Göttingen hinter mir

Christoph Hetsch

ICE 24004 Göttingen-Hamburg. Ziemlich voll, aber schönes Wetter. Es ist noch ziemlich früh, 7.32 sagt die Uhr. Verschlafene Gesichter wohin man blickt. Draußen jagt die Landschaft vorbei. Nicht ich entferne mich von Göttingern, Göttingen entfernt sich von mir. Ich lasse etwas zurück und betrete etwas neues. Eigentlich ist das ja immer so im Leben, aber heute unterscheidet sich das neue deutlich von dem Alten. Hoffe ich zumindest.
Was ich betrete ist ungewiss. Aber was ich verlasse, kann ich sehen, schließe ich nur die Augen und lasse Bilder wie von selbst auftauchen:
Das Pflaster der Innenstadt, warm unter den nackten Füßen, während man unter sommerlichen Himmel verträumt durch die Innenstadt schleicht. Lange, lauwarme Nächte auf dem Wilhelmsplatz. Wohlige Erinnerungen an sorglosere Tage. Lagerfeuer auf den Schillerwiesen. Aber auch Winter auf dem Kerstlingeröder Feld. Krähen krächzen, der Wind pfeift. Und dennoch geborgen in dem Glücksgefühl, dass man mancherorts Heimat nennt. Fußstapfen im Schnee.
Heimat ist mehr. Morgenröte über der Bürgerstraße beim alltäglichen Schulweg oder die Farbe fallenden Laubes am Kehr.
Göttingen ist viele Orte. Orte voller Erinnerungen. Der Biergarten am Irish Pub. Das vertraute Gewölbe einer Kneipe in der Burgstraße.
Göttingen ist auch Ereignisse. Ereignisse voller Erinnerungen. Vor dem Thanners im strömenden Regen mit einem wildfremden Medizinstudenten singen. Tanzen auf dem Altstadtfest. Nächte in einer winzigen Wohnung über einer Spielhalle in der Weender Straße.
Göttingen ist Personen. Flüchtig Bekannte, Freunde aus Kindertagen. Sie sind Teil meines Göttingen geworden.
Göttingen ist vollbrachtes, vollendetes. Am Ufer der Leine nach einer Trommelstunde langradeln. In Ruhe durch die Stadt streifen: eben hatte ich Geigenunterricht, bald Theater. Die klare Winterluft im Hof der Paulinerkirche nach einem Konzert atmen. Nach einem vollbrachten Schultag zum Bahnhof eilen, um den Bus nicht zu verpassen.
Aber Göttingen ist immer noch mehr...
Bilder reihen sich an Bilder, Erinnerungen an Erinnerungen.
So träume ich lächelnd vor mich hin. "Verehrte Fahrgäste, in Kürze erreichen wir Hannover". Jäh schnellt man in die Realität zurück. Die Vergangenheit erlischt vor der Zukunft. Göttingen bleibt in mir, doch die Zukunft hat noch keine Bilder.

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