber aus meinem Mund kommt kein Ton. Ich will mich hinsetzen und sagen dass ich wach bin, aber keiner sieht mich, keiner hört mich. Neben mir weint eine Frau, sie hat ins Bett gemacht. Auf der anderen Seite stöhnt jemand. Tröstende Stimmen. Warum bin ich allein? Nach zahlreichen Versuchen mich aufzurichten, Rufen und erneuten einschlafen werde ich abgeholt. Wieder auf dem Zimmer will ich meine Eltern suchen, sie anrufen. Ich schlafe ein, wache auf, schlafe wieder ein und endlich sind meine Eltern da. In dem Wechsel von Aufwachen und Einschlafen bekomme ich mit, dass meine Eltern einen Arzt suchen, sehe meine Eltern gehen und meinen Freund kommen. Irgendwann bin ich doch ganz wach. Meine Nase ist zugepflastert, in meiner Hand steckt eine Nadel, die mit einem Schlauch verbunden ist, der in einem leeren Beutel endet. Ich sehe gar nicht ein einen leeren Tropf an einem Schlauch, der in meiner Hand steckt mit mir rumzuschleppen und gehe frisch operiert zum Schwesternzimmer um mich zu beschweren. Ich bin wirklich eine Nummer merke ich wieder, aber der Schlauch ist ab.

Als irgendeine Patientin verbringe ich, hinter irgendeinem Fenster in den Labyrinth der Gänge, eine Woche in einem weißen Zimmer mit weißen Bettlaken und weiß gekleideten Schwestern, esse meine pürierte Kost, lasse mich von neun Ärzten, die mich in meinem Zimmer besuchen, brav begutachten, warte Ewigkeiten bis jemand kommt um mein Nasenbluten zu stillen, warte auf den Mittag, den Abend, den nächsten Morgen, auf den Besuch, den Arzt, die Entlassung - eine Woche lang. Dann gehe ich ein letztes Mal durch das Portal des Klinikums und werde von Nummer 0815 wieder ich selbst.

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