Herder und der Graf
Seit
dem ersten Zusammentreffen von Herder und Graf Wilhelm zeigte sich, wie schwer
eine Annäherung zwischen diesen beiden Männern möglich war. In Herders Jahren
in Bückeburg kam es nie zu einem engen Kontakt.
Herders
Vorgänger war Thomas Abbt gewesen, mit dem sich der Graf besonders gut verstanden
hatte. Er war im Alter von 27 Jahren in Bückeburg gestorben. Der tief betroffene
Graf hatte Herders in Riga verfassten Nachruf auf Abbt gelesen und war seither
bemüht, ihn als Nachfolger an seinen Hof zu holen. Der
Graf war trotz seiner Aufgeschlossenheit für Wissenschaft und Künste ein Mann
mit kühlem Verstand, außerdem durch und durch Soldat und von beeindruckender
Statur. Zu ihm fand der etwa 20 Jahre jüngere Herder, klein, zierlich, empfindsam,
mit weicher, leiser Stimme und einem äußerst lebhaften Temperament, keinen Zugang.
Graf Wilhelm hatte in Herder einen Mann erwartet, der sich - wie Abbt -
in erster Linie den Wissenschaften und der fachkundigen Unterhaltung
mit ihm widmen sollte. Herder dagegen war mit dem festen Vorsatz gekommen, sich
ganz um das geistliche Amt, das er liebte und als seinen Lebensberuf betrachtete,
zu kümmern. Aus diesen gegensätzlichen Interessen entstanden häufig Spannungen.
Abbt
In
Briefen an Freunde und seine Verlobte Karoline Flachsland schrieb Herder von seiner
Enttäuschung über den Landesherrn und wie unwohl er sich in den ersten
Jahren in Bückeburg fühlte. Dabei kam es zu recht überspitzten Formulierungen:
„Meine Situation gegen den Grafen ist immer dieselbe: unkenntlich, entfernt, nicht
füreinander“. Oder: „Ich kann
einen ganzen Nachmittag (mit dem Grafen) promenieren, ohne was anderes als zu
nicken oder sanfte Beugungen zu machen“. Oder: „Alle meine Lieblingsideen
von Predigtamt sind zum Teil an diesem Ort vernichtet; ... an deren Vielem ich selbst
Schuld bin“.
Ein
anderes Mal klagte er, „in diesem despotischen Narren- und Zauberlande“ gebe
es nur „wüste Köpfe und Steine, aus denen kaum mit Stahl ein Funke zu schlagen
ist! Weiber ohne Reize und Lektüre, ohne Bildung und Bildsamkeit!“
Oder:
„Übrigens herrscht hier in dem kleinen Ländchen ein solcher Despotismus, eine
solche kriechende und garstige Kleinheit, als ich selbst in den despotischsten
Orten nicht gefunden“. Herder
musste erkennen, wie groß die Verdienste des Grafen für sein Land und vor allem
im Militärischen waren. Aber für eben diese Dinge, die seinem Herrn
über die Landesgrenzen hinaus Ruhm gebracht hatten, hatte Herder wenig Verständnis und
Interesse.