Aus dem Rückfenster

Janne Groth

Es ist kalt. Ich sitze auf einer Bank vor der Johanniskirche. Eine der wenigen Sitzgelegenheiten in Göttingen, für die man noch nicht bezahlen muss. Aber der Lärm. Die Busse kommen im Minutentakt. Sie tragen die Nummern acht, neun, oder vielleicht zwölf. Sie fahren die Insassen nach Nikolausberg, Geismar, aufs Land vielleicht. Ich sitze hier. Es gibt keine Bänke, die nicht im Schatten stehen. Ich friere. Zu meinen Füßen Tauben. Scharenweise. Lena erzählte mir neulich von einer Antibaby- Pille für Tauben. Es seien zu viele hier in der Stadt. Sie würden alles verschmutzen und den Kunden der Innenstadt- Geschäfte im Weg sein. Wenn schon Tauben im Weg sind, wie steht es dann mit Menschen? Davon gibt es doch sicher mehr in dieser Stadt als Tauben. Sie sind größer, stellen sich den Konsumenten in den Weg, gehen nicht zu Seite, meckern. Wie viele gibt es von Ihnen? Hundertzwanzigtausend in Göttingen. Wie viele sehen wir, ich davon täglich. Wie viele in der Schule, wie viele zuhause, wie viele sind mir im Weg, wenn ich schnell noch etwas einkaufen möchte. Die großen Bäume in der Groner Straße sollen jetzt auch gefällt werden. Sie nehmen den Anwohnern und Geschäften zu viel Licht weg. Vielleicht auch besser so, dann ist mehr Platz für die Fahrräder, die sich die Konsumenten gegenseitig in den Weg stellen können. Die 1 fährt vorbei. Richtung Geismar. Reihenhaussiedlungen. Die Kirchenuhr schlägt sechsmal. Mein Bus fährt in wenigen Minuten. Am Bahnhof. Der Weg dorthin beträgt noch nicht einmal 1 km. Doch ich mache mich trotzdem langsam auf den Weg. Meine Füße bewegen sich langsam, zäh, als wollten sie nicht weg von diesem Ort, nicht weg von Tauben, Bussen und dem Schatten der Kirche. Ich versuche zu zählen, wie vielen Menschen ich begegne. Wie viele sind mir im Weg. Ich verzähle mich. Denke an die Zeit. Gehe schneller. Was will ich am Bahnhof. Nach hause. Laufen. Erinnerung. Ich alleine in der Stadt, nah der Kirche. Ich alleine in der Kirche. Herbst. Ich mit meiner Mutter und Freunden beim Kindergottesdienst. Wir haben die Kirche für Erntedank geschmückt. Kürbisse, Sonnenblumen und Zucchini liegen auf und neben dem Altar, über dem die Kanzel prangt. Einmal nur will ich nach oben laufen und von dort auf die geschmückte Kirche blicken. Meine Füße erklimmen die schiefe Holztreppe, Stufe für Stufe setze ich meinen Weg in dem dunklen Treppenhaus fort. Endlich bin ich oben angelangt. Nur noch durch den roten Samtvorhang, dann kann ich die Kirche von oben sehen, kann auf die anderen niederblicken, kann den Neid auf ihren Gesichtern erkennen. Ich trete auf die Kanzel hinaus. Ich will den Blick genießen, höre jedoch gleichzeitig den schweren Kirchenschlüssel in der Tür. Allein. Ich allein. Es ist dunkel. Ich höre Schritte, die die Steinstufen vor der Kirche hinabsteigen. Ich bin allein. Fröhliches Gelächter von draußen, Stimmen die lachen. Allein. Vergessen. Meine Mutter, meine Freunde draußen in der Sonne. Ich auf der Kanzel, unter mir die herrlichen Früchte, die all ihre Herrlichkeit verloren haben. Ich bin vergessen worden. Ich male mir Bilder aus, wie ich in der Kirche langsam zu Grunde gehe, mich von Kerzenstummeln ernähren muss, wie Indiana Joe in dem Buch Huckleberry Finn, welches neben meinen Bett auf dem Nachttisch liegt. So schnell sie können tragen mich meine Füße nach unten, durch den Kirchraum auf die Tür zu. Ich hämmere gegen die Tür, hört mich jemand. Angst kriecht in mir hoch. Der Schlüssel. Ich fliege meiner Mutter in die Arme. Hinterher ist mir die Geschichte furchtbar peinlich. Keiner soll davon erfahren.

Seltsam, dass ich gerade jetzt darüber nachdenke, auf dem Weg zum Bahnhof, vorbei an den Geschäftsauslagen Wiederholdts und eines Klamottengeschäfts. Die Sonne ist schon beinahe hinter den Häusern verschwunden, den Häusern, welche alle irgendwelche Geschichten bergen, Geschichten, die doch niemanden interessieren, als die Leute die dort leben oder lebten. Wer weiß, welche Handlungen, Familiendramen, Liebesgeschichten, Wissenstragödien sich hinter diesen Häuserwänden schon zugetragen haben. Ob die Bewohner der Wohnungen über den kleinen Geschäften, auch immer zu den Geschäften passen. Ich habe den Bahnhof schon beinahe erreicht, muss mich jetzt beeilen. Zwischen dem Hotel und der Fußgängerampel, an der ich für gewöhnlich sehr lange warten muss, sitzt der Bettler, der seine Unterlippe bis über die Nase ziehen kann. Einmal habe ich ihm sogar zwei Mark gegeben, ich bin jedoch enttäuscht worden. Bei unserer nächsten Begegnung hatte er einen Walkman. Das nächste Mal ein Handy. Danach einen Gameboy. Dieser Besitz war für mich schamlos. Ich fragte einen Freund, der sah die Sache anders. Geld hab ich ihm trotzdem nicht mehr gegeben, dem Bettler. Grün. Den Bus sehe ich schon von hier. Er ist lila. Steht dort ganz hinten am Abschnitt H hinter all den Fahrrädern. In einer Minute ist er weg. Und ich mit ihm. Ich fahre vorbei an der Pergola, an dem Info-Turm, hübsch ist er eigentlich doch, am 82er Platz auf dem Kinder auf dem Drachen schaukeln, Jugendliche auf ihren Skateboards über Rampen springen, andere Spazieren gehen. Göttingen lebt und ich. Ich genieße diese Fahrt aus Göttingen hinaus nach Hause. Ich war hier, gehöre in diese Stadt und freue mich doch immer wieder dem Lärm und den Menschen zu entkommen und aufs Land fliehen zu können. Ich bin Gast. Ich lebe mit, und doch anders. Ich sehe das Leben durch eine Glasscheibe, fahre daran vorbei und habe es vergessen. Ich bin weg. Auf dem Land und die Stadt lebt weiter genauso ohne mich wie mit mir, nur dass ich fehle. Ich bin zuhause. Sehe nicht mehr die Kinder auf dem Drachen, die Tauben fliegen, spüre nicht mehr den Schatten der Bäume vor der Kirche auf mich fallen, den Bettler vor dem Bahnhof. Und doch sehe ich sie, erinnere ich mich an sie und habe sie morgen auch schon wieder vergessen. Hundertzwanzigtausend Einwohner hat Göttingen. Wie viele davon habe ich schon gesehen, mit ihnen geredet. Vielleicht nur die Bestellung eines Kaffees. Sie sind aus meinem Kopf schon wieder verschwunden. Ich bin zu hause. Bin allein. Keiner steht in meinem Weg. Der Tag ist vorbei, ich denke nicht mehr an die Stadt, aber sie ist dennoch da. Die Busse, die Tauben, die Kinder und Bettler. Morgen bin ich wieder dort, andere Leute werden in meinem Weg stehen, andere Tauben vor meinen Füßen sitzen und ich werde wieder den gleichen Weg zum Bahnhof machen. Mit anderen Gedanken. Vielleicht

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