Deutschland in den Siebzigern

Das Volkseinkommen hat sich seit 1960 bis Ende der siebziger Jahre fast verdoppelt, ebenso wie der private Konsum der Bundesbürger. Es gibt jetzt 10 Millionen Fernsehapparate statt 3,2 Millionen wie 1960 und statt 68 Autos je 1000 Einwohner sind es jetzt 200. Die sozialliberale Koalition bemüht sich um eine Entspannungspolitik zwischen Ost- und Westdeutschland. Einige übig gebliebene Streiter der Studentenbewegung entschließen sich, den Weg in den Terrorismus zu gehen und die Gesellschaft mit Gewalt zu verändern. Sie verfolgen noch immer die Ziele der vorangegangenen Studentenaufstände und kämpfen gegen die vermeintliche Allmacht des Staates. Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof, Andreas Baader und andere gehen in den Untergrund und versetzen die Bevölkerung mit Bombenanschlägen in Angst und Hysterie. Als der harte Kern der Roten Armee Fraktion (RAF) 1972 gefangen genommen wird, hört der Terror aber trotzdem nicht auf. Es gibt genügend andere, die an die Stelle ihrer Mitstreiter treten. Der Weg der RAF ist gezeichnet von Überfällen, Sprengstoffanschlägen, Entführungen und vielen Morden. 1977 gipfelt der Terror dann im so genannten "deutschen Herbst". Den Morden an Generalbundesanwalt Siegfried Buback und dem Vorstandssprecher der Dresdner Bank, Jürgen Ponto, folgt am 5. September die Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer. Die Entführer fordern die Freilassung von Ensslin, Baader, Meinhof und weiteren Inhaftierten der "Roten Armee Fraktion", bevor Schleyer wieder entlassen würde. Diese Forderung bringt den damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt in starke Bedrängnis, da er sich entweder für die Entlassung der Terroristen entscheiden muss und damit den Staat erpressbar aussehen lässt, oder den Forderungen der RAF nicht stattgibt und dann das Leben des Arbeitgeberpräsidenten aufs Spiel setzt. Schmidt entscheidet sich für den zweiten Weg, und am 19. Oktober 1977 wird als Antwort darauf Schleyer ermordet im Kofferraum eines Autos aufgefunden. Am Ende des Jahres begehen Gudrun Ensslin, Andreas Baader und Jan-Carl Raspe dann gemeinsam Selbstmord; Ulrike Meinhof war schon vorher freiwillig in den Tod gegangen.
Auch Guntram Vesper ist wie die die deutsche Bevölkerung in der Zeit von Angst geprägt, von der Angst, in das Sympathisantenumfeld der RAF hineingezogen zu werden und damit ins Visier der Polizei zu geraten. Er verarbeitet diese Ängste in "Nördlich der Liebe und südlich des Hasses" nicht zuletzt anhand der Figur Eduards. In unserem Interview erzählt er: "Die Erfahrungen, die Mitteilungen und die Nachrichten, die es damals gab, haben bei der Niederschrift des Kapitels eine große Rolle gespielt. Sie haben wahrscheinlich den Anstoß gegeben, daß ich es so abgefaßt habe, wie es jetzt gedruckt ist. Dahinter stand eine Auseinandersetzung. Zeitweise habe ich in Geismar gewohnt, am Mittelberg. Ich stand damals manchmal am Fenster oder auf dem Balkon, und wenn gelegentlich ein Alfa Romeo den Berg hinaufkam, habe ich Angst gehabt, daß jemand von dieser Truppe kommt bei mir zwei Nächte wohnen möchte oder vierzehn Tage. Wobei ich einige dieser Leute kannte, flüchtig. Aber die sind ja gerade dort hingegangen, wo flüchtige Bekannte waren, weil die guten Bekannten sicher ein Risiko darstellten für jemanden, der einen Unterschlupf suchte. Ich hatte einen Kollegen, er wohnte in Frankfurt, und bei dem haben zwei junge Frauen geklingelt, an der Mietwohnungstür in der Nähe der Bockenheimer Landstraße, also Univiertel, die haben gefragt, ob sie mit ein oder zwei weiteren Personen zwei Tage bei ihm wohnen, also übernachten könnten. Daraus ist ein sechswöchiger Aufenthalt geworden, mit Andreas Baader an der Spitze. Die haben sich die Wohnung förmlich unter den Nagel gerissen, und wenn Baader Kommandonotizen gemacht hat, dann hat er irgendein Buch aus dem Regal gerissen, hat vorne die Seite rausgefetzt, den Vorsatz, und hat seine Notizen drauf gemacht. Das hat sich immer mehr zugespitzt, so daß der Wohnungsinhaber, mein Kollege, dann verreist ist, nach Wunstorf, wo er einen Onkel hatte. Er hat praktisch seine Wohnung verlassen, weil er die Einquartierung nicht wieder loswurde. Und dann hat es einen Schußwechsel gegeben, auf der Bockenheimer Landstraße, zwischen der Polizei und zwei dieser Frauen, und die anliegenden Wohnungen sind durchsucht worden, unter anderem seine. Da ist das aufgeflogen, das heißt, er ist später wegen Beihilfe verurteilt worden. Eine ziemlich unangenehme Sache. Das und vieles ähnliche hat mich umgeben und gehörte zu meinen Erfahrungen und meiner damaligen Welt. Auch eine Haussuchung. Wie im Buch nachzulesen wäre."
Bereits 1973 sieht die Welt die erste Ölkrise. Nach einem arabischen Ölboykott steigen die Preise drastisch an und die westliche Wirtschaft gerät ins Wanken. Der deutschen Bevölkerung wird direkt vorgeführt, dass dem Wirtschaftswachstum der vorangegangenen Jahre Grenzen gesetzt sind. Die Zeit des Überflusses scheint vorbei. Stark betroffen sind vor allem die Jugendlichen. Die Zahl der Konkurse, Firmenfusionen und Kurzarbeiter ist alarmierend. Die Arbeitslosigkeit steigt, die Zahlen liegen inzwischen bei einer Million. Die Bundesbürger, sonst von stets steigendem Wirtschaftsanstieg verwöhnt, bekommen Zukunftsangst. Sie beginnen nun auch ihre Umwelt und Umgebung bewusster wahrzunehmen. Es wird über Umweltschutz, Atomkraftwerke und den technischen Fortschritt öffentlich diskutiert. Bürgerinitiativen schießen wie Pilze aus dem Boden. Der Einzelne will sich in ihnen gegen die Übermacht der Ämter in der überverwalteten Bundesrepublik Deutschland wehren. Dabei soll aber keine große überregionale Politik gemacht werden. Es sind hier viel eher die persönlichen Belange wichtig, spielen vor allem die Probleme vor der eigenen Haustür eine wichtige Rolle. Insgesamt sind die Menschen unsicherer geworden. Zweifel an der Zukunft stehen auf der Tagesordnung, gepaart mit der ständig präsenten Angst vor erneutem Terror der RAF-Fraktion. Die Orientierungslosigkeit dieser Epoche ist gefundenes Fressen für eine immer größer werdende Zahl von Sekten, die seelische Zuflucht versprechen, und für die Verkäufer von Drogen, die die Depressionen vertreiben sollen. Auch die Literatur beschäftigt sich Mitte der siebziger Jahre stark mit dem Innenleben des Einzelnen. Das autobiographische Schreiben tritt in den Vordergrund. Die "Konjunktur des öffentlich Privaten" wird dies nun genannt. Der Schriftsteller befasst sich weitestgehend mit sich selbst, seinem Innenleben, seinen Problemen. Ein so genannter Ich-Kult wird dadurch ausgelöst, der sich bis weit in die achtziger Jahre fortsetzt.















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