Guntram Vesper, Lichtenberg und Bürger

Gerade da Guntram Vesper sich in seinem literarischen Wirken sehr oft mit seiner direkten Umgebung beschäftigt hat, verbindet ihn ein enges Band mit Lichtenberg und Bürger, da sie ja beide wie er in Göttingen gelebt haben. Doch empfindet er beide als von Göttingen vernachlässigt. Nirgends kann man die Sudelbücher von Lichtenberg ausleihen, Bürgers Sterbehaus wurde abgerissen, wer kennt schon Lichtenbergs Gartenhaus und die Gräber der beiden auf dem Bartolomäus-Friedhof? Statt diesen beiden wichtigen Personen werden andere hoch gelobt und durch Denkmäler in Erinnerung gehalten, ob nun Bismarck, der nur ein Jahr in Göttingen studierte, oder Moritz Jahn der dem NS-Regime nahe stand.
Vielleicht hat Guntram Vesper gerade deswegen einen Teil seines Schaffens diesen beiden und im besonderen Bürger gewidmet. Schon im ersten Jahr in Göttingen erwähnt Vesper in einem Gedicht Bürgers Grab und Lichtenbergs Gartenhaus. Als er dann die Texte "Heimat Göttingen I" und "Heimat Göttingen II" verfasst, ist Bürger fester Bestandteil von Vespers Gedankenwelt.
Der Text "Heimat Göttingen II" beginnt mit unterschiedlichen Bildern: Da ist der erwachende Erzähler, der mit Watte in den Ohren im Bett liegt. Denn draußen heult der Wind mit Stärke 8. Andererseits das Bild eines Heizers, der wie im Wahn Koks schaufelt. Dann immer wieder Einwürfe, wie kurze Tagebucheinträge Bürgers über die Fertigstellung der Ballade "Lenore". Nur kurz wird berichtet, wie Bürger beim ersten Vortrag der "Lenore" den Zuhören einen gehörigen Schrecken einjagte, als er zu Ende des Gedichtes zur Untermalung mit der Reitpeitsche gegen den Ofenrost schlug.
Ebenso kurz ist die folgende Passage, in der Vesper aufzählt, wo Bürger gelebt hat. Doch dann entschließt er sich, sich in die Vergangenheit zu begeben - als man nachts noch mit Laternen den Weg suchte, weil es keinen Strom gab, niemand je von Marx gehört hatte und man noch zu Pferd oder zu Fuß nach Göttingen kam, um, wie Vesper beschreibt, eine Gedenktafel am Haus anzubringen, um auf ewig zu belegen, dass hier "Lenore" verfasst wurde.
Dann erzählt Vesper eine Geschichte, wie der unbenannte Akteur erst mit einem Freund namens Brand kurz vor dem frühen Schlafengehen Flöte spielt, dann aber zu später Stunde eine Mühle erreicht, wo sie freundlich aufgenommen und bewirtet werden. Doch nutzen die beiden die Gastfreundschaft böse aus und erschlagen, nachdem sich alle zur Ruhe gebettet haben, die ganze Familie, rauben die Kasse und setzen die Mühle in Brand. Darauf verstecken sie sich in einem Stall im Wald. Doch als Brand verschwindet, verlässt der Erzähler aus dem Wald und trifft auf Bürger, der ihm die Hand reicht und ihn mit einem Vers aus der "Lenore" begrüßt: "Mit Schwanker Gert ein Schlag davor". Am Ende erzählt Vesper noch von unserer Unfähigkeit mehrere Bilder zu erkennen, die übereinander projiziert sind.

Außerdem schreibt er noch ein weiteres Gedicht, jetzt direkt über Bürger. Doch wie er selbst sagt, liefere Bürgers Leben mehr als nur Material für Poesie, und nachdem er viel Material gesammelt hat, wagt er den Versuch einen "Bürger-Roman" zu schreiben, der nicht biographisch Bürgers Leben wiedergibt, sondern eine eigene Geschichte erzählt, in die Bürger und auch Lichtenberg verwoben sind. Er nennt sie "Niemands Land", doch sie wird nicht vollendet.
Er beginnt mit der Erzählung, indem er kurz die Wälder am Hainberg erwähnt, die ihn anscheinend inspirierten. Doch dann erzählt er von der Beziehung zweier Personen aus der Perspektive des Mannes, die in Gelliehausen direkt neben dem Haus wohnen, in dem Bürger einst "Lenore" schrieb. Es wird exemplarisch erläutert, wie ein normaler Streit zwischen den beiden abläuft: Sie sitzen in der Küche und sich beschuldigen gegenseitig. Dann fahren sie mit dem Auto durch die Gegend. Der Erzähler springt einfach bei einem Halt aus dem Wagen, worauf sie ihm folgt und versucht ihn zu überreden wieder einzusteigen. Doch die Versöhnung bleibt meist aus und sie kehrt um. Als er wieder zu Hause ankommt, schläft sie. Er wirft einen Blick in sein Notizbuch und findet Einträge, wie sie nur von Bürger stammen können. Einer gleicht denen aus "Heimat Göttingen II" fast wörtlich.
Dann folgt ein längerer Absatz, in dem Bürger auf dem Weg zu seinem ersten Publikum beschrieben wird, dem er "Lenore" vortragen wird. Er kommt zum Gutshof Sennikerode, wo er in den Saal geführt und vom Landadel begrüßt wird. Dann greift Vesper wieder auf "Heimat Göttingen II" zurück und berichtet noch einmal von dem Schlag gegen den Rost, der alle so erschreckte.
Als nächstes kehrt die Erzählung zu dem Paar zurück. Er berichtet, dass sie das Gartetal liebt mit seinen Dörfern und Kirchen und dass auch er zuerst Gefallen daran fand, sich aber jetzt erdrückt fühlt. Beim Essen erzählt sie ihm von früher, als sie als Studentin ihre Eltern besuchte und fast hundert Kilometer mit der Bahn fuhr; wie nachdem alle Passagiere ausgestiegen waren, der Schaffner sie unsittlich berührt, sie aber keine Gegenwehr gezeigt habe.
Zu Hause fand sie ihre verwahrlosten Eltern und als sie ihren verkrüppelten, schlafenden Vater sieht, erinnert sie sich, dass er ihr einst auf ihr heftiges Drängen davon erzählte, wie er als Kriegsgefangener mit hunderten anderer durch Moskau geführt wurde. Hier bricht sie ab, weil ihre Beschreibungskünste nicht ausreichen, wie sie sagt. Am Abend des letzten Oktobertages entdeckt der Erzähler eine Gedenktafel, in der an "Lenore" erinnert wird - vielleicht jene, von der er auch in "Heimat Göttingen II" spricht.
Als es schon fast dunkel ist, geht er vor dem Schlafengehen Flöte spielen, worauf sie zu ihm eilt und ihn begleitet - wieder eine Parallele zu "Heimat Göttingen II", nur mit anderen Personen. Er legt sich schlafen und sie folgt ihm. Doch in der Nacht schleicht er sich aus dem Haus und begibt sich zu einer Mühle, wo er von zwei Frauen mit Bier empfangen wird, die er schon im Herbst kennen gelernt hatte. Sie schlafen in getrennten Betten. Aber er erwacht draußen und die Mühle steht in Flammen. Hat er sie angezündet, wie die beiden in "Heimat Göttingen II"?
Als nach Hause zurückkehrt, hat sie ihn verlassen, aber er trifft Bürger an, der ihm die Hand reicht und sagt: "Ich kenne die Grenze nicht mehr, an der die Wirklichkeit anfängt, hier, an der Zimmertür, unten im Hof oder draußen vor Dorf." Später finden Bürger und Lichtenberg natürlich noch einmal Erwähnung in seinem Buch "Nördlich der Liebe und südlich des Hasses".



Michael Zahnow

zurück

Zur Person: [Biographie] [Fotos/Bilder] [Interview]
Werke: [Hörspiel] [Gedichte] [Erzählung] [Film]
"Nördlich..." [Einleitung] [Kapitel] [Rezensionen] [60er Jahre] [70er Jahre] ["Pitaval"]
Variationen: [Unsere Texte]
Projekt: [Impressum]