Die Studentenbewegung im Göttingen der 60er

Moritz Heil

"Das muss 1967 gewesen sein, ich bin aber nicht ganz sicher ob es nicht 1968 gewesen ist, also entweder 67 oder 68. Da war hier in Göttingen viel los, wie in allen anderen deutschen Universitätsstädten"

In den sechziger Jahren wuchs in Deutschland und anderswo eine neue Jugend heran. Geprägt durch die weltpolitischen Spannungen, die sich vor allem im Ost-West-Konflikt äußerten, entwickelte diese Generation - insbesondere die intellektuellen Studenten - ein intensives kritisches politisches Bewusstsein.
Guntram Vesper, der zu Beginn der sechziger Jahre Medizin und Germanistik in Göttingen studierte, erinnert sich an die Themen, die die Studenten in dieser Zeit vorwiegend beschäftigten: "Es gab im Zusammenhang mit den Plänen für eine Notstandsgesetzgebung eine Bereitschaft, auf die Straße zu gehen und sich dagegen zu wenden. Das hing auch mit dem Vietnamkrieg zusammen und mit der Installierung der außerparlamentarischen Opposition. Diese drei Momente spielten eine ganz große Rolle."
Der protestierende, linksgerichtete Teil der Studenten fühlte sich von der großen Koalition aus CDU/CSU und SPD nicht ausreichend vertreten und bildete den außerparlamentarischen Widerstand. Der Ärger der Studenten richtete sich gegen die Durchsetzung der von Bundeskanzler Ludwig Erhard geforderten Notstandsgesetze, die im Falle eines "Notstandes" eine zeitweilige Aufhebung demokratischer Grundrechte ermöglichte. Auch im Ost-West-Konflikt und insbesondere beim Vietnamkrieg ließen sich die Studenten nicht auf das in der Truman-Doktrin festgelegte Schwarz-weiß-Denken der amerikanischen Außenpolitik ein und distanzierten sich damit von der Politik ihrer Regierung.
Weitere Konflikte ergaben sich aus einem allgemeinen Aufbegehren gegen Lebensformen und Institutionen der Elterngeneration.
Die Studenten waren organisiert im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS). Die politischen Gruppen trafen sich in Vollversammlungen. Guntram Vesper, der selber häufig an diesen Vollversammlungen teilnahm, sah diese Auftritte schon damals nicht ohne Ironie. "Da wurde geredet ohne Ende, das waren Auftritte natürlich, die auch rhetorisch nicht schlecht waren. Das waren mitreißende Auftritte und da ging es aber um Kleinigkeiten, um die allerfeinsten ideologischen Unterschiede, die spielten eine Rolle. Und die konnten dazu führen, dass jemand ein oder zwei Stunden redete. Man wollte auch etwas geboten haben. Man wurde genauso emotional geschleift wie im Kino, beim Film, wo man eventuell mehr begeistert war, wo mehr Zustimmung aufkam."
Laut Vesper lag das Hauptpotential der Studenten und ihrer Demonstrationen in der Masse der Teilnehmer. In "Nördlich der Liebe und südlich des Hasses" erinnert er sich, "Wie stark man war, einfach dadurch, dass man mit tausend anderen dastand."
Sicherlich war auch die Demonstration für eine eigene Seite für die Interessen der Studenten im Göttinger Tageblatt hauptsächlich wegen der Masse der Demonstranten von Erfolg.
Auf die Zeit in den 60er Jahren blicken viele Zeitzeugen heute sicherlich mit unterschiedlichen Gefühlen zurück. Viele haben ihre Ideale ganz vergessen, einige wenige kämpfen noch heute uneingeschränkt weiter. Und ein großer Teil, zu dem auch Guntram Vesper gehört, sieht die Probleme der Welt heute anders. Für Vesper war in den 60er Jahren "alles Klar. Dagegen das Zwielicht heute."

Panoramaansicht einer Demo vor dem Alten Rathaus

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