Goethe über Herder 1770

In Straßburg ließ sich Herder an einem Auge operieren. Hier lernte er als 26 - jähriger den 21 Jahre alten Goethe kennen, der ihm bei seiner Genesung sehr behilflich war. Goethe musste ihm über Wochen hindurch "zweimal täglich ein Pferdehaar in der Wunde bewegen".

Aus dieser Zeit stammt die wohl treffendste und ausführlichste Bechreibung Herders von einem Zeitgenossen. Goethe beurteilt Herder in der Straßburger Zeit :

"Sein gepudertes Haar war in eine runde Locke aufgesteckt ..... ein langer, schwarzer, seidener Mantel, dessen Ende er zusammengenommen und in die Tasche gesteckt hatte. ...Er hatte ein rundes Gesicht, eine bedeutende Stirn, eine etwas stumpfe Nase, einen etwas aufgeworfenen, aber höchst individuell angenehmen, liebenswürdigen Mund. Unter schwarzen Augenbrauen ein paar kohlschwarze Augen, die ihre Wirkung nicht verfehlten, obgleich das eine rot und entzündet zu sein pflegte."

....."Es währte nicht lange, als der abstoßende Puls seines Wesens eintrat.... . Herder konnte allerliebst einnehmend und geistreich sein, aber ebenso leicht eine verdrießliche Seite hervorkehren. .....Was Herder betrifft, so schrieb sich das Übergewicht seines widersprechenden, bittern, bissigen Humors gewiss von einem Übel und den daraus entspringenden Leiden her. Die ganze Zeit dieser Kur besuchte ich Herder morgens und abends ; ich blieb wohl auch ganze Tage bei ihm und gewöhnte mich in kurzem um so mehr an sein Schelten und Tadeln, als ich seine schönen und großen Eigenschaften, seine ausgebreiteten Kenntnisse, seine tiefen Einsichten täglich mehr schätzen lernte."

"Seine Einwirkung auf mich war groß und bedeutend."

Die von Goethe schon zu dieser Zeit angesprochene Zwiespältigkeit im Wesen Herders wurde auch später von vielen seiner Zeitgenossen so gesehen.

Gasthof "Zum Geist" in Straßburg. Hier wohnte Herder.