Zwei Seiten

Erik Knauer

Die Haustür fällt mit einem dumpfen Donnern ins Schloss. Die Wand zwischen mir und dem familiären Umfeld ist perfekt. Drei Stufen hinunter. Leichter Wind und grauer Nieselregen schlagen mir ins Gesicht. Wie Giganten aus der Urzeit ragen zwei Bagger aus dem Nebel. Die Straßenlaternen sind auch noch an und tragen große, bleiche Lichtkränze. Wie leblose Heiligenscheine. Mich fröstelt. Nach rechts, Richtung Wendekreis, Richtung Sackgasse. Der ehemalige Generaldirektor der Gothaer Versicherung steht, leicht vornübergebeugt, an seinem Auto. Er beobachtet mich. Ich zwinge mich, ein übertriebenes Lächeln aufzusetzen. Ich grüße ihn übertriebe laut und übertrieben freundlich. Es ist, als rede man mit einer Statue. Ich gehe schnellen Schrittes vorüber. Hinter mir ertönt seine gereizte, befehlsgewohnte Stimme. "Kannst du nicht grüßen, Junge?" Ich fange an zu laufen. Die kleine kurze Gasse neben der großen Garage und der Tujahecke taucht vor mir aus dem Nebel auf. Gedämpftes Motorenbrummen aus keiner bestimmten Richtung. Die Treppe zur grossen Strasse. Die kalten, weiss-blauen Lichtkegel der Autoscheinwerfer versuchen vergeblich, durch den Nebel zu dringen. Ungewönlich wenig Verkehr heute morgen. Unten, ein Blick zur Uhr an der Sparkassenfiliale. Nur das unregelmäßige Flackern der kaputten Beleuchtung ist zu erkennen. Egal. Die Uhrzeit zu wissen heißt, zu wissen wie wenig Zeit noch bleibt. Kein Interesse.
Dahinter versinkt die Stadt in Nebel und Nieselregen. Das Rathaus ragt schemenhaft, wie ein havariertes Raumschiff aus der trüb-grauen Suppe.
Gegenüber, der Hintereingang des italienischen Restaurants mit der unfreundlichen Bedienung. Und den Wartezeiten von mindestens einer Stunde. Warum das Ding immer noch lebt ist mir schleierhaft. Selbst das Gebäude könnte vielleicht in Italien stehen, hier aber wirkt es mit seinem Flachdach, seinem schmutzigen, pseudo-weißen Putz und seinen Bogenfenstern mit Palmen dahinter wie ein eklatanter Stilbruch. Oder ein örtlicher Anachronismus.
Nach links, die Strasse hoch. Der Sonne entgegen, wäre sie schon über den Berg. Das Strassenende verliert sich irgendwo oben im Grau. Die überbreiten Spurrillen, von den Panzern gegraben, sind dagegen gut sichtbar. Vor Jahren wurde die Kaserne geschlossen. Übrig geblieben sind die Gebäude. Und unangenehme Erinngerungen an morgendliche Batallione, die die Straße hinunterdonnern und die Scheiben im Schlafzimmer vibieren lassen. Und Risse in den Fundamenten und Mauern der anliegenden Häuser. Auch in unserem. Wir haben sie übergemalt.
Die Kurve bei dem privaten Kindergarten im Wald schält sich in die Wirklichkeit. Schön, die ewig-gleichen Reihenhäuser rechts nicht sehen zu müssen. Über die kleine Seitenstrasse. Der Kindergarten ist heute stumm. Normalerweise hört man fröhliches Kinderlachen. Heute nicht. Wohl zu trauriges Wetter.
Dort oberhalb, wo der Wald anfängt, hört der Bürgersteig auf. Ich wechsele die Strassenseite. Zwischen Asphalt und erstem Baum verläuft sie. Die Grenze zwischen Stadt und Wald, Zivilisation und Natur. Es ist die Grenze zum anderen Göttingen. Meine Schritte beschleunigen sich wieder, sie lassen die öde Parkplatzwüste vor dem neuen Einkaufszentrum und die großen danebenliegenden Matschflächen freien Baulandes hinter sich. Als die Leuchtreklame hinter mir im Nebel verschwunden ist, tauchen vor mir die Kasernengebäude auf. Schlimmer als die Reihenhäuser weiter unten. Baracken sind und bleiben nun mal Baracken. Lange, wuchtige, vierstöckige Reihenhäuser. Der Putz bröckelt jetzt schon wieder an manchen Stellen. Der einzige Unterschied zum Gefängnis am Waageplatz sind die fehlenden Gitter an den Fenstern und die Größe.
Der ehemalige Buswendeplatz kommt in Sicht. Heute schließt an ihn eine Strasse aus Kopfsteinpflaster an, die in das Kasernenviertel hineinführt. Geradeaus führt ein kleiner Pfad. Schon bald ist der kalte Lichtschein der letzten Strassenlaterne im Grau untergetaucht. Rechts am Pfad entlang führt ein hoher, verrosteter Drahtzaun. In regelmäßigen Abständen verwitterte Betonpfeiler. Stacheldraht. Wie das Relikt einer untergegangenen Zivilsation. Der Pfad biegt nach links, der Zaun verschwindet als hätte es ihn nie gegeben. Eine brusthohe, mitten im Pfad steckende Metallstange. Verrostet, was sonst. Sie ist der Grenzpfeiler. Daran vorbei, nach links. Ein Prickeln auf der Haut.
Eintritt in eine andere Welt --

*           ~           *

Bäume. Zwar noch blattlos, aber natürlicher als bröckelnder Putz. Weicher Waldboden. Das leise Murmeln des Baches. Allein. Der Geruch von Erde. Ein einsames Vodelgezwitscher, das langsam verhallt. Dann Stille. Rascheln im Laub. Stille. Ich genieße den Augenblick.
Eine Drehung im Kreis. Die Wohnbaracken, die Strassen mit Kopfsteinpflaster, der Bau- und Autolärm, der Abgasgestank, die Stadt mit ihrem Verfall ist verschwunden. Es gibt sie gar nicht. Der öde Alltag - irellevant. Die Probleme und Sorgen, perönliche wie allgemeine - egal.
All das ist vom Nebel und vom Wald absorbiert, neutralisiert, egalisiert worden. Mir präsentiert sich eine kleine Idylle, fern vom Rest der Welt. Wald und Nebel sorgen so für eine angenehme Anonymität der weiter entfernten Umgebung. Dabei ist der Nebel nicht so wichtig, ein dichtes Blätterdach würde den Zweck auch erfüllen. Was innerhalb des Nebels zwischen den Baumstämmen verborgen liegt, ist beliebig. Außerhalb. Es beeinträchtigt das Hier nicht. Die warnehmbare Welt schrumpft auf einen Bruchteil zusammen. Der Rest. Ein unbeschriebenes Blatt. Es kann beschrieben werden, wie man es wünscht. Die Welt und das eigene Ich darin warten nur darauf, neu erschaffen zu werden.
Der Wald Europas hat sich seit der fast völligen Auslöschung der Menschheit und dem Untergang der Zivilsation wieder über ganz Europa ausgebreitet. Es gibt Geschichten von endlosen Flächen salzigen Wassers im Norden, "Meer" nennen sie die Ältesten. Aber das sind Legenden aus der Zeit vor der Zerstörung der Welt. Genauso wie die von den hohen Bergen weit im Süden, die bis über die Wolken an den Mond heranreichen sollen.
Der Weg schlängelt sich neben dem Bach durch ein kleines Tal im Nebel. Es ist ein Botenpfad, den die Stämme der Region erst vor kurzem wiederentdeckt und nutzbar gemacht haben. Dort taucht das Relikt von vor der Zerstörung der Welt auf. Es ist eine Brücke über den Bach, die ihm nur eine runde Öffnung zum Durchfließen läßt. Die Menschen Davor müssen gegen anstatt mit der Natur gearbeitet haben, sonst hätten sie den Bach wohl kaum unnötig eingeschränkt. Unvorstellbar. Die Brücke besteht aus moosbewachsenen Quadern und einem ganz merkwürdigen Gestein, grau, rau, und es hat fast den Anschein, als sei es geformt oder gar gegossen worden. Über sie führt ein zweiter Pfad, der den meinen kreuzt. Er kommt aus Süden ins Tal hinunter und führt nach Norden auf den Berg. Dort ist auch die alte Turmruine aus der Zeit Davor und der Versammlungsplatz der Stämme mit der weißen Kuppel und den hohen Stufen davor, die man wunderbar als Sitzplätze benutzen kann.
Ich folge meinem Pfad. Der Bach begleitet mich. Der Nebel wird langsam dünner, die kleine Welt in der ich mich bewege größer. Man kann schon die Sonne als hellen, runden Fleck zwischen den Stämmen erahnen. Die Zeit wird knapp, ich muss bald beim Jüngerenversammlung mit meinen gleichaltrigen Stammesgenossen sein. Bald habe ich die grade erst neu gebaute Holzbrücke über den Bach erreicht, der Stolz unseres Stammes. Plötzlich, ein Schatten im Nebel. Ein Dnuh, schwarz-braun gefleckt, ein Auge blau, das andere braun, stürzt aus dem Nebel auf mich zu. Agressiv mit dem Schwanz peitschend, laute, harte Geräusche ausstoßend, die scharfen Reißzähne gebleckt, setzt er zum tödlichen Sprung an, eine Stimme hallt durch den Wald, Nosi, hierher! --

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Peng. Blinzeln. Die Illusion ist zerplatzt. Wie eine schillernde Seifenblase.
Der Hund schleckt mir die Hand. Fröhliches Bellen. Schwanzwedeln. Sein Frauchen wünscht mir einen guten Morgen. Wo ist dein Hund? Beim Tierarzt. Oh, ach so. Schade. Wiedersehen. Wiedersehen. Ich trotte über die alte, braune Holzbrücke, dann rechts. Erste Häuser links, auf der anderen Seite noch Wald. Der Nieselregen hat aufgehört. Der Wind frischt auf. Fährt mir unter den Mantel. Frösteln. Der Nebel lüftet langsam seinen gnädigen Schleier. Schade. Der Weg geht in Asphalt über. Rechts größere Einfamilienhäuser, fast Villen. Dahinter der Wald. Die Grenze.
Über die Wiese, links. An der Bank vorbei. Die Bierdosen liegen immer noch darunter. Den von zahlreichen Fahrrädern abgetragenen Weg hoch. Links im Goldfischteich schwimmt wieder ein Fisch weniger. Baggerlärm. Motorengeräusche eines Lasters. Die Laternen sind aus. Ich trete zwischen beiden Häusern auf den Bürgersteig. Die Baufahrzeuge blockieren die Sackgasse in der ich wohne vollständig. Gut dass ich nicht Auto fahre. Aber der Baulärm wird wohl noch Monate weitergehen. Die Straße wird nur weiter aufgerissen. Schotter anstatt Teer. Bis jetzt. Aber vielleicht tritt irgendwann eine Besserung ein.
Schulsachen packen. Radio aus. Tür abschließen. Fahrrad aus der Garage holen. Blick auf die Uhr. Ich komme wieder zu spät zur Jüngerenversammlung.
Als ich losfahre hat es wieder angefangen zu regnen.

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