Göttinger Tageblatt

Moritz Heil

Seit den 30er Jahren war das Göttinger Tageblatt im Besitz der Familie Wurm. Das GT kann sich nicht einer regimekritischen Berichterstattung in der NS-Zeit rühmen.
"Wir kannten die Schlagzeilen auswendig, mit denen das Tageblatt nach dem Dritten Reich gerufen hatte. Schon 1924 ganz schrill.", gibt Guntram Vesper die Meinung der Studenten zum Göttinger Tageblatt in "Nördlich der Liebe und südlich des Hasses" wieder.
In der Auswahl der aufgegriffenen Themen sowie im Ton der Kommentare im Göttinger Tageblatt spiegelte sich eine eher rechtsgerichtete, zumindest aber antikommunistische Grundeinstellung des Verlegers wieder. So wurden in der Ausgabe vom 18.1.1960 Kommunisten für antisemitische Zwischenfälle in Westdeutschland verantwortlich gemacht. Auch die Affäre um das U2-Aufklärungsflugzeug, das in Russland abstürzte, wurde im Mai 1960 vom Göttinger Tageblatt schöngeredet.
In der Berichterstattung über den Vietnamkrieg ließen sich ähnlich unkritische, amerikafreundliche und antikommunistische Tendenzen erkennen. Die letztendlich kriegsentscheidende Offensive der Nordvietnamesen wurde als ungefährlich heruntergespielt. Auch Berichte über Massaker amerikanischer Soldaten an der Zivilbevölkerung wurden zunächst als Propaganda kommunistischer asiatischer Staaten abgewertet. Als die Verbrechen dann nicht mehr abgestritten werden konnten, wurde in einem Artikel versucht, das Verhalten der Soldaten, wenn nicht zu rechtfertigen, so doch wenigstens zu begründen.
Vielen linken Studenten, zu denen sich auch Guntram Vesper zählte, widerstrebte diese antikommunistische, undifferenzierte Berichterstattung oder auch das Nicht-Berichten des Göttinger Tageblatts. Als Studenten missfiel ihnen die Themenauswahl aber noch viel unmittelbarer. Der Protest und teilweise auch der Widerstand der Studenten gegen die Politik der Bundesregierung fand in den Ausgaben des Göttinger Tageblatts entweder gar keine Beachtung oder ihm wurde mit Verständnislosigkeit begegnet.
Diese Differenzen führten dann auch zu der von Guntram Vesper erwähnten Demonstration: "Wir wollten zum Tageblatt hin und wir wollten jeden Tag eine Seite für die Belange der fortschrittlichen Studenten, des SDS und des AStA und der außerparlamentarischen Opposition." Den Studenten war klar, dass sie das Göttinger Tageblatt nicht von einem Tag auf den anderen umkrempeln konnten. Es ging vielmehr darum, zu den "Lügen der hiesigen Zeitung, des Göttinger Tageblatts" ein Gegengewicht zu schaffen, nicht sie zu korrigieren. Obwohl die Studentenseite hauptsächlich für die Studenten selbst gewesen sei, "hatte man ja zu der Zeit auch noch die Hoffnung, dass das auch ausstrahlt auf die Bevölkerung, dass die Argumentation die Bevölkerung eventuell erreicht und sogar mobilisiert". Dieses Ziel konnte die Seite allerdings nicht erreichen. Wie Vesper ziemlich knapp bemerkt: "Der Star wurde ja ziemlich schnell gestochen."
Auch wenn es nicht gelang, die breite Öffentlichkeit auf die Seite der Studenten zu ziehen, so kann man doch sagen, dass das Zugeständnis einer eigenen Seite pro Ausgabe für ihre Interessen, als großer Erfolg gewertet werden kann.


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