Die Entstehung von "Auf beiden Seiten der Donau"

Auf beiden Seiten der Donau

Die Postenflüge der Krähen
über den kahlen Bäumen des Kirchplatzes
im November sechsundfünfzig kann ich
nicht vergessen

das ungarische Krächzen.

Und jede Haustür, die
ins Schloß fiel
klang wie ein Schuß.

Wir versuchten, einander
von den Augen zu lesen:
leben sie noch.

Nein, sie sind tot
schon nach einer
Woche.

   Guntram Vesper liest "Auf beiden Seiten der Donau".


Dieses Gedicht bezieht sich auf den Ungarnaufstand im Herbst 1956. Diesen hat Guntram Vesper als Fünfzehnjähriger miterlebt - ein Ereignis das ihn sehr bewegte, zumal als DDR-Bürger. Vesper stellt eine Verbindung her zwischem seinem Alltagsempfinden und diesem Ereignis, was er wohl auch damals so empfunden hat.
   Guntram Vesper kommentiert seine Auffassung politischer Ereignisse in seiner Kindheit

Wie viele Gedichte von Vesper entstand "Auf beiden Seiten der Donau" auf der Grundlage eines alten Gedichtes, im vorliegenden Falle heißt es "Keine Amnestie". Damit spielt Vesper jedoch nicht auf politische Ereignisse an, sondern bringt lediglich eine gewisse Stimmung zum Ausdruck. Das Gedicht gefiel ihm nicht und so benutzte er es als Grundlage für ein neues.

Wir werden nun einmal die Entstehung dieses Textes betrachten. Hierzu sehen wir uns die erste Fassung an, die der Autor handschriftlich verfasste.


Diese Fassung trägt noch den Titel "Keine Amnestie". Sie ist in keiner Textzeile identisch mit der Endfassung.




Der zweite Text wird eindeutiger. Obwohl die Amnestie im Vordergrund steht, finden wir ein Motiv der Endfassung wieder: "Postenschlingen der Elster". Aus den Schwalben wurden Elstern, welche nicht so angesehene Vögel sind. Wie erwähnt stellt Guntram Vesper in dieser kryptischen Sprache Stimmungen vor, einzelne Wörter wie "Nachtvertrag" sind ohne konkreten realen Bezug.




Das Gedicht "Keine Amnestie" ist nun vollendet. Der Autor hat nur noch eine kleine Korrektur durchgeführt.



Später, in der ersten Hälfte der sechziger Jahre, entstand dann diese Fassung. Die Anmerkung "(Keine Amnestie)" oben in der Ecke verrät uns aber, was den Anstoß gab. Der Autor hat die Stimmung von "Keine Amnestie" aufgegriffen und auf ein reales Ereignis seiner Erinnerung bezogen. Die Vögel lassen sich als Motiv wiederfinden, jetzt sind es aber Krähen, Vögel des Verfalls und des Todes. Man sieht auch, dass den Autor der Schluss des Gedichtes noch nicht zufriedenstellte.



Das vorige Gedicht wurde ins Reine geschrieben und...



...abgetippt. Jetzt unterscheidet sich von der Endfassung nur noch der letzte Absatz. Entsprechende Änderungen kann man aber schon handschriftlich sehen. Außerdem gliedert der Autor den Zeilenfall neu.



Und so können wir schließlich die fertige Fassung sehen.

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