Die Stadtentwicklung

Julia Gellersen

"Eine Stadt wird um so weniger Heimat, je mehr zehnte Stockwerke sie bekommt." schreibt Guntram Vesper, der seit 1963 einen Wohnsitz in Göttingen hat in "Nördlicher der Liebe und südlich des Hasses". In diesem Zeitraum tut sich in der Tat einiges auf dem Gebiet der Stadtentwicklung.
Anfang der 60er Jahre ist Göttingen die Stadt mit den größten Wohnungsdefiziten in Westdeutschland. Um Abhilfe zu schaffen, entstehen in dieser Zeit die Wohngebiete auf dem Leineberg und dem Holtenser Berg. Doch nicht nur diese gleichförmigen Wohnkomplexe werden errichtet. Göttingen schafft 1964 durch die Eingemeindung von Geismar, Grone, Weende und Nikolausberg den Sprung über die 100.000-Einwohner-Grenze und wird zur Großstadt. Diesem neu erworbenen Rang muss man gerecht werden. "Eine moderne Stadt braucht Banken, Kaufhäuser und Parkplätze, keine Fachwerkhäuser aus der Frührenaissance" heißt die Devise. Zu dieser Zeit ist Sanierung noch gleichbedeutend mit Abriss und Neubau und so werden dem Stadtkern "die schönen Fachwerkhäuser ausgebrochen wie einem alten Gebiß die mürben Zähne". 1967 beginnt die Verlängerung der Keplerstraße zur Bürgerstraße und nur ein Jahr später müssen zahlreiche kleine Läden, Fachwerkhäuser und Bäume dem Volksbankgebäude am Geismartor weichen. Auch der Reitstall, das älteste Gebäude der Georg-August-Universität, wird 1968 abgerissen. Die Fläche wird vorerst als Parkplatz verwendet. 1972 errichtet die Gothaer Lebensversicherung direkt gegenüber ein kombiniertes Geschäfts-, Büro- und Appartmenthaus, dem sämtliche alte Häuser von der Jüdenstraße bis zur Unteren Karspüle zum Opfer fallen. Der architektonische Tiefpunkt wird dann zwei Jahre später erreicht. Auf dem alten Reitstallgelände erbaut Hertie das wohl hässlichste Gebäude der Stadt, das heutige Carré.
Mit einer enormen Abrissfreudigkeit und Großzügigkeit wurde in den Sechzigern die Erweiterung von gewerblichen Flächen betrieben. Der für 1975 prognostizierte Verkaufsflächenbedarf wurde aber nicht einmal 1985 erreicht.
Der Versuch, sich durch Sanierung und Modernisierung als Großstadt zu präsentieren, ist in den Augen der Einwohner Göttingens fehlgeschlagen, da statt der Erhaltung des historischen Stadtbildes nur noch die Funktionalität im Vordergrund stand. Erst Mitte der siebziger Jahre trat hier ein Wandel ein, durch den weitere Innenstadtquartiere vor dem Verschwinden bewahrt werden konnten.
"Wenn du da durchgehst, hast du nicht den Eindruck, das könnte Heimat sein." - diesem Zitat Vespers ist wohl nichts mehr hinzuzufügen. Allerdings heißt das nicht, dass ihm Göttingen nicht gefällt. Im Gegenteil, wie er im Interview sagt, liebt er die Stadt. Doch gerade deshalb tragen Entwicklungen wie das Ersetzen von Fachwerkhäusern durch riesige Betonklötze nicht dazu bei, sich weiterhin wohl zu fühlen, denn "was sind solche Unternehmungen, ein Platz begrünt, zwei Häuser hergerichtet, die Ladenfronten angestrichen, gegen die lange Liste der Verluste."

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